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Eine Hebamme erzählt

Wenn ein Kind geboren wird, bedeutet dies auch für das Paar einen Aufbruch: den Aufbruch zum Eltern-Sein. Hoffnungen und Vorfreuden verbinden sich mit der Angst vor der Verantwortung für das neue Leben.

Auf einmal fühlt sich eine Frau ganz anders. Am Morgen beim Aufstehen die Übelkeit, den ganzen Tag eine nicht gekannte Müdigkeit. Ob sich da ein neues Leben einnistet, das die Wärme und Geborgenheit einer Mutter sucht? Der Schwangerschaftstest bestätigt dies dann auch. Ein + heisst positiv. Eine unvoreingenommene Freude und zugleich ein mulmiges Gefühl gehen durch den Körper: Bin ich dem gewachsen?

Wechselnde Gefühle

Am Abend stellt die Frau ein paar Kinderfinkli auf den Essplatz ihres Mannes. Mal schauen, wie er reagiert! Das Zeichen ist für ihn sonnenklar: «Ich werde Vater!» Stolz erfüllt ihn. Gibt es etwas Grösseres, als dass aus der Liebe zweier Menschen ein Kind entsteht und gedeihen darf?

Die Angst vor der grossen Verantwortung ist auf einmal verflogen. Zu spüren, dass der Partner sich freut und Anteil nimmt, lässt alles leichter erscheinen. Und schliesslich haben sie es sich ja so gewünscht.

Während der ganzen Schwangerschaft wechseln sich die Gefühle ab. Einmal möchte man der ganzen Welt das freudige Ereignis mitteilen. Himmelhoch jauchzend – und schon gesellt sich Angst vor der Verantwortung der nächsten Jahre hinzu.

Ich gebe jeweils den Paaren mit auf den Weg, dass gerade aus diesem Grunde ein Kind neun Monate bei der Mutter ist. Das gibt dem Paar genügend Zeit, sich auf die neue Familiensituation vorzubereiten, nicht nur in materieller Hinsicht, auch emotional.

Wichtig scheint mir auch immer wieder die Grundsatzdiskussion über die Erziehung des Kindes. Was hat mich geprägt, zu diesem Menschen gemacht, der ich heute bin? Jeder Elternteil bringt seine gemachten Erfahrungen mit. Meistens erinnern sie sich daran, wie sie als Kinder waren.

Gebären als Grenzerfahrung

Der grosse Tag rückt näher – die Geburt. Freudige Erwartung: Was kommt bei der Geburt auf die Frau, auf das Paar zu? Sehr viele Frauen haben das Urvertrauen in ihren Körper verloren. Wo ist die Überzeugung geblieben: «Das schaffe ich. Vor mir haben schon Tausende von Frauen geboren.» Der Zeitgeist macht vor dem Gebärzimmer nicht halt.

Will sich die moderne Frau auf das einmalige Erlebnis des Gebärens/Geboren-Werdens einlassen? Oder kommt das Kind durch einen Wunsch-Kaiserschnitt zur Welt?

Gebären ist eine Grenzerfahrung im Leben. Junge Menschen suchen heute ihre Grenzen in Urwaldtripps, Bike-Touren durch die Wüste, Bungee-Jumping. Ich möchte die Frau dazu ermutigen, die Geburt als positive Grenzerfahrung zu erleben und Vertrauen in die Hebamme zu haben, die sie begleitet und trägt.

Für mich sind das immer die besonderen Höhepunkte (Highlights) in der Betreuung von Frauen und Paaren während der Geburt, wenn ich sie durch die «Krise» der Schmerzen tragen kann.

Das Kind ist da!

Erschöpft lehnt sich die Mutter zurück. Nicht lange, sogleich ist die Müdigkeit verflogen und sie schaut sich mit ihrem Mann ihr Kind ganz genau an. Erstaunt, dass wirklich schon alles dran ist: Zehn Finger, sogar mit «Fingernägeli», zehn Zehen …

Schon schaut das Kleine mit grossen Augen neugierig in die Welt. Ist das nicht ein Wunder? Erst jetzt interessiert es die Eltern, ob es denn nun wirklich ein Junge ist, wie im Ultraschall bereits erkannt. Oder wurde dies falsch interpretiert und es ist ein Mädchen.

Von diesen Minuten an ist eine Familie geboren und im Zentrum steht das Neugeborene. Ob es wach ist oder schläft, stundenlang können die Eltern es bestaunen. Sie entdecken immer wieder etwas Neues. Es ist ihr Kind.

Eine Situation hat mich ganz besonders ergriffen: Als der Arzt das Kind der Mutter auf den Bauch legte, kam von ihr ein Schrei: «Was hat mein Kind?» Bevor ich es richtig sehen konnte, lenkte der Mann die Frau ab und sagte: «Schau mal, wie schöne Ohren es hat! Und hast du die Händchen gesehen?»

Jetzt sehe ich es, dass das Kind eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hat. Besser hätte der Ehemann nicht reagieren können: ablenken auf das Gesunde und Schöne, damit der kleine Bub trotzdem willkommen ist mit seinem ganzen Wesen.

Neuausrichtung

Mit jedem Kind, egal ob alles rosarot und himmelblau war während Schwangerschaft und Geburt: Das Leben einer Familie richtet sich nun neu aus. Bis anhin hat Frau/Mann nur für sich entschieden, ob bewusst oder unbewusst. Alles hat nun einen neuen Stellenwert erhalten. Vieles relativiert sich. Der Ausgang ist auf einmal nicht mehr so wichtig. Der Kollegenkreis setzt sich aus jungen Pärchen zusammen, die ebenfalls Kinder haben. Die Weltreise muss warten …

Die Medienwelt mit all den berühmten Müttern, Familien- und Powerfrauen machen es unserem traditionellen Familienbild nicht einfach. Es häuft sich, dass Frauen sich bei mir entschuldigen, wenn ich sie auf ihre Arbeitssituation anspreche: «Ich bin halt nur Hausfrau!» Hausfrau? Müsste hier eine modernere Bezeichnung Einzug halten, vielleicht Familienmanagerin? Eine Mutter benötigt mehr als zwei Hände, zwei Ohren und ein liebendes Herz, damit sie als Erzieherin und Wegbegleiterin allen Ansprüchen gerecht werden kann und dabei weiterhin glücklich und zufrieden ist.

Emanzipation

Wo ist unsere Emanzipation geblieben? Müssen wir dem Bild entsprechen, das uns in Werbung und Medienwelt vorgezeigt wird? Stehen wir doch als Eltern mit Freude zu unsern Wertvorstellungen, die wir als Mutter und Vater unsern Kindern weitergeben! Schön wenn man sich in der Tochter, im Sohn wiedererkennt, weil es ein Teil von mir und dir ist.

Die Zeit ist sehr kurz, in der die Kinder voll zuhause sind. Bald sind sie durch Spielgruppe, Kindergarten, Schule und Hobbys fix verplant. Es entsteht wieder Freiraum für eigene Interessen. Gönnen wir uns also den Luxus, einige Jahre «nur Mutter» sein zu können. Das ist Emanzipation!

Die Rolle der Hebamme

Für mich bedeutet es nach wie vor sehr viel, bei diesem freudigen Ereignis die begleitende, mittragende Hebamme zu sein. Es gibt nichts, das meinen Energietank mehr auffüllt als eine Geburt eines Kindes, das wirklich aus Liebe in dieser Welt willkommen geheissen wird. (Ich glaube, auch fliegen ist nicht schöner …)

Mein oberstes Ziel ist es, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln: mit der Frau/dem Paar Entscheidungen zu treffen, die der Situation gerecht werden. Die einfachsten sind nicht immer die besten Lösungen.

Durch das Begleiten von Paaren reife auch ich. Mein Denken wird anders. Zu Beginn wollte ich Frauen von diesem oder jenem überzeugen, weil ich zu wissen meinte, was für sie das Beste sei. Mit Distanz betrachtet, lerne ich, dass es nicht mein Geburtserlebnis ist. Ich kann der Frau verschiedene Vorschläge machen und Möglichkeiten aufzeigen. Aber entscheiden wird sie immer selbst, solange es für sie und ihr Kind nicht bedrohlich ist.

Rituale einbringen

Ich begrüsse jedes Kind und heisse es auf dieser Erde herzlich willkommen. Wenn ich einer Frau ihr Kind auf den Bauch lege, sage ich zu ihm: «Jetzt seisch am Mami Danke.»

Immer wieder kommt die Frage auf: Was wird wohl aus dem Kinde werden? Was wird ihm das Leben zu bieten haben? Welche Prüfungen musst Du, kleiner Mensch, bestehen und was annehmen? Kannst du Kind sein, die einzige unbeschwerte Zeit im Leben geniessen? In Situationen, wo ein Kind bei allein stehenden Frauen nicht willkommen ist, geht es mir besonders nahe.

In den ersten Stunden schaffe ich Raum für Geborgenheit und Ruhe. Denn dies bewirkt, so glaube ich, einen guten Start, ein gutes Fundament zum Leben.

So wünsche ich allen Frauen, Männern und mir immer wieder einen erwartungsvollen und feierlichen Moment, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt.

Brigitta Schätti-Müller, dipl. Hebamme