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Alles läuft rund. Doch plötzlich geht nichts mehr. Solche «Momente» sind nicht nur ärgerlich. Sie sind auch eine Chance. Die Bekehrungsgeschichte des heiligen Franz zeigt es.

Geht es gut? Läuft alles rund? Bist du fit unterwegs? Gelingendes Leben wird mit störungsfreier Bewegung verbunden. Bleibt ein Zug ungeplant stehen, ist der Strassenverkehr blockiert, geht es an der Kasse nicht vorwärts oder fällt die Internetverbindung kurz aus, ärgern sich viele. Doch auch ungeplante Pausen oder Stopps können sowohl im Alltagsleben wie in Lebensgeschichten heilsam sein.

Gut unterwegs

Franz von Assisi ist zunächst viele Jahre gut unterwegs. In eine privilegierte Familie geboren, erhält er Schulbildung (ein Privileg vor 1200) und lernt im mittelalterlichen Assisi den Beruf eines Modefachmanns. Mit vierzehn erwachsen, tritt er in die führende Zunft der Kaufleute ein. Sein Vater macht ihn mit den nahen Märkten vertraut und nimmt ihn wohl auch auf Handelsreisen nach Frankreich mit. Die Horizonte weiten sich. Die Familie investiert in Immobilien, kauft Häuser und betreibt profitable Geldgeschäfte.

Franziskus kann sich vieles leisten, wird Festkönig der Jugend und hat glänzende Aussichten. Als die Stadt 1198 den deutschen Grafen aus der Stauferburg vertreibt, kommt auch politisch vieles in Gang: Die Bürger setzen eine demokratische Gemeindeordnung durch und nehmen das Geschick der Stadt selber in die Hand.

Diese Zeit des Aufbruchs beflügelt den jungen Kaufmann, der ehrgeizige Träume zulässt. Sozial angesehen, beruflich erfolgreich und politisch beschwingt hofft er, Ritter zu werden und zur Elite der Gesellschaft zu stossen.

Der eskalierende Städtekonflikt zwischen Assisi und Perugia kommt da gerade recht. Die Familie verkauft einen Bauernhof, um den Sohn mit Pferd, Rüstung und Waffen auszustatten. Zeichnet er sich im bewaffneten Kampf aus, kann sein Rittertraum sich erfüllen.

Unliebsame Fragen

Doch es kommt anders. Die Schlacht wird zum Debakel. Franziskus überlebt das Gemetzel, landet aber in Kriegsgefangenschaft. Ein ganzes Jahr schmachtet er in den Kerkern Perugias. Erst als Assisi politisch einknickt, den vertriebenen Adel wieder aufnimmt und bürgerliche Freiheiten aufgibt, kehren die gefangenen Söhne zurück.

Die Gesundheit des Franziskus ist schwer geschädigt. Es wird Monate dauern, bis er auf einen Stock gestützt wieder ins bunte Treiben der Stadt eintauchen kann. Und er erschrickt: Das lebensfrohe Assisi hat seine Farben verloren. Ein erschütterndes MOMENT MAL wirft den erfolgsverwöhnten Kaufmann aus seiner Bahn.

Einigermassen gesund geworden steht er zwar wieder im Geschäft, reitet auf Märkte und feiert Feste. Doch über seinem Alltag steht ein quälendes Fragezeichen. Stimmen aus dem erlittenen Dunkel von Krieg, Kerker und Krankheit verschaffen sich Gehör – und brennende Fragen finden keine Antwort: Was nützen modische Kleider, wenn du innerlich leer und nackt bleibst? Was sollen Feste mit Freunden, wenn sie deine Seele allein lassen mit schrecklichen Erinnerungen? Was hat aller Reichtum des Vaters denn geholfen, als die Krankheit in den Abgrund führte?

Franziskus tut einen wichtigen Schritt. Er stellt sich seinen Fragen und beginnt mitten in seiner Realität zu suchen. Er ringt um Antworten, um Werte und um ein Leben, das wirklich trägt.

Auf einem letzten Fluchtversuch vor sich selbst stoppt ihn eine unruhige Nacht in Spoleto. Sie lässt ihn ahnen, dass kein Mensch ihn in eine neue Zukunft führen kann – nur Gott allein, sofern er dem unreligiösen Kaufmann damals noch erscheint.

Kann man sich oder anderen Krisen wünschen, seien sie gesundheitlicher, beruflicher oder spiritueller Art? Auch unerwünscht brechen Krisen bisweilen heilsam in ein Leben, unterbrechen den Lauf der Dinge und lassen einen Menschen aufhorchen. Allzu Erfolgreiche können den Blick für Wesentliches verlieren. Ein zu routiniertes Leben fragt nicht mehr nach dem tieferen Sinn. Franziskus wird später freiwillig Auszeiten nehmen, um immer wieder vom engagierten Tun ins schlichte Sein zu kommen, vom Reden ins Hören, vom Aussen ins Innen und vom Du zum Ich.

Hilflos suchend

Erschüttert durch die Erfahrung von Krieg, Kerker und Krankheit wird Franziskus in seinem Hunger nach neuer Lebensfreude und nach einem tieferen Sinn zunächst zu einem hilflos Suchenden. Ab und zu stiehlt er sich aus dem Geschäft und dem Treiben der Stadt hinaus. Vom Berghang des Subasio blickt er hinunter auf Assisi und auf seine Lebenswelt.

Mit der Zeit entdeckt er unterhalb der Stadt ein verlassenes Priorat mit einer Krypta, in die er sich zurückziehen kann. Ihr Halbdunkel entspricht seiner inneren Welt. Das Verweilen in der Stille lässt ihn zu sich selber kommen. Franziskus nimmt sich, seine Erfahrungen und Fragen, seine Sehnsucht wahr – und stellt sich ihnen. Er beginnt da auch jenes Gebet zu sprechen, das um Licht in sein inneres Dunkel bittet:

Höchster, lichtvoller Gott,
erleuchte die Finsternis in meinem Herzen:
gib mir einen Glauben, der weiterführt,
eine Hoffnung, die durch alles trägt,
und eine Liebe, die auf jeden Menschen zugeht.
Lass mich spüren, wer du, Herr, bist,
und erkennen, wie ich deinen Auftrag erfülle.

Der Weg in die Stille öffnet Franziskus nicht nur den Blick für seine Innenwelt und für den Lichtvollen über allem. Die Distanz zur Stadt verändert auch seine Sicht auf die eigene Lebenswelt. Erst jetzt entdeckt er das andere Assisi: die dunklen Gassen der Arbeiter und der Ausgenutzten, das Schicksal des neuen Proletariats, das Elend der Kranken, der Bettler und Gestrauchelten am Rande der Stadt.

Jetzt erst hat er ein Auge für jene, denen es nicht gelingt, in Assisi Fuss zu fassen: die Armen vor den Toren. Und er lässt sich berühren von Aussätzigen: von Menschen, die wegen Lepra von heute auf morgen aus der Stadt verbannt wurden und sozial für tot erklärt worden sind.

Moment mal!

Sind sie tatsächlich von Gott gestraft, die Armen vor den Toren? Sind sie seelenlose Gespenster, die Leprosen in der Ebene? Und ist Gott tatsächlich der ferne Weltenherrscher? Das neue Schauen und der wache Blick des Herzens verändern Franziskus’ Wahrnehmung. Seine Sicht der Gesellschaft, der Kirche und des Menschen wandelt sich.

Assisi zeigt immer deutlicher die unbarmherzige Seite seiner bürgerlichen Wirtschafts- und Sozialordnung. Die Kirche hat den «armen Christus» vergessen, der Franziskus in der zerfallenden Kapelle von San Damiano erwartet. Dort zeigt ihn eine Ikone als Bruder der Menschen, schutzlos und halb nackt, als Rabbi seiner Gefährtinnen damals in Galiläa und als Freund der Randständigen heute. Was die Stadt erwartet und was die Kirche lehrt, Franziskus stellt es in Frage. Er lernt Gesellschaft wie Kirche zu durchschauen. In der Begegnung mit den Verstossenen «ist mein Herz erwacht », schreibt er später in seinem Testament.

Die Krypta von San Masseo lässt Franziskus zu sich selber finden. Im Leprosorium von San Lazzaro an derselben Strasse weiter unten findet er zum Nächsten. Sich selbst annehmen und auch unliebsame Menschen lieb gewinnen sind untrennbar miteinander verknüpft: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» In San Damiano findet Franziskus auch zur Gottesliebe: Der fern geglaubte Weltengott wird da zu seinem Meister, Bruder und Freund. Bisweilen braucht es nicht nur gute Momente, sondern auch bestimmt Orte, um zu einer neuen Sicht und einer neuen Liebe zu kommen.

Fussspuren folgen

Franziskus findet nach vier bewegten Jahren Sinnsuche sein neues Leben. Mit Gefährten wird er Jünger Jesu. Sie suchen, Frieden in Häuser und Städte zu bringen, Gottes Zuwendung zur Welt spürbar zu machen und das Evangelium in den Lebensalltag der Menschen sprechen zu lassen. «Den Fussspuren Jesu folgend» ziehen die Brüder sich aber auch regelmässig zurück.

Nach dem Vorbild Jesu, der  vierzig Tage in die Wüste ging, hält Franziskus sich immer wieder stille vierzig Tage in den Bergen des Tiber-, Spoleto- oder Rietitals auf. Wie Jesus Nächte oder Morgenstunden allein auf einem einsamen Hügel verbrachte, bevor er sich wieder in die Dörfer und Städte begab, will Franziskus Stille und Stadt alltäglich verbinden. Stunden im Schweigen lassen  nachklingen und tiefer verstehen, was im bewegten Alltagstreiben geschieht.

Der Blick von oben lässt die eigene Lebenswelt im Überblick sehen, Erfahrungen einordnen und zugleich zu dem aufschauen, der «mehr als alles» ist. Die Brüder lernen, ihren Tagen Rhythmen und ihrem Jahr Zeiten zu geben, die für Leib und Seele erholsam und nährend sind: stille Momente und Oasenzeiten, die sammelnd wirken, in die Tiefe führen und den Blick weiten.

Viele Menschen können sich regelmässige Rhythmen im Alltag, täglich meditative Zeiten und immer wieder grössere Time-outs nicht leisten. Rückzug und Sammlung sind jedoch auch klein und fein möglich. Wo erlaubt mir mein Alltag innezuhalten, zu mir selber zu kommen, Erlebtes nachklingen zu lassen und in Ruhe auf mich, meine Welt und meine Erfahrungen zu blicken? Wo findet meine Seele ihre Quellen?

Eine andere Sicht

Weil Franziskus die Stille zur Freundin gewinnt, das Evangelium als Wegspur erkennt und aus seiner Gottesfreundschaft lebt, sieht er vieles anders, urteilt liebevoller und handelt inspirierter als die Gesellschaft und die Kirche seiner Zeit.

Als der Bischof von Assisi die Brüder zur Annahme von Besitz drängt, erinnert Franziskus ihn an die Apostel, die mit leeren Händen durch die Welt zogen. Als Arezzos Parteien ihre Stadt an den Rand eines Bürgerkrieges treiben, bringt Franziskus sie betend und Silvestro handelnd zur Besinnung. Als Assisis Bürgermeister und Bischof einander befehden, dichtet Franziskus eine Friedensstrophe in den Sonnengesang, welche die Streithähne zu Tränen rührt und miteinander versöhnt.

Während der Papst Gläubige zur Unterstützung des Fünften Kreuzzugs verpflichtet, warnt Franziskus die Kreuzritter in Ägypten vor einem Waffengang und sucht den friedlichen Dialog mit dem Sultan der Moslems. So kommt es, dass die Weltreligionen sich heute zu ihren gemeinsamen Friedensgebeten in Assisi treffen, der Stadt eines gemeinsamen Propheten.

Wer gut sehen will, braucht oft etwas Distanz. Wer umsichtig urteilen will, braucht Zeit. Wer frei handeln will, braucht Klarheit.

Niklaus Kuster