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Schweizer Kapuziner-Provinz

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Empfangt den Heiligen Geist
Die biblischen Bilder erklären, was geschieht, wenn der Auferstandene die, die er senden wird, anhaucht und spricht: „Empfangt den Hl. Geist!“ (Raphael Grolimund, 30. Mai 2020)
Glauben in Christus – Leben in Gott
Der Auferstehungsglaube umfasst unsere ganze Lebensbestimmung im Hier und Jetzt und im Dasein nach dem Tod. (Raphael Grolimund, 23. Mai 2020)
Seid gewiss: Ich bin bei euch
Jene, die seinen Namen tragen, sollen sein Werk fortführen. Aber ist das nicht eine zu grosse Aufgabe für sie? (Raphael Grolimund, 20. Mai 2020)
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Und wieder packe ich die Krippenfiguren ein. Ihre Saison ist zu Ende. Es sind keine kostbaren Exemplare, nein, nüchtern betrachtet würde sogar das Wort «Kitsch» gut zu ihnen passen. Ich hätte sie bestimmt nicht gekauft, meine Eltern hingegen schon. Es sind die Krippenfiguren, die mich und meine Geschwister durch die weihnächtliche Zeit im Elternhaus begleiteten. Die Figuren haben inzwischen meine Eltern überlebt. Jetzt stehen sie in meiner Obhut.

Weshalb ich sie nicht der Abfallmulde überlassen wollte? Weil so viele Erinnerungen damit verbunden sind. Die Hand des Josefs ist bereits seit einigen Jahren so havariert, dass sie den Stab nicht mehr halten kann. Mein Cousin wollte Szenen an der Krippe nachspielen. Dabei kam es zu einem Kampf mit einem Hirten, was Josef bereuen sollte. Der Verkündigungsengel trägt mitten auf den Haaren einen roten Wachsfleck.

In den 80er-Jahren tropfte das Wachs der roten Weihnachtskerzen dermassen, dass es nicht bloss der Teppich, sondern auch der Engel zu spüren bekam. Das jüngste Mitglied der Krippen-WG ist der Ochse. Er wurde vor Jahren neu dazugekauft und hat damit eine Kuh ersetzt, die sich jahrelang als Provisorium zur Heiligen Familie gesellte.

In dieser weihnächtlichen Darstellung stecken viele Erinnerungen. Das macht sie für mich auch wertvoll. Andere haben dafür wohl bloss ein müdes Lächeln übrig. Die Bedeutung erschliesst sich erst mit dem Erlebtem, den Geschichten dazu.

So gibt es in meinem Zimmer auch andere kleine Schätze und dies das ganze Jahr über. Von einigen trenne ich mich noch nicht. Einmal wird die Zeit kommen. Aber bis dahin habe ich Freude an den Geschichten und Menschen, die ich mit ihnen verbinde.

Die nächste Weihnachtszeit kommt bestimmt. Und damit nicht nur die Erinnerung an die Geburt Jesu, sondern an vieles, das ich mit dieser Zeit in Verbindung bringe. Sie versetzt mich in eine nostalgische, manchmal auch melancholische Stimmung. Meine Weihnachten eben.

Jugendliche, die auf die Strasse gehen um gegen den Klimawandel zu protestieren, Klassenzimmer die leer bleiben… da kann ich nur sagen: Respekt! Das hätte ich dieser Generation nicht zugetraut. Es gibt sie also doch, die Jugendlichen, die uns Erwachsene an Themen erinnern, die wir mit einer Ohnmachtshaltung vor uns herschieben.

Es ist ja auch schwierig, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Da hängt die Wirtschaft mit drin, die Politik und vor allem die vielen Annehmlichkeiten, auf die ich nicht verzichten möchte.

Es wird für uns Erwachsene ungemütlich. Denn diese Jugendlichen haben recht. Und schon ziele ich mit meiner analytischen Schleuder auf die jungen Menschen, die bereits in ihrer Sommerferienplanung stecken. Einige jetzt Demonstrierende werden sicher das Internet nach einem Billigflug durchstöbern. Sie werden das gefundene Schnäppchen willkommen heissen. Auf die Strasse gehen aber dann in die Ferien fliegen, ja die hat man gern!

Klima-Demo in Luzern, 6. April 2019.People’s climate march in Luzern| © Walter Ludin 2019

Aber wie war das damals in meiner Jugend? Das Thema Waldsterben hat meine Generation aufgerüttelt. Beschuht mit Birkenstocksandalen, den Proviant in einer „Jute statt Plastik“ Tasche verstaut und bewaffnet mit Sprüchen aus dem „Musenalp Express“ habe ich mich als Teenager über die Erwachsenenwelt empört.

Ein Strand auf den Malediven | © Kletus Hutter 2013

Das Ganze hat mich nicht daran gehindert, mich auf meinen „Puch Maxi“ zu setzen. Genüsslich lautstark fuhr ich mit meinem Mofa durch die Gegend. Als mich ein Lehrer auf dieses Doppelleben ansprach, fand ich es ungeheuerlich, was sich dieser spiessige Erwachsene da erlaubte.

Es ist ein Privileg der Jugend aufzustehen mit all diesen Ungereimtheiten, dem verlockend einfachen Blick auf Welt und Politik, um lautstark die Erwachsenenwelt daran zu erinnern,

dass es sie auch noch gibt. Ich gehe auf die Fünfzig zu. Ich habe die Malediven noch gesehen und werde keinen Palmenstrand am Vierwaldstättersee erleben. Ich habe mich angepasst und versuche, das komplexe Leben einigermassen in den Griff zu bekommen.

Bei vielen Baustellen unserer Zeit trage ich auch meinen Teil bei, dass nichts weiter geht. So ist es. Und in dieser Stimmung rüttelt mich ein Liedtext von Konstantin Wecker aus meiner Jugendzeit auf. Dort heisst es:

Wie du doch das Treiben satt hast!

People’s climate March in Luzern| © Mario Stankovic 2019

Immer wirft dich diese Flut
an ein unbekanntes Ufer,
und dir fehlt schon lang der Mut,
neuen Küsten zu begegnen.
Du bist müde, gräbst dich ein
und beschliesst für alle Zeiten,
nie mehr heimatlos zu sein.
Und das nennt sich dann Erwachsen
oder einfach Realist.
Viele Worte, zu umschreiben,
dass man feig geworden ist.
(Konstantin Wecker, CD das pralle Leben, 1997)

Nur Mut, ihr Jugendlichen! Es geht um eure Zukunft. Ihr tut mir gut.

 

 

 

Protest während COP24, Katowice, Polen | © Mario Stankovic 2018