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Blinde «sehen» mit den Händen

Berührungen sind für Blinde ein wichtiges Tor zur Welt. Denn ihr Tastsinn ist ausgeprägter als jener von Sehenden.

Wenn ein Sinn ausfällt, sind die anderen Sinne mehr gefordert. So kann der Tastsinn bei Wegfall des Sehens – neben dem Hören, Riechen und Schmecken – eine grössere Bedeutung bekommen, weil er intensiver eingesetzt werden muss. Dadurch wird er auch besser ausgebildet und erbringt oft erstaunliche Leistungen.

Hände und Zunge

In der Heilpädagogik spricht man von der Haptik. Als haptische Wahrnehmung (griechisch: haptikos = greifbar, deutsch: Tastsinn) bezeichnet, handelt es sich um eine Sinnwahrnehmung, mit der bestimmte mechanische Reize gespürt und umgesetzt werden können. Die Gesamtheit der haptischen Wahrnehmung erlaubt es dem Gehirn, Berührungen, Druck und Temperaturen zu lokalisieren und zu bewerten. Es wird unterschieden zwischen taktiler Wahrnehmung (Oberflächensensibilität) und kinästhetischer Wahrnehmung (Tiefensensibilität). Wir beschränken uns auf die taktile Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung verarbeitet Druck, Berührung, Vibration, Schmerz und Temperatur. Die Empfänger oder Rezeptoren dafür sind besonders zahlreich und eng beieinander auf den Fingerkuppen und auf der Zungenspitze 1–5 mm; auf dem Rücken sind sie mehr als 60 mm voneinander entfernt. So werden die Hände zu wichtigen Aufnahmeinstrumenten für die Blinden. Aber auch die Zunge setzen die Blinden bei ihren Erkundungen vermehrt ein. Hier können das Schmecken und der nahe Geruchsinn mithelfen, Informationen und Reize zu sammeln und zu verarbeiten.

Unterschiedlich wahrnehmen

Wahrnehmen mit dem Auge heisst, zuerst ein Gesamtes und dann Einzelheiten aufnehmen – also deduktiv. Mit Berühren werden erst Einzelheiten wahrgenommen, die dann zusammenzusetzen sind – also induktiv. Das sind total unterschiedliche Wahrnehmungsweisen. Die Erfahrung belegt zudem, dass – Tastfreundlichkeit des Materials (Holz,Plastik,Gummi,Fell, Stoffe, rau, glatt usw.) und – verschiedene Bodenstrukturen, Beläge, – die taktile Orientierung mit dem Langstock erleichtern. Dass inzwischen die Verantwortlichen für öffentliche Bauten, besonders auch für Bahnhöfe, sich mit blindengerechten Massnahmen befassen, ist sehr erfreulich. Unsere Gesellschaft ist sensibler und offener geworden für Menschen mit einer Behinderung.

Erwin Benz

 

Blinde Kinder lernen

Im Umgang mit blinden Kindern spielt Berühren eine wichtige Rolle. Alles, was ich dem Kind im Orientierungs- und Mobilitäts- Training erkläre, geht in erster Linie über den Körperkontakt. Über das Berühren lernt das Kind Techniken und Formen kennen. Es erfährt Zusammenhänge und wie es diese in die Wirklichkeit umsetzen kann. Der Blickkontakt fehlt. Ich will dem Kind etwas sagen und berühre es am Arm, lege ihm die Hand auf die Schulter, fahre ihm über den Kopf usw. Eine besondere Erfahrung bei einem sehr unruhigen und stets zappelnden blinden Kind: Wir denken gemeinsam nach. Das Kind wird ruhig und zeigt keine Auffälligkeiten mehr. Da kommt es mir vor, als ob so etwas wie eine Berührung von mir zum Kind erfolgt ist. Wir sind ganz aufeinander eingestellt. Gemeinsam wollen wir ja eine Lösung finden.

Ich erkläre dem Kind einen wichtigen Sachverhalt: Es muss gut zuhören, es soll die Erklärung lückenlos aufnehmen und anschliessend wiedergeben können. Ich lege ihm meine Hand auf seine Hand, auf seinen Arm oder auf sein Knie. Ich habe ein zuhörendes Kind, das keine Auffälligkeiten zeigt. Wenn sich blinde Kinder auf eine Stuhlreihe setzen, z. B. für den Gottesdienst oder für eine andere Feier in der Aula, greifen sie jeweils ganz sachte nach rechts und nach links, um sich zu vergewissern, ob jemand neben ihnen sitzt. Dieses sachte Umsichgreifen «berührt» mich jedes Mal. Der fehlende Blick kann so auf eine feine Art kompensiert werden. Wenn unter sehenden Jugendlichen Berühren obsolet oder nicht angebracht ist, so ist dies bei blinden Kindern und Jugendlichen eine natürliche Selbstverständlichkeit.

Boriska Winiger

 

Berührungspunkte

Wenn ich mit meinen feuchten Händen über das Punktschriftpapier fahre, meine ich dann immer, die Punkte seien auf dem Papier nicht mehr zu sehen. Ich habe einmal einen Igel angefasst. Das war für mich ein komisches Gefühl, diese spitzigen Stacheln zu spüren. Ich musste einmal zuhause den Abwasch machen. Da habe ich mich mit einem sehr scharfen Messer in meinen rechten Daumen geschnitten. Das tat sehr weh. Ich traute mich nicht, die Wundezuberühren,denn ich hatte Angst, dass ich ins Blut fassen könnte.

Sunantha (15-jährig), geburtsblinde Schülerin

 

Lese- und Raumgefühl

Ich habe bei einem Fahrstuhl ausprobiert, die Brailleschrift-Zahlen mit Handschuhen zu lesen. Ich konnte die Zahlen noch gut erkennen. Zum Glück waren es nicht zu dicke Handschuhe und die Braillepunkte waren etwas dicker aufgedruckt als sonst. Das allgemeine Brailleschrift-Lesen geht noch besser. Ich kann die Kurzschrift besser lesen als die Vollschrift. Bei der Vollschrift ist alles ausgeschrieben ausser ei, eu, sch usw. Bei der Kurzschrift sind die Wörter gekürzt. Es gibt zwar einige, bei denen man keine Abkürzung dafür gefunden hat. Wenn ich mit meinem Langstock durch einen dunklen Raum gehe und diesen erforschen soll, dann habe ich weniger Angst, als wenn ich ihn ohne Langstock erforschen müsste. Ohne Langstock habe ich immer das Gefühl, als ob es plötzlich irgendwo eine sehr hohe Treppe gäbe, bei der man sehr weit hinunterfällt. Zugegeben, einmal hatte ich sogar im Badezimmer bei meiner Grossmutter zu Hause dieses Gefühl. Das hätte ich ja kennen sollen, ich war damals eben noch klein und bin direkt vom Schlafen gekommen.

Melanie (14-jährig), geburtsblinde Schülerin