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Schweizer Kapuziner-Provinz

Province Suisse

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Chur unter der Käseglocke
Es ist beschämend wie verantwortliche Männer in der Kirche mit Menschen umspringen, als könnten sie darüber nach belieben verfügen. (Willi Anderau, 30. April 2019)
Respekt!
Wie glaubwürdig sind die Klima-Demos der Jugendlichen? (Kletus Hutter, 9. April 2019)
Ist genug noch nicht genug?
Massnahmen gegen Missbrauch (Willi Anderau, 26. März 2019)
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Der Kapuziner Antoine-Marie Gachet (1822-1890) stammte aus dem Greyerzerland. Die Kantons- und Universitätsbibliothek Fribourg ehrt ihn als grossen Missionar, begabten Ethnographen und hervorragenden Linguisten.

So hat er sich nicht bloss für die Christianisierung des Stammes der Menomini in Nordamerika eingesetzt, sondern deren Sprache und Kultur genauestens dokumentiert. Sein Werk stösst heute in der Forschung auf ein grosses Interesse.

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Interfranziskanisches Panorama vom Mittelalter bis zur Gegenwart in der Schweiz mit Beiträgen von 17 Autoren und Autorinnen.

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Während meines Spaziergangs durch die Stadt, wurde ich von einem jungen Mann angesprochen, der mich um ein 50-Rappen-Stück angefragt hat. Aus meiner Faulheit heraus, meine Jacke zu öffnen und mein Portemonnaie herauszuholen, sagte ich sofort ein «Nein» – eine der grausamsten automatischen Antworten der Welt. mehr …

Informationstage
für Männer (20 – 45 Jahre), die sich interessieren, wie Kapuziner heute leben und arbeiten.

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Die katholische Kirche ist eine Weltkirche mit internationalem Austausch. Jeder fünfte Priester in der Schweiz stammt heute aus dem Ausland. Doch ihre Integration gelingt längst nicht allen. Bruder George gehört seit zwei Jahren offiziell den Schweizer Kapuzinern an. Bei ihm ist die Integration geglückt.
Der Artikel in der „SonntagsZeitung“ (3. Juni 2018) greift diese Thematik auf.
Text: Fabienne Riklin, Foto: Stefano Schröter

Gastarbeiter Gottes – 1

Gastarbeiter Gottes – 2

Weltweit gehören beispielsweise Panda, Orang-Utan, Eisbär, Nashorn, Tiger zu den bedrohten Tierarten. Doch auch in der Schweiz stehen viele Arten auf der Roten Liste. In den letzten Jahrzehnten sind bei uns alleine rund 250 Arten ausgestorben.

Der Trauermantel ist ein braunviolett gefärbter Schmetterling mit hellgelbem Rand. Er galt gemäss Verzeichnis der Schmetterlinge der Schweiz aus dem Jahre 1852 als in «Tief- und Hügellandregionen überall gemein». Den einst weit verbreiteten Schmetterling sucht man heute im Mittelland vergebens. Am ehesten gelangen Beobachtungen in den letzten Jahren im Wallis oder im Tessin. Wie dem Trauermantel ging es vielen andern Tier- und Pflanzenarten.

Viele Pflanzen und Tiere sind gefährdet

Inmitten von Europa gelegen bietet die Schweiz mit Jura, Mittelland, Alpen und Südtälern eine reiche biologische Vielfalt. In den letzten 100 Jahren hat sie allerdings massive Verluste an Biodiversität erlitten. Nur wenige intakte, naturnahe Flächen im Mittelland und in den Tallagen der Berggebiete sind heute noch erhalten.

Über ein Drittel der Pflanzen-, Tier- und Pilzarten der Schweiz sind gemäss Roter Liste als bedroht eingestuft. Weitere 10 Prozent gelten als «potenziell gefährdet». Bereits ausgestorben sind in der Schweiz 247 Arten, darunter der Rotkopfwürger, der 2009 das letzte Mal im Baselbiet brütete.

Zwar hat der Bundesrat zehn strategische Ziele zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität in der Schweiz beschlossen. Und 2017 wurde der «Aktionsplan Biodiversität» veröffentlicht. Doch die Umweltschutzorganisationen, darunter «oeku Kirche und Umwelt», befürchten, dass sich die Ziele ohne griffige Massnahmen und ausreichende Mittel nicht erreichen lassen.

Was heisst Vielfalt?

Wenn es um Lebewesen geht, brauchen Fachleute für Vielfalt gerne das Wort Biodiversität. Laien setzen das Wort Biodiversität gerne mit «Artenvielfalt» gleich. Doch das stimmt nicht ganz. Biodiversität ist mehr als Artenvielfalt. Biodiversität beinhaltet auch die genetische Vielfalt. Das bedeutet beispielsweise, dass es nicht einfach «den Apfel» (lateinisch Malus sylvestris) gibt, sondern viele verschiedene Sorten wie die Goldparmäne, den Boskop, den Gravensteiner oder die Berner Rose. Zudem bemisst sich Biodiversität auch in der Vielfalt der Lebensräume und den Wechselwirkungen zwischen Arten, Sorten und Lebensräumen.

In der Schweiz leben nachweislich 46000 verschiedene Arten. Dazu kommt eine unbekannte Anzahl von Bodenlebewesen. All diese Arten leben in 235 verschiedenen Lebensraumtypen, wie beispielsweise Auenwälder, Magerwiesen oder Zwergstrauchheiden. Die Genbank der Forschungsanstalt Agroscope Changins/Wädenswil umfasst derzeit Saatgut von fast 12000 Sorten unterschiedlicher Nutzpflanzenarten. In dieser Genbank befinden sich beispielsweise 85 Sorten Ribelmais oder 2198 Dinkelsorten.

Warum braucht es Biodiversität?

Theologisch gesprochen sind alle Lebewesen Geschöpfe Gottes, die einen eigenen Wert besitzen. Sie 58 Franziskuskalender 2019 zu achten, zu hegen und pflegen wurde uns Menschen von Gott aufgetragen. Doch es gibt auch ökologische, ethische, ästhetische, psychologisch-soziale und wirtschaftliche Gründe, weshalb wir die Biodiversität schützen und fördern sollten.

Die Biodiversität sorgt für unser Wohlergehen. Denken wir nur an Nahrung, Futtermittel, Bestäubung, Erosionsschutz, Abbau von Schadstoffen, Erholung, Bodenbildung oder Sauerstoffproduktion. Von Ökosystemen profitiert die ganze Gesellschaft. Die Erde wurde uns geschenkt. Es ist unsere Aufgabe, dieses Geschenk unseren Kindern lebenswert zu hinterlassen.

Biodiversität rund um die Kirche

Kirchgemeinden können beitragen, die Biodiversität zu erhalten, indem sie in ihren Kirchen und auf ihren Grundstücken Lebensraum für Tiere und Pflanzen erhalten oder neu schaffen. Sind die Lebensräume vorhanden, wandern Igel, Blindschleichen, Bergmolche, Erdkröten, Schmetterlinge und viele andere Tiere von selber ein.

Bezüglich des Artenschutzes haben die Kirchgemeinden bei den Fledermäusen und Vögeln die grösste Verantwortung. Denn mit dem Ausbau von Scheunen und Dachstöcken von Privathäusern geht immer mehr Lebensraum in Gebäuden verloren. Dadurch kommen Gebäudebrüter in Bedrängnis. Kirchtürme sowie Dachstöcke von Kirchen und Pfarrhäusern werden kaum ausgebaut, haben viele Öffnungen und kleine Nischen, werden selten benutzt und sind sehr gross. Darum bieten Kirchen wichtige Kinderstuben für Fledermäuse (wie beispielsweise für Mausohren, Langohren und Hufeisennasen) und Brutstandorte von Vögeln, die in Gebäuden brüten. Neben den Gebäuden ist auch die Umgebungsgestaltung wichtig, damit sich die Tiere unbemerkt bewegen und verstecken können sowie Nahrung finden.

Je wilder und strukturreicher eine Umgebung ist, je mehr heimische Pflanzen und Gehölze dort angepflanzt sind, desto mehr Wildtiere werden sich ansiedeln. Darum sind auf dem Kirchenareal «unordentliche Ecken» wie Stein-, Sand- und Altholzhaufen, Trockenmauern, Inseln mit verfilztem Altgras und Weiher sehr wichtig. Sie dienen Insekten, Amphibien und Reptilien als Lebensraum. Stehen in der Umgebung des Kirchgemeindehauses Unterschlupfmöglichkeiten bereit und gibt es gute, vielfältige, naturnahe Bereiche, so sind dies wichtige Inseln in der versiegelten Siedlungslandschaft.

Text und Fotos: Claudia Baumberger

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Fachstelle «oeku Kirche und Umwelt»:www.oeku.ch

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Der Versuch, die Mode über einen längeren Zeitraum zu deuten, bringt ein überraschendes Ergebnis: Heute kann man mit der Mode keine Weltanschauung mehr ausdrücken. Höchstens noch Persönlichkeit.

Seit sich die Höhlenmenschen und später die Pfahlbauer in die Felle erbeuteter Tiere hüllten, spielen die Kleider im Leben der Menschen eine zentrale Rolle. Gottfried Kellers Novelle, 1874 geschrieben, kann in ihrer Doppelsinnigkeit bis heute bestehen: «Kleider machen Leute.» Ohne Kleider gäbe es keine Mode. Ein nackter Leib verfängt nicht. Schon die griechischen Statuen waren mit Marmor bedeckt und selbst am FKK-Strand ist eine Frau erst eine Schönheit, wenn sie braune Haut «angezogen» hat.

Das Grundmuster ist alt

Die Kulturhistorikerin Anne Hollander hat sich ausführlich mit der menschlichen Verkleidungskunst befasst. Interessant ist ihre Behauptung, Mode habe sich seit dem späten Mittelalter nicht gewandelt. Das Grundmuster der neueren europäischen Kleidung, das, was man heute als Herrenanzug kenne, sei im 13. Jahrhundert geschaffen worden. Das antike Gewand bestand aus Tüchern, die den ganzen Körper umflossen.

Der zweigeteilte, nachantike Anzug ist um den Körper herum geschneidert worden, er besass nun Röhren für Arme und Beine. Dazu Anne Hollanders These: «Dies ist eine Verpackung in Ober- und Unterkleid nach dem Vorbild der Krieger.» Als Erinnerung an die Antike blieb, bis ins 20. Jahrhundert, bei den Frauen der Rock.

Winken mit dem Handy

Lange haben Männer den Frauen eingeredet, Mode sei nichts als eine unnötige Maskerade. Gleichwohl haben sie ihnen immer neue fantastische Kostümvarianten vorgeschlagen. Feministinnen behaupten, Männer seien die Sündenböcke, sie steckten die Frauen in verführerische Gewänder, um sich selbst zu ergötzen. Wahrscheinlich stimmt es, dass wir Frauen erst durch diese Kritik an der Schönheitsindustrie auf die Manipulation des Marketings aufmerksam wurden.

Heutzutage müssen junge Mädchen das Erwachen der Liebe nicht mehr durch Bänder und Schleifen und schöne Kleider ankündigen. Sie brauchen auch nicht mehr (nur) mit Augen, Hüften und Stoffen zu winken. Selbstbewusst versenden sie per Handy Bildschriftzeichen. Machen die Funktionen des mobilen Telefons die Mode überflüssig?

Mode im Ohr

Theater, Tanzanlässe und Konzerte dienten früher dem Bürgertum, Mode vorzuführen. Nur wer Zugang zum Bild, der Bühne oder dem Buch hatte, konnte den Anforderungen der Mode genügen. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel war die Mode ein Repetitorium der Kunstgeschichte. Frauen trugen Kleider «à la grècque» oder «à l’orientale». Das Wissen über die Stile bezog man aus den historischen Gemälden.

Der Modeauftrieb der jungen Frauen findet heute in Diskotheken und bei Open-Air-Festivals statt. Einzig die Künstlerin, angestrahlt von Scheinwerfern, trägt die exzentrische Kreation eines Designers. Die Sängerin auf dem Podium bleibt im Alltag eine Erinnerung, die der Knopf im Ohr wieder auferstehen lässt: Mode tritt durchs Musikhören ins Bewusstsein.

Der Körper passend zur Mode

Im 20. Jahrhundert hat der Körper über das Kleid gesiegt.«Bodystyling ist wichtiger als Kleiderdesign», sagt die Literaturprofessorin Hannelore Schlaffer. Die Sportlichkeit und die Dynamik des Körpers darunter machen es möglich, darüber ein bequemes, unauffälliges Kleid zu tragen.

Ist der trainierte, weibliche Leib unterm Kleid etwa wichtiger als das Kleid selbst? «Ja», behauptet Schlaffer, «die Frauen unterwerfen sich dieser Körperkultur, einer domestizierten Form des männlichen Kampfgeistes.» Magerkeit und Muskelaufbau seien zwei schwer vereinbare Ziele, inkompatible Strategien wie Gefallsucht und Kampfgeist. Frauen, schon immer Künstlerinnen der Anpassung, hätten das Unmögliche möglich gemacht. Tatsächlich fordert jede Mode einen entsprechenden Körper.

Wenn Mädchen heute «Retro» tragen, «holen» sie die Kleider aus der Mottenkiste ihrer Grossmütter: zerschlissene Hosen, Pullover mit asymmetrischen Ärmeln, Röcke mit Zipfeln und Rissen. Mit «Retro» und «Bodystyling», so macht es den Anschein, käme die Mode aus der Mode.

Trendfarbe Schwarz

Draussen promenieren Menschen, gemütlich, gelangweilt, hastig oder in sich versunken. Der Fensterplatz im Berner Kaffeehaus ist wie geschaffen für unsere – zufälligen – Beobachtungen. In Sachen Mode können die befreundete Schneiderin und ich an diesem frostigkalten Novembertag unschwer zwei Mehrheiten ausmachen: Die vorherrschende Kleiderfarbe ist dunkel, meist schwarz und fast alle tragen Hosen, grösstenteils Jeans und Daunenjacken. «Ein Kleiderdiktat wie im früheren China», lacht Ines, die Schneiderin.

Woher kommt die alles dominierende Farbe Schwarz? Die Freundin zitiert die – kürzlich verstorbene – Zürcher Kostümdesignerin Christa de Carouge, die der Ansicht ist, Schwarz sei die Konzentration auf das Wesentliche. Die praktische Bekleidung ist das Markenzeichen der international renommierten Modeschöpferin,und ihre ausschliesslich schwarzen Kleidungsstücke werden in Schichten übereinander getragen. Da Carouge nur Materialien wie Seide, Woll- und Baumwollstoffe verwendet, können sich nur wenige ihre Kleider leisten. Man(n) und frau von der Strasse trägt warme, wetterfeste Hightechstoffe.

«Total egal» ist «in»

Unabhängig vom Geschlecht und Alter bevorzugen fast alle, die an uns vorbeiziehen, enge, schmalgeschnittene Jeans. Das betont männliche Beinkleid, das roh, strapazierfähig und ursprünglich für besonders harte Arbeit geeignet war, wird heute oft von den Jugendlichen über dem Knie absichtlich zerschlissen. Ich frage die mich begleitende Freundin, woher das Wort Jeans stamme: «Gènes ist eine Ableitung des französischen Namens für die Stadt Genua, wo der seit dem 16. Jahrhundert hergestellte robuste Baumwollstoff hergestellt wurde.» Erst in den 1950er-Jahren hat sich die Damenhose als Kleidungsstück bei uns durchgesetzt.

«Wenn es derzeit bei der Öffnung des Modemarktes überhaupt noch einen Kampf um die äussere Erscheinung gibt, so findet er wahrscheinlich zwischen Eltern und Kindern statt», sagt Hannelore Schlaffer. «Mit löchrigen, ausgewaschenen Jeans und ausgefransten Ärmeln finden Junge beiderlei Geschlechts ihre ‹Total-egal-Kleidung› sehr chic.»

Bequem ist lässig

Um der Kälte zu trotzen, so scheint uns, hätten viele der unter den Berner Lauben flanierenden Männer und Frauen ihre Steppdecke «Made in China» vom Bett genommen und diese zu Daunenjacken umschneidern lassen. Vorherrschend auch hier das Bedürfnis nach Lässigkeit und freier Bewegung.

Die meisten Mädchen tragen wanderschuhartige Stiefel mit dicken Sohlen. Oder sie stecken, wie die männlichen Jugendlichen, in Sneakers und kurzen Socken, welche die Knöchel kaum bedecken. Dass sie sich dabei nicht erkälten, bestätigt mir Ines, die Mutter von drei Teenagern.

Unsere Blicke bleiben haften an einer Dame, die zu Jeans Stöckelschuhe trägt, sich vorsichtig und sehr hüftbetont vorwärtsbewegt und sich laut Ines in jene schwankende Bewegung bringt, welche um männliche Hilfe fleht. Könnte es also wahr sein, dass Pumps mit hohen Absätzen ein unbequemes Überbleibsel der höfischen Tanzkultur sind?

Schwanger ist chic

Zwei hochschwangere Frauen mit wadenlangen Strickmänteln betreten das Café. Anders als Generationen von Müttern vor ihnen, wollen sie ihre Schwangerschaft weder tarnen noch verstecken. Unter dem offenen Mantel tragen sie kein weites Gewand, im Gegenteil, ihre Schwangerschaft wird modisch chic zur Schau gestellt: in hautengem Schlauchkleid bei der einen, in knappem T-Shirt und schmalen Jeans bei der andern. Ihren vorgetretenen Nabel und das Stadium ihres produktiven Zustandes wollen die stolzen, werdenden Mütter aller Welt zu erkennen geben. Sie scheinen sich nicht zu stören über das am Nachbartisch sitzende ältere Ehepaar, das sie kritisch beäugt. Die Dame in giftgrünem Kostüm und der Herr im Anzug lachen zwar: «Wir sind halt Grufties.» Ob die alten Herrschaften wohl wissen, dass auch Jugendliche in dunkler Kleidung und mit Hang zum Okkulten so genannt werden?

Dreitagebart ist modern

Ein schweizweit bekannter Fernsehmoderator schlendert mit einem jungen Mann am Café vorbei. Auffällig die äusseren Gemeinsamkeiten: Lederschuhe, gutsitzende Anzüge, weisse Hemden und – ihre gepflegten Dreitagebärte.

«Schnurrbärte, Bärte und Koteletten sind zwar traditionell Ausdruck männlicher Stärke und Virilität, doch auch sie unterliegen dem Zeitgeschmack», sagt Modekennerin Ines. Als am Ende des 18. Jahrhunderts das Tragen von Perücken aus der Mode kam, entdeckten die Männer den Bart als modische Ausdrucksform.

Während sich erfolgreiche Geschäftsleute am ehesten mit Kinnund Backenbärten schmückten, etablierte sich der Schnurrbart als Symbol für militärischen Schneid. Zwischen 1910 und 1960 geriet der Bart wieder völlig aus der Mode. Heute wird der gepflegte kurze Bart vor allem mit Künstlern oder Intellektuellen in Verbindung gebracht. «Na ja», seufzt Ines, «die Männermode war schon immer eher langweilig. Sie zeigt weder Haut noch erotische Zonen.

Lydia Guyer-Bucher

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Spartanisch, die Einrichtung von Prof. Hans Bickel in seinem Büro: Ein Tisch, ein PC und – das wichtigste – der Zettelkasten. © Beat Baumgartner

Hans Bickel, Sie sind seit längerem auch Redaktor des Schweizerischen Idiotikon, dem «Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache». Das Redaktionsteam ist momentan bei Band 17 und den Wörtern mit Anfangsbuchstaben Z angelangt. Das Wörterbuch ist eher schwierig zu lesen.

Das stimmt. Beim Idiotikon handelt es sich um ein wissenschaftliches, nicht selbsterklärendes Grundlagenwerk, das nach einem klaren System aufgebaut ist, aber halt sehr viele Abkürzungen hat. Einerseits basiert das Idiotikon auf einem Grundwortsystem, von dem zahlreiche Wörter abgeleitet sind. Z.B. von «Stich» die Wörter Fliegenstich, Häxenstich, Sunnenstich, stichle etc. Zweitens spielen beim alphabetischen Aufbau des Idiotikons vor allem Konsonanten eine Rolle, Vokale wie a, e, i, o, u und deren Umlaute sind zweitrangig.

Seit 2010 ist das Idiotikon digitalisiert, hat dies zur Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes beigetragen?

Auf jeden Fall: Die Publikation ist einfacher zugänglich und wird von sehr viel mehr Leuten als früher benützt. Dadurch erhalten wir auch mehr Feedbacks. Wörter lassen sich einfacher finden, vor allem auch dank der Volltextsuche. Bei längeren Artikeln gibt es zusammenfassende Übersichten über die Bedeutung eines Wortes.

Die Räume und Gestelle des „Idiotikon“ im historischen Gebäude an der Auf der Mauer 5 in Zürich atmen den Geist des 19. Jahrhunderts, mit den altehrwürdigen Folianten und gebundenen Büchern in Leder. © Beat Baumgartner

 

1881 rechneten die Idiotikon-Autoren mit einem Abschluss binnen 20 Jahren. Doch noch immer wird daran gearbeitet. Können Sie heute eine Prognose stellen?

Es dauert vielleicht noch zehn Jahre bis zur Fertigstellung. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass die Arbeiten von Beginn weg unterschätzt wurden. Als ältestes historisches Wörterbuch der Schweiz ist das Idiotikon aber das am weitesten fortgeschrittene. Beim «Dicziunari Rumantsch Grischun» (ab 1939) ist man bei der Wortgruppe «Medi» angelangt, beim «Glossaire des patois de la Suisse romande» (ab 1924) bei «gros-guère». Und das «Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana» (ab 1952) beschäftigt sich mit der Wortgruppe «dénc–Denedaa».

Das Idiotikon arbeitet mit Material vom späten Mittelalter bis zur Jetztzeit. Die meisten Dokumente für die Mundart stammen allerdings aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Wie integrieren Sie denn die aktuelle Weiterentwicklung unserer Mundarten in das Werk?

Es ist klar, dass das Idiotikon sich auf die Mundarten der Vergangenheit konzentriert hat. In den letzten Jahrzehnten hat sich tatsächlich wieder viel Nachtragsmaterial angesammelt; Mundarttexte, Mundart-Wörterbücher usw. Allerdings ist schwer absehbar, welche Wörter nur vorübergehende Modeausdrücke sind oder länger Bestand haben. Unsere Idee ist, nach Abschluss der Idiotikon-Gesamtarbeiten nicht einfach wieder von vorne zu beginnen, also mit dem Buchstaben A, sondern dort, wo die grössten Lücken sind, das Online-Wörterbuch zu ergänzen.

Ein Zettel des Davoser Korrespondenten Valentin Bühler vom Ende des 19. Jahrhunderts zur Bedeutung des Adjektivs „wyss“.

Integrieren Sie auch Tondokumente?

Nein, dafür ist das Phonogrammarchiv der Universität Zürich zuständig, es sammelt Tonaufnahmen in allen Schweizer Dialekten aller vier Landessprachen.

Ich habe den Eindruck, dass in der Schweiz sich die Dialektforschung an den Universitäten am Zunehmen ist. Warum dieses grosse Interesse.

Das kann ich so nicht bestätigen. Die Dialektforschung hat heute an Schweizer Universitäten eine kleinere Bedeutung als etwa vor 50 Jahren. Erst langsam nimmt jetzt das Interesse an diesem Forschungsgegenstand wieder zu. Was hingegen stimmt: Die Schweizer Dialekte sind bereits gut erforscht. Es gibt dazu viele gute Grundlagenwerke, aber sie wurden schon vor längerer Zeit erarbeitet.


Das «Idiotikon» – eine Schweizer Institution

Das Schweizerische Idiotikon mit Sitz in Zürich ist ein Institut zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache und ihrer Dialekte in der Schweiz. Seine Hauptaufgabe ist die Erarbeitung des «Wörterbuchs der schweizerdeutschen Sprache». Dieses Werk beschreibt den

Albert Bachmann aus Hüttwilen, der spätere Chefredaktor des „Idiotikon“ erklärt das Wort „Die ôrnig“, ein Zettel von 1882.

alemannischen Wortschatz in der Schweiz vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Getragen wird die Publikation von den Deutschschweizer Kantonen und der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. 17 Redaktoren, Wissenschaftler, Informatiker und studentische Fachkräfte arbeiten an der Publikation

Die Geschichte des «Idiotikons» beginnt 1862, als man einen Trägerverein gründete und ein ausgedehntes Korrespondentennetz schuf. Friedrich Staub und Ludwig Tobler publizierten 1881 das erste Heft des Wörterbuchs, «gesammelt auf Veranstaltung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, unter Beihülfe aus allen Kreisen des Schweizervolkes». Ursprünglich sollte das auf vier Bände angelegte Grundlagenwerk in zwanzig Jahren abgeschlossen sein. Doch mittlerweile sind 137 Jahre vergangen, und die Autoren sind beim letzten Band 17 und dem Buchstaben Z angelangt. Bis Mitte 2020 will man das umfangreiche Werk, das dereinst um die 165’000 Stichwörter umfassen wird, fertig

Oft wurden den schriftlichen Erklärungen auf den Zetteln kleine Zeichnungen ergänzt, um die Worter (im Bild die Einzelteile eines Pfluges) wie sie im bündnerischen Obersaxen gebräuchlich waren, genau zu benennen.

haben. Seit 2010 kann man alle Einträge per Stichwort- oder Volltextsuche auch online abrufen.

Der Begriff Idiotikon stammt aus dem 18. Jahrhundert und meint ein Wörterbuch, das mundartliche, dialektale Ausdrücke erläutert. Idiotikon ist eine auf das griechische Wort ídios «eigen, eigentümlich, privat» zurückgehende Wortschöpfung und bedeutet ein «Verzeichnis der einer bestimmten Mundart eigenen Besonderheiten». In der Medizin und Psychologie war «Idiotie» als Diagnose bestimmter Formen geistiger Behinderung bis ins frühe 20. Jahrhundert gebräuchlich, ist als medizinischer Fachbegriff aber heute vollständig verschwunden.

Das Schweizer «Idiotikon» berücksichtigt alle alemannischen Sprachregionen der Deutschschweiz, eingeschlossen die Walserorte in Norditalien. Ein Spezialfall ist Samnaun im Bündnerland: Es ist die einzige Schweizer Gemeinde, die zum bayrischen Sprachraum gehört. Die Samnauner sprechen den Oberinntaler Dialekt, eine tirolische Mundart. Der Wortschatz dieses Dialekts wird im Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich erfasst.

www.idiotikon.ch

 

Warum hat wohl das Aderio so geheissen, fragte sich der Korrespondent Johann Konrad Däniker Mitte des 19. Jahrhunderts und zeichnete gleich noch das Objekt der Untersuchung? „So geheissen, weil der heilige St. Adrian für sein Leben gern Spissli ass“. Ob das was mit dem heutigen Adrio zu tun hat?

 

 

Franz von Assisi konnte den Fragebogen, der zur Zeit von Marcel Proust in französischen Salons kursierte, nicht ausfüllen. Dafür hat er 700 Jahre zu früh gelebt. Aber wenn er es getan hätte? Dort wird auch nach der Lieblingsfarbe gefragt. Ob Franziskus eine Lieblingsfarbe hatte? Vielleicht Gold – so wie die Sonne als Sinnbild Gottes? Grün wegen seiner Nähe zur Schöpfung? Oder Rot für seine Christusliebe? Ich vermute: Seine Lieblingsfarbe war bunt.

*Den Proust-Fragebogen hat Franziskus nicht beantwortet. Aber er hat sich einmal gefragt, wie der ideale Minderbruder aussieht. Da erwarten wir heute ein eindeutiges Profil als Ausweis einer «corporate identity». Franziskus tut genau das Gegenteil. Uniformität ist seine Sache nicht. Er liebt es bunt: Ein guter Bruder habe «den Glauben von Bruder Bernhard, die Einfalt von Bruder Leo, die Höflichkeit von Bruder Angelus, die Geduld von Bruder Juniperus, die körperliche Kraft von Bruder Johannes, die Unruhe von Bruder Lucidus» (so bunt ist die Bruderschaft).

*Auch Gott ist für Franziskus bunt. Das weiss schon sein erster Biograf: «Er stellte sich den höchst Einfachen in vielfacher Gestalt vor Augen.» Beim Beten «stand er Rede und Antwort seinem Richter, dort flehte er zum Vater, besprach sich mit dem Freund, spielte mit dem Bräutigam». Gott ist immer neu und überraschend. Franz erlebt ihn als den «Höchsten» und «die Demut», allmächtig und geduldig, stark und sanft. Gott ist ganz verschieden und alles zugleich.

*Buntheit – das assoziiert «flower power», Regenbogen und Konfetti, das Leben als Party. Als junger Mann hat es Francesco tatsächlich bunt getrieben, trägt «farbenfrohe Kleider» und näht, um aufzufallen, «am gleichen Kleid einen teuren Stoff mit einem ganz wertlosen zusammen ». Aber Buntheit ist mehr als gefällige Abwechslung. Es ist der Mut zum Ganzen, der nichts ausblendet. Zu solchem Buntsein gehört auch das Dunkle. Als Franziskus im Sonnengesang die Schöpfung besingt, quälen ihn Schmerzen. Fast blind, kann er die «bunten Blumen und Kräuter» kaum noch sehen und muss seine entzündeten Augen vor Schwester Sonne schützen. Und er lobt Gott nicht nur für heiteres, sondern für «jegliches Wetter», also auch für feuchten Nebel, der nasskalt in die Knochen kriecht. Die letzten Strophen besingen dann das Verzeihen, das Ertragen von «Krankheit und Drangsal», die Annahme des Todes. Vielleicht spiegelt sich hier nochmals die alles entscheidende Erfahrung aus jungen Jahren: Auf den Geschmack des Lebens hatte ihn nicht ein Frühlingspicknick mit Freunden gebracht, sondern ein Ekelerlebnis: In der Begegnung mit einem Aussätzigen wurde ihm das Bittere in Süssigkeit verwandelt.

*Die Welt ist bunt. Die Menschen sind bunt. Gott ist bunt. Schön hört sich das an. Und einfach. Alles easy? Ich denke nicht! Mit der Lieblingsfarbe Schwarz-Weiss, die die Welt fein säuberlich in Gut und Böse sortiert, lebt es sich bequemer. Eine bunte Spiritualität akzeptiert, dass der andere anders ist und anders lebt und auch anders glaubt als ich. An einen burnoutgefährdeten Bruder schreibt Franziskus: «Wer immer dir Schwierigkeiten machen mag, Brüder oder andere, auch wenn sie dich schlagen sollten, alles darfst du für Gnade halten.» Das ist ein Plädoyer für bunte Verschiedenheit. Darum kann Franziskus ohne Angst dem Wolf von Gubbio und dem muslimischen Sultan begegnen und die Brüder auffordern, gerne mit verachteten Menschen zu leben und auch Diebe und Räuber gütig aufzunehmen. Im Proust-Fragebogen geht manches ans Eingemachte: Welche Fehler entschuldige ich am ehesten? Was ist für mich das grösste Unglück? Wie möchte ich sterben? Das Interesse an der Lieblingsfarbe erscheint da harmlos. Ist es aber nicht. Die Farbe Bunt steht für ein leidenschaftliches Ja zur ganzen Wirklichkeit. Sie ist ein Nein zu jeder Form von Ausgrenzung. Sie zielt auf Integration und Versöhnung. Und sie drückt die Bereitschaft aus, Pilger zu bleiben, sich immer neu herausfordern und überraschen zu lassen. Eine echt franziskanische Farbe.

 Cornelius Bohl

 Der Autor ist Provinzial der deutschen Franziskaner.

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Seit Jahren treffen sich die Kapuziner der Schweiz immer am Pfingstmontag zu einem gemütlichen Zusammensein.  Dieses Jahr im Kapuzinerkloster Mels.

Pfingsttreffen der Kapuziner in Mels