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Kuno, ein Mitfünfziger, suchte eine Braut. Wie es heutzutage üblich ist, setzte er dafür elektronische Medien ein – und erlebte eine Enttäuschung nach der andern. Bis er ganz traditionell Papier zu Hand nahm und wie seit erdenklichen Zeiten einen Brief schrieb.

Kuno ist von gedrungener Gestalt, etwas schüchtern, aber eine Frohnatur, sofern man ein Spässchen mag. Kürzlich stiess er beim Zappen auf die Sendung «Bauer ledig sucht». Darin fanden fesche Mädels noch feschere, aber etwas unbeholfene Jungs. Das, so meinte Kuno, muss doch auch für mich möglich sein.

Dabei dachte er an Kathi. Kathi arbeitete auf der Gemeindeverwaltung. Kuno sah sie, wenn er jeweils seine Spesenabrechnung abgeben musste. Das heisst, er sah nur einen breiten Rücken, darüber hochgesteckte Haare, die ganz, ganz wenig an ein Vogelnest denken liessen.

Dieser Rücken verdeckte zur Hälfte einen Bildschirm, auf dem Kathi Zahlen eingab, wieder löschte und farbige Flächen verschob. Dabei hüpften zarte Fingerchen (wie Kuno wahrzunehmen glaubte) über die Tastatur. Und eben dieser Rücken konnte Kuno entzücken.

Welcher Altersgruppe Kathi angehörte, konnte Kuno so nicht erfahren, denn am Schalter erschien immer nur der geschniegelte Azubi (Auszubildende) mit dem Pickelgesicht, verfolgt vom strengen Blick des Gemeindeschreibers. Auch auf Kunos gekünsteltes Hüsteln reagierte Kathi nie.

Diese Umstände anvertraute Kuno seinem Kollegen und Freund Andi, einem Experten für schwierige Lebensphasen und heikle Situationen. «Versuchs mit einer SMS», riet er dem Geplagten und legte ihm, die Dringlichkeit betonend, gleich sein eigenes Handy in die Hand. Kuno starrte auf das Ding, wie wenn er, in Form und Gewicht ähnlich, einen Goldbarren in den Händen hielte.

«Und nun schreib!», drängte Andi.
«Wie denn?», nervte sich Kuno.
«Schau!», begann Andi nun im Tonfall eines Dorfschulmeisters, «hier siehst du viele kleine Bildchen, ja?»
«Ja, wie ein Memory», versuchte Kuno verlegen zu witzeln. Andi überhörte es gönnerhaft und fuhr fort:
«Welches Bildchen musst du berühren, wenn du eine SMS schreiben willst?»
«Das da?»
«Nein, das ist für die Mails.»
«Das da?»
«Nein, das brauchst du erst später, wenn du Kathi deine Visage zeigen möchtest, ha ha ha!»
«Denn halt das da!?», reagierte Kuno ungehalten über Andis überhebliches Gehabe.
«Komm gib her!»

Andi legte das Wunderding auf seine Handfläche und berührte mit dem Zeigefinger der anderen Hand zärtlich ein grünes Feldchen mit einer Sprechblase darauf. (Wie feinfühlig doch Andis klobige Arbeiterhände sein können, dachte Kuno.) Sofort erschien auf dem kleinen Display (Bildschirm) eine Tastatur.

«So und jetzt schreib!»
«Was denn?»

Da vergass Andi die Bierdose abzusetzen und verschluckte sich jämmerlich. Er hustete, Gott er barme sich, lief purpurrot an und prustete los: «Du Tölpel! Hoffentlich war diese Frage ein tragischer Irrtum!»

Kuno, nicht ganz so rot im Gesicht wie Andi, aber doch auf Schamstufe erheblich, fasste sich ein Herz und tippte. Dem, was dann da an Buchstaben, Zeichen, Zahlen, Leerschlägen und so weiter zusammenkam, also dem konnte nur ein Kenner der Materie Sinn geben.

Andi war ein Kenner und wurde sogleich angesichts der Not seines Freundes und Kollegen von einer Woge des Mitleids erfasst. «Schau Kuno, heute schreibt man keine Texte mehr, wie du das hier rührend versuchst, das geht so:

bd (bitte um ein date – Treffen), thx (thanks – danke), cu (see you – bis bald), hg Kuno Abderhalden (herzliche Grüsse …)»

«Aber das kann doch kein Mensch …!» «Aber sicher kann man. Wenn deine Kathi häufig SMS schreibt und sich noch im entsprechenden Alterssegment tummelt, versteht sie diese Sprache. Und zudem blamierst du dich nicht mit deinen miserablen Rechtschreibkenntnissen, bequem doch, oder? Und nun absenden!»

So, und spätestens jetzt hatten die beiden ein Problem. Wohin mit dem Sprachdestrukt? Aber auch in dieser heiklen Situation wusste Andi Rat: «Wir vergessen die SMS und senden dein Anliegen an die Mailadresse der Gemeindeverwaltung. Dann hoffen wir einfach, dass Kathi dort als Sachbearbeiterin amtet. So landen nämlich sämtliche Mails auf ihrem Bildschirm und nirgends sonst.»

Inzwischen hatte Kunos Gesichtsfarbe einen Wandel durchgemacht, sie war jetzt gelblichweiss mit einem Stich ins Grüne. «Meinst du, das haut hin?» «Nicht verzagen, Andi fragen!», lachte dieser. Denn er freute sich über die originelle Redensart.

Kuno diktierte. Andi schrieb. Diesmal in ganzen Wörtern und zur Sicherheit alles klein (im Mailverkehr soll das erlaubt sein). Kuno durfte «Senden» drücken und dann warten … Nichts geschah. Tags darauf immer noch nichts. Viele weitere Versuche blieben ebenfalls ohne Erfolg. Keine Antwort aus dem Gemeindehaus, keinerlei Reaktion.

Da griff Kuno zum Schreibblock, setzte sich an den Küchentisch, zündete eine Kerze an,

schenkte ein Glas Roten ein, behauchte sorgfältig die Spitze des Kugelschreibers und schrieb … Den Brief sandte er (sich des Risikos wenig bewusst) an die Gemeindeverwaltung zuhanden einer Katja Winter. Den Namen fand er im Gemeinde-Almanach des vergangenen Jahres.

Drei Tage später lag in Kunos Briefkasten tatsächlich ein Brief, handschriftlich an ihn adressiert, Umschlag zartrosa mit Büttenrand, süsslich duftend, akkurat aufgeklebte Marke A-Priority. Kathi hatte reagiert!

Felix Neuner