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Jesus hinterliess nicht eine festgefügte Kirchenordnung, die für alle Zeiten Geltung haben soll. Verbindlich sind nicht Strukturen, Titel oder Ämter. Verbindlich ist die Freiheit, mit der jede, auch die unsrige Zeit, nach Mitteln und Wegen suchen soll, damit das Anliegen Jesu in unserer Welt Gestalt annimmt.

Es besteht kein Zweifel: Der Anfang der christlichen Kirchen ist bei Jesus von Nazaret festzumachen. Ihm ging es nicht um eine Kirchengründung. Ihm ging es um das Reich Gottes, das er verkündete und lebte. Er rief eine Bewegung ins Leben: eine Gruppe von Frauen und Männern, die allen geordneten Verhältnissen den Abschied gaben, ihm nachfolgten, mit ihm durchs Land zogen und sich dabei auf nichts anderes stütztenals auf den Vater im Himmel.

Aussteiger und Ortsansässige

Woher diese bunte Gruppe den Mut und die Kraft zu einer solch radikalen Existenzweise nahm? Sie waren angetan von diesem Jesus von Nazaret. In seiner Gemeinschaft erfuhren sie das Kommen Gottes. Was sie besonders überzeugte: Jesus betrachtete sie nicht als seinen Fan-Club. Er teilte mit ihnen seinen Auftrag und sein Charisma. Wie er sollten sie das Kommen des Reiches verkünden, besser noch: es aufdecken, und zwar konkret: Sie heilten Kranke, befreiten Besessene von was für Ängsten und Zwängen auch immer und harrten bei den Notleidenden aus (vgl. Lk 9,1–6; 10,1–12).

Wenn die Einzelnen, die Jesus nachfolgten, auch alles verlassen hatten, wie es heisst (Mk 10,28), so fanden sie doch immer wieder Aufnahme bei Leuten, die ihnen wohlgesinnt waren: bei der Schwiegermutter des Simon (Mk 1,29–31), bei Maria und Marta (Lk 10,38–42), bei Simon, dem Aussätzigen (Mk 14,3ff), beim Oberzöllner Zachäus (Lk 19,1–10).

Solch sympathisierende Familien und Gruppen dürften wohl der Kern späterer Ortsgemeinden gewesen sein.

Formen der «Nachfolge»

In diesen Kreisen musste «Nachfolge » eine ganz andere Form annehmen – eine andere, aber nicht eine mindere oder billigere. Leute, die in der Familie, im Dorf, in den Vereinen, in der Synagoge Verantwortung trugen und dabei das Anliegen Jesu zur Geltung bringen wollten, bekamen die Spannung zu «dieser Welt» womöglich noch stärker zu spüren als jene, die es sich leisten konnten «auszusteigen » und sich Jesus anzuschliessen.

Wenn die beiden so unterschiedlichen Existenzformen – die Wandercharismatiker einerseits und die ortsansässigen Gruppen andererseits – in der gleichen Bewegung nebeneinander existieren konnten, kam das daher, dass sich beide auf den gleichen Jesus von Nazaret beriefen, auf den gekreuzigten und auferweckten Messias. Von ihm waren beide fasziniert. Sein Anliegen wollten sie zu ihrem machen und auf ihre je eigene Art zur Geltung bringen. Die Gestalt Jesu war offensichtlich reich genug, dass sie verschiedenste Formen der Nachfolge und Jüngerschaft ermöglichen und zulassen konnte.

Dass es dabei von Anfang an zu Spannungen und Konflikten kam, wissen wir aus den Evangelien (vgl. Mk 9,33–34; 10,41). Sicher ist, dass die Jesusbewegung als Ganze im Messias Jesus ihr Vorbild hatte, ihre Inspirationen und ihre Verheissung.

Messianische Gemeinden

Die Bewegung, die Jesus ins Leben rief, lässt sich in ihrer Ausgestaltung nicht einfach so auf jede andere Zeit übertragen. Hätte Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern ein bezugsbereites Haus hinterlassen, in dem alles und jedes schön geordnet gewesen wäre, hätte die junge und auch die älter werdende Kirche nicht so viele Zerreissproben bestehen müssen. Es hätte auch im Laufe der Zeit nicht so manche Panne gegeben.

Was Jesus seinen Angehörigen hinterliess, war nicht eine festgefügte Kirchenordnung, die für alle Zeiten Geltung haben soll. Er hinterliess ihnen seinen Geist, der sie zu weit mehr befähigte als zur Einhaltung noch so vieler und gut gemeinter Gemeinderegeln.

Solidarisch mit den Ausgegrenzten

Wichtiges Kennzeichen messianischer Gemeinden: Die Dazugehörigen solidarisierten sich wie Jesus mit den Randständigen und wurden so selbst zu Randständigen. Sie verloren ihre gesellschaftliche Stellung und wurden bald schon zu den Missachteten, zu den Unreinen und Sündern gezählt, wie denn auch die Gegner Jesus selbst als Fresser und Weinsäufer, als Freund von Zöllnern und Sündern beschimpften (Lk 7,34).

Gemeinschaften von Gleichgestellten

Im Unterschied zu anderen Gruppierungen gab es in messianischen Gemeinschaften kein Oben und Unten, kein Zentrum und keine Peripherie (vgl. Mk 10,42–45 u.ä.). Der von Jesus eingesetzte Zwölferkreis sollte als prophetisches Zeichen an das Zwölfstämmevolk erinnern und damit auch an jene grosse Vergangenheit, in der das ganze Volk, Männer und Frauen als Königreich von Priestern und als heiliges Volk (Ex 19,4–6) in Erscheinung trat.

Ein weiteres wesentliches Kennzeichen der messianischen Gemeinde ist die vorrangige Option für die Armen und Leidenden. Jesus hat diese Option nicht nur gelebt, er hat auch diejenigen, die ihm folgten, auf diese Option verpflichtet.

Korinth – nur ein Konflikthaufen?

Nachdem die Wirtschaftsmetropole Korinth um 146 v. Chr. Im Krieg mit Rom praktisch dem Erdboden gleich gemacht worden war, wurde sie ungefähr 100 Jahre später wieder aufgebaut. Schnell fand sie zur alten Grösse zurück. Von überall her wurden Leute angesiedelt: ausgediente Soldaten, Handwerker, Asylantinnen, die in den Industriebetrieben, in der Fischerei, in Handels- und Verkehrsunternehmen Arbeit fanden. Bald war Korinth wieder eine moderne Grossstadt mit allem Drum und Dran.

Anfang der 50er-Jahre suchte Paulus die dortige Synagoge auf (Apg 18). Mit seiner Predigt vom gekreuzigten und auferweckten Messias Jesus stiess er auf Widerstand. Die Verantwortlichen forderten ihn auf, die Synagoge zu verlassen. Es gab aber auch Leute, die mehr von ihm hören wollten. Ein begüterter Mann, ein gewisser Justus, stellte ihm für die Versammlungen den Innenhof seiner Villa zur Verfügung.

Der Gemeinde der Christusgläubigen schlossen sich nach und nach auch Nicht-Juden an, «Leute aus den Völkern», einfache Leute auch, Hafenarbeiter und Sklavinnen. Sie entwickelten einen riesigen Eifer und feierten ihre neu gewonnene Freiheit. Paulus konnte es sich leisten, weiterzuziehen und die Gemeinde sich selbst zu überlassen.

Bereits zwei, drei Jahre später traten beträchtliche Spannungen auf, sodass die Gemeinde auseinanderzubersten drohte. Im ersten Brief, den Paulus an die Gemeinde schrieb, gibt es kaum ein Kapitel, das nicht diesen oder jenen Konflikt zum Thema hätte.

Kein Dirigismus

Was soll Paulus mit diesem zerstrittenen Haufen in Korinth tun? Soll er der Gemeinde eine klare Verfassung aufnötigen? Soll er in dieser Gemeinde oder gar über diese Gemeinde eine klare Führung einsetzen, der alle zu gehorchen haben?

Er tut weder das eine noch das andere. Als Erstes verneigt er sich vor der Gemeinde. Bereits aus den ersten Versen des Briefes geht das hervor. Er nennt sie Gemeinde Gottes; sie ist nicht die Gemeinde des Paulus. Die einzelnen Gläubigen dort sieht er als von Gott Geheiligte und von Gott Berufene. Was die Leute dort tun, tun sie, weil der Geist Gottes sie treibt. Auch wenn dem Apostel lange nicht alles gefiel, was da in Korinth vor sich ging, er sah in der Gemeinde den Ort, an dem Jesus, der Messias, leibhaftig wird.

«Ihr seid der leibhafte Christus»

Sie seien der «leibhafte Christus», schreibt Paulus den Messiasgläubigen ins Stammbuch (1Kor 12,27). Diese Redensweise hatte sich Paulus gut überlegt. Er wusste, wovon er sprach, wenn er im Zusammenhang der Gemeinde den Christus ins Spiel brachte. Der gekreuzigte und auferweckte Messias hat ihn persönlich in Pflicht genommen (vgl. 1Kor 9,1; 1Kor 15,8; Gal 1,15–16).

Paulus wusste auch, wovon er sprach, wenn er die Gemeinde zum Thema machte. Seine diesbezüglichen Erfahrungen waren sehr persönlich und konkret. Anderthalb Jahre lebte er in hautnahem Kontakt mit den Leuten in Korinth. Er wusste recht gut, wie es in einer Gemeinde, die aus Menschen besteht, zu- und hergeht. Er wusste auch, was eine Gemeinde brauchte: Predigerinnen und Lehrer, Prophetinnen und Sozialhelfer, Leitungstalente und stille Beter und Leute, die den Dreck machten (1Kor 12).

Das war zwar alles recht kompliziert und unübersichtlich und konfliktträchtig. Dafür war es echt und greifbar. Das ist es, was Paulus erfahren hat: dass die Sache Jesu, sein Anliegen in der Gemeinde leibhaft und greifbar wurde. Wo hätte denn Paulus dem lebendigen Messias Jesus anderswo begegnen/ können, wenn nicht in der Gemeinde?

Zur Freiheit verpflichtet

Verständlich, dass sich das Anliegen Jesu, wie es in der Jesusbewegung anfanghaft realisiert wurde, nicht 1:1 auf Korinth übertragen liess. Ähnliches gilt auch von anderen «Momentaufnahmen » christlicher Gemeinden. Man denke z.B. an Jerusalem, Antiochien, Ephesus, Philippi oder Rom. Jede Gemeinde musste ihren eigenen Weg entsprechend den dort ansässigen Gläubigen gehen, entsprechend der innergemeindlichen Gruppendynamik, entsprechend dem soziokulturellen und politischen Umfeld, entsprechend auch den Gnadengaben, den so genannten Charismen der Einzelnen.

Folgende Hinweise mögen hier abschliessend genügen:

  • Die ideale christliche Kirche hat es nie gegeben. Wenn Lukas in der Apostelgeschichte von der Gemeinde in Jerusalem schreibt, sie sei ein Herz und eine Seele gewesen und alle hätten alles gemeinsam gehabt (4,32), sah er sich wohl deswegen zu einer solch idealisierten Beschreibung veranlasst, weil die Zustände in den Gemeinden der 80er-Jahre eben alles andere als ideal waren (vgl. dazu z.B. Apg 5,1ff; 15,1ff).
  • Die Christinnen und Christen der ersten Generationen nahmen sich die Freiheit, Kirche so zu gestalten, wie es für die Erfordernisse ihrer Zeit wichtig und nötig war. Jede Generation hatte und hat selbst dafür zu sorgen, dass und wie die Sache Jesu am besten zum Tragen kommt.
  • Das dürfte auch das Verbindliche sein, das wir aus den Schriften des Neuen Testaments entnehmen können: Verbindlich sind nicht die Strukturen und die Titel und die Ämter und dergleichen; verbindlich ist die Freiheit, mit der jede, auch die unsrige Zeit, nach Mitteln und Wegen suchen soll, damit das Anliegen Jesu in unserer Welt Gestalt annimmt.
  • Das alles hat weder mit Willkür noch mit Beliebigkeit etwas zu tun. Es geht vielmehr um jene kreative Gestaltungskraft, die sich nur im Glauben an den Messias Jesus, in der Treue zum Zauber des Anfangs, in der Auseinandersetzung mit der Welt von heute und im Hoffen auf die endgültige Befreiung verwirklichen lässt.

Hermann-Josef Venetz