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In grosser Vielfalt wird in der Bibel das Bild vom Weg dazu eingesetzt, das Verhältnis zu verdeutlichen zwischen Gott, der dem Menschen begegnen will, und dem Menschen, der Gott sucht. Jedes Jahr im Advent werden uns die ersten Verse des zweiten Jesaja-Buches mit ihrer Aufforderung in Erinnerung gerufen, Gott selbst für sein Kommen einen Weg zu bereiten und dafür alles Hinderliche zu beseitigen, also Berge abzutragen und Täler aufzufüllen (Jes 40,3-5).

Aufbrüche

Immer wieder begegnen uns in der Bibel Aufbruchsgeschichten: Menschen machen sich auf den Weg, weil Gott sie dazu beauftragt (z. B. Gen 12,1-12). Die Rettungsgeschichte Gottes mit dem jüdischen Volk ist ebenso eine Weggeschichte (vgl. Ex 3-34) wie die Darstellung des Wirkens Jesu von Nazaret in den Evangelien.

Markante Beispiele erinnern daran, dass auch die Entwicklung des Glaubens im Leben eines Menschen der Geschichte eines Weges gleicht (vgl. Lk 24,13-35; Apg 8,26-40).

Wegweiser am Rande

Um einen Weg zu gehen bzw. ihn zu finden, braucht es entsprechende Orientierungshilfen. Wegweiser stehen nicht hinderlich mitten am Weg, sondern seitlich, um dem freien Durchgang nicht entgegenzustehen. Wegweiser verweisen nicht auf sich selbst, sondern sie benennen Richtung und Ziel. Sie stossen nicht vom Weg, sondern wollen das Gelingen des Weges fördern.

Wegweiser sind demütig: Nicht sie stehen im Zentrum, sondern ihr hinweisender Dienst für jene, die unterwegs sind. Und Wegweiser geben grundsätzliche Hinweise zur Richtung. Sie helfen nicht über jeden Stein, sondern sie fordern Eigenverantwortung und Kreativität heraus. Wegweisern wird auch zuerkannt, dass sie sich im Gelände auskennen, ihre richtungweisende Angabe hat hohe Kompetenz.

Der Wegweiser Jesus

Alle Evangelien erzählen davon, dass Jesus den Jüngerinnen und Jüngern vorangeht. Daraus ergibt sich «Nachfolge» wörtlich: Hinter-mir-Hergehen ist die folgerichtige Haltung gegenüber dem, der weiss, wo und wie der Weg geht. Dabei zeigt sich: Das Ich-Jesu ist durchlässig auf den einen Gott, der ihn gesandt hat, weil Jesus selbst sich an diesem Gott orientiert, ihm also nachfolgt. Einen solchen Weg zu gehen, bedeutet immer auch, andere Möglichkeiten zurück zu lassen: «Er stieg auf einen Berg, und er rief zu sich, die er wollte, und sie gingen weg zu ihm hin» – so eröffnet Markus die Erzählung über die Berufung der Zwölf (Mk 3,13). Die Vorstellung von Verzicht und von alles verlassen hat hier eine ihrer Wurzeln. Die Hinweistafel «alle Richtungen» gibt es so in der Bibel nicht.

Besonders das Johannesevangelium hebt mehrfach hervor, dass Jesus von Nazaret mehr ist als ein einfacher Wegweiser. Schon in der Jüdischen Bibel begegnen wir (prophetischen) Persönlichkeiten, die den Menschen nahebringen, wohin ihr Weg führt und nach welchen Grundsätzen sie sich dabei orientieren sollen.

Johannes der Täufer

Auch Johannes der Täufer gehört noch in diese Gruppe. Auf die Frage der Menschen, die zu ihm an den Jordan ziehen, gibt er handfeste Verhaltensrichtungen an: Umkehren und versuchen, ein ordentlicher Mensch zu sein (vgl. Lk 3,10-14).

Mehr als ein solcher Wegweiser will der Täufer nicht sein. «Ich bin es nicht», sagt er nach Joh 1,20-21 abgrenzend, und wenig später wird das erläutert: Er sei nicht der Bräutigam, sondern dessen Freund; er müsse abnehmen, während jener wachsen muss (vgl. Joh 3,29-30). Das Wort, das sich auf Jesus von Nazaret bezieht, lässt erkennen: Ihm wird höchste Autorität und Kompetenz zuerkannt.

Schon in den letzten Sätzen des Johannesprologs begründet der Evangelist diesen Autoritätsvorsprung Jesu: «Gott hat niemand jemals gesehen. Der einziggeborene Gott, der an der Brust des Vaters ruht – dieser hat ihn ausgelegt» (Joh 1,18).

Das Ziel: der Vater

Jesus von Nazaret ist der einzige, der je Gott und den Weg zu ihm rekognosziert hat, bzw. dies tun konnte. Seine Hinweise haben also eine besondere, eine einzigartige Qualität, weil er mehr als jede andere Person weiss, von wem er spricht: Das Ziel ist der Vater, mit dem er in intensivster Weise vereinigt ist (vgl. dazu Joh 10,20-23).

Da bewegen wir uns plötzlich auf einer anderen Wegweiser-Ebene. Dieser Wegweiser ist Teil der Weggeschichte, Teil des Erlebnisses Lebensweg selbst, auf das er uns hinweisen möchte. Der Verfasser des Johannes-Evangeliums widmet diesem Thema eigens ein Zwiegespräch zwischen Jesus und der Gemeinschaft um ihn. Sie alle haben irgendwie begriffen, dass Jesus sie auf Gott als seinen Vater hin ausrichten möchte. «Zeige uns den Vater», sagt da Philippus, «das genügt uns» (Joh 14,10).

Gott sehen: nicht einfach

Ja eben: Gott sehen (wie der einziggeborene Gott, siehe oben Joh 1,18) – ja, das wäre es schon; aber das ist doch offensichtlich nicht so einfach. Was Jesus den Menschen um ihn in diesem Zusammenhang vorgibt, ist in vielfacher Hinsicht wieder weg-weisend: «Ich bin der Weg …» (Joh 14,6a). Nicht nur der Wegweiser, sondern der Weg selbst – und das alles verbunden mit «ich bin». Da verdichtet der Evangelist bis in das Undenkbare, und gerade damit drückt er aus:

Dieser Jesusbezug ist unerlässlich (wie es ja auch im folgenden Satz angedeutet wird, vgl. Joh 14,6b). Und er ist einzigartig, weil er seine Grundlage in der personalen Gottesbeziehung und Gottesbegegnung hat: Ein Wegweiser also der ganz anderen und der ganz besonderen Art.

Von Jesus Christus zu Gott

Als Christinnen und Christen werden wir nicht darum herumkommen, uns mit dieser impulsgebenden Mitte Jesu von Nazaret auseinanderzusetzen. Da müssen wir im Moment nicht über die Erkenntniswege anderer Religionen nachdenken. Denn sie sind nicht das Thema der Bibel. Das ist auch keine Frage der allenfalls gemachten Glaubenserfahrung, sondern es ist die Grundsatzfrage nach den Wertigkeiten in unserem Leben:

Wer und was sind für uns die massgeblichen Orientierungspunkte und -ziele? Das bestimmt unseren Weg. Im Christusgeschehen hat Gott dazu seinen intensivst möglichen und seinen nachhaltigen Vorschlag gemacht und ihn für uns als Wegweiser aufgestellt.

Walter Kirchschläger

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