courtesy

Franz von Assisi konnte den Fragebogen, der zur Zeit von Marcel Proust in französischen Salons kursierte, nicht ausfüllen. Dafür hat er 700 Jahre zu früh gelebt. Aber wenn er es getan hätte? Dort wird auch nach der Lieblingsfarbe gefragt. Ob Franziskus eine Lieblingsfarbe hatte? Vielleicht Gold – so wie die Sonne als Sinnbild Gottes? Grün wegen seiner Nähe zur Schöpfung? Oder Rot für seine Christusliebe? Ich vermute: Seine Lieblingsfarbe war bunt.

*Den Proust-Fragebogen hat Franziskus nicht beantwortet. Aber er hat sich einmal gefragt, wie der ideale Minderbruder aussieht. Da erwarten wir heute ein eindeutiges Profil als Ausweis einer «corporate identity». Franziskus tut genau das Gegenteil. Uniformität ist seine Sache nicht. Er liebt es bunt: Ein guter Bruder habe «den Glauben von Bruder Bernhard, die Einfalt von Bruder Leo, die Höflichkeit von Bruder Angelus, die Geduld von Bruder Juniperus, die körperliche Kraft von Bruder Johannes, die Unruhe von Bruder Lucidus» (so bunt ist die Bruderschaft).

*Auch Gott ist für Franziskus bunt. Das weiss schon sein erster Biograf: «Er stellte sich den höchst Einfachen in vielfacher Gestalt vor Augen.» Beim Beten «stand er Rede und Antwort seinem Richter, dort flehte er zum Vater, besprach sich mit dem Freund, spielte mit dem Bräutigam». Gott ist immer neu und überraschend. Franz erlebt ihn als den «Höchsten» und «die Demut», allmächtig und geduldig, stark und sanft. Gott ist ganz verschieden und alles zugleich.

*Buntheit – das assoziiert «flower power», Regenbogen und Konfetti, das Leben als Party. Als junger Mann hat es Francesco tatsächlich bunt getrieben, trägt «farbenfrohe Kleider» und näht, um aufzufallen, «am gleichen Kleid einen teuren Stoff mit einem ganz wertlosen zusammen ». Aber Buntheit ist mehr als gefällige Abwechslung. Es ist der Mut zum Ganzen, der nichts ausblendet. Zu solchem Buntsein gehört auch das Dunkle. Als Franziskus im Sonnengesang die Schöpfung besingt, quälen ihn Schmerzen. Fast blind, kann er die «bunten Blumen und Kräuter» kaum noch sehen und muss seine entzündeten Augen vor Schwester Sonne schützen. Und er lobt Gott nicht nur für heiteres, sondern für «jegliches Wetter», also auch für feuchten Nebel, der nasskalt in die Knochen kriecht. Die letzten Strophen besingen dann das Verzeihen, das Ertragen von «Krankheit und Drangsal», die Annahme des Todes. Vielleicht spiegelt sich hier nochmals die alles entscheidende Erfahrung aus jungen Jahren: Auf den Geschmack des Lebens hatte ihn nicht ein Frühlingspicknick mit Freunden gebracht, sondern ein Ekelerlebnis: In der Begegnung mit einem Aussätzigen wurde ihm das Bittere in Süssigkeit verwandelt.

*Die Welt ist bunt. Die Menschen sind bunt. Gott ist bunt. Schön hört sich das an. Und einfach. Alles easy? Ich denke nicht! Mit der Lieblingsfarbe Schwarz-Weiss, die die Welt fein säuberlich in Gut und Böse sortiert, lebt es sich bequemer. Eine bunte Spiritualität akzeptiert, dass der andere anders ist und anders lebt und auch anders glaubt als ich. An einen burnoutgefährdeten Bruder schreibt Franziskus: «Wer immer dir Schwierigkeiten machen mag, Brüder oder andere, auch wenn sie dich schlagen sollten, alles darfst du für Gnade halten.» Das ist ein Plädoyer für bunte Verschiedenheit. Darum kann Franziskus ohne Angst dem Wolf von Gubbio und dem muslimischen Sultan begegnen und die Brüder auffordern, gerne mit verachteten Menschen zu leben und auch Diebe und Räuber gütig aufzunehmen. Im Proust-Fragebogen geht manches ans Eingemachte: Welche Fehler entschuldige ich am ehesten? Was ist für mich das grösste Unglück? Wie möchte ich sterben? Das Interesse an der Lieblingsfarbe erscheint da harmlos. Ist es aber nicht. Die Farbe Bunt steht für ein leidenschaftliches Ja zur ganzen Wirklichkeit. Sie ist ein Nein zu jeder Form von Ausgrenzung. Sie zielt auf Integration und Versöhnung. Und sie drückt die Bereitschaft aus, Pilger zu bleiben, sich immer neu herausfordern und überraschen zu lassen. Eine echt franziskanische Farbe.

 Cornelius Bohl

 Der Autor ist Provinzial der deutschen Franziskaner.

Zum PDF