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2005 bin ich von meinem damaligen Wohnort Davos zu Fuss von den Bündner Bergen die rund 2‘100 km nach Santiago de Compostela gepilgert, jeden Tag «Schritt um Schritt», quer durch die Schweiz, ganz Frankreich und durch Spanien, bis an die ferne Atlantikküste Spaniens.

Es war für mich eine wunderbare Auszeit, geprägt von vielen Begegnungen mit Mitpilgernden und Gastgebern und daraus gewachsenen Freundschaften. In der Mitte meines Lebens konnte ich die rund dreieinhalb Monate Time-out als Kombination von Ferien, Überzeit und unbezahltem Urlaub frei gestalten.

Und dass ich den ganzen Weg trotz Übergewicht und Unsportlichkeit ohne gesundheitliche Probleme oder gar Blasen geschafft habe, hat nicht nur mich, sondern auch mein ganzes Umfeld überrascht. «Mein» Jakobsweg hat mich vor dreizehn Jahren während dreier Monate sehr glücklich gemacht – dies bewegt mich noch heute!

Glücksgefühl dank Bewegtsein
Th. Sch. Ich bin überzeugt, dass du liebe Leserin, lieber Leser dieses Glücksgefühl – dieses Bewegtsein – auch kennst. Ich bin überzeugt, dass du in dir auch ganz persönliche Bilder trägst, deinen wertvollsten Schatz, den du hütest und abrufen kannst, der dir Kraft und Lebensfreude schenkt.

Gewiss tauchen bei dir im Alltag auch immer wieder Bilder von «deinem» Schatz auf; sei es vom Jakobsweg oder du erinnerst dich an deinen Moment von wunderbarster Aussicht ab einer Bergspitze nach langer Wanderung. Ist es ein Geruch, der dich verführt, die Augen zu schliessen und in eine blühende Wiese deiner Kindheitserinnerung zurück zu tauchen? Oder eine zufällig entstandene Berührung, die dich zurück in leuchtende Augen zu einem dir sehr lieb gewordenen Menschen trägt?

Eine einmalige Sache
Nach der Rückkehr von «meinem» Jakobsweg wurde ich immer wieder gefragt, ob ich denn nun erneut aufbrechen würde. Ich verneine. Denn «mein» Jakobsweg war eine einmalige Sache, ein Schatz mit genau den Momenten, die mich heute tragen. Ich kann aber verstehen, dass sich viele Menschen dieser Sehnsucht nach «permanentem Glücksgefühl», nach steter Bewegtheit, oder nach «immer noch mehr» hingeben. Denn darin steckt nicht nur ein Zauber, sondern es kann auch eine Flucht vor Alltagsrealitäten sein.

Bei meinen Bild-Vorträgen zum Jakobsweg habe ich immer wieder behauptet, dass es sehr einfach sei, diesen Weg zu gehen. Es ist ja auch gerade «diese Einfachheit» und Ruhe, die die Menschen auf dem Weg suchen und teilweise auch finden.

2005 habe ich von unterwegs fünf Postpakete mit Dingen nach Hause geschickt, die ich nicht benötigte – eine tolle Erfahrung, mit so wenig sehr gut auskommen zu können, loslassen!

Eine weitere äusserliche Einfachheit besteht darin, dass heute der Jakobsweg durch ganz Europa sehr gut mit gelben Wegweisern ausgeschildert ist. Der Pilger braucht keine Karte, kein modernes GPS, kein Mobiltelefon. Nicht mal ein Nachfragen für eine Unterkunft müsste sein. Der Weg ist bestens ausgeschildert und markiert! Dies ist für mich das zentrale Argument meiner Behauptung, dass es für Frau und Mann «easy» sei, sich auf den Jakobsweg einzulassen.

Zurück in den Alltag
Am Ende des Weges, an der fernen Atlantikküste Spaniens, am Ziel – geht es zurück in den Lebensalltag. Wo sind hier bei mir, zu Hause, die gelben Wegmarkierungen zu meinem weiteren Weg? Sie sind plötzlich nicht an jeder Weggabelung. Ich muss mich auf meinem Weg selbst «richtig» bewegen. Doch wonach und worauf richte ich mein Leben und meine Wertvorstellungen aus?

Um dazu gute Entscheide zu fällen, braucht es «Boden unter den Füssen» und eine geerdete Spiritualität. Dies hat mir «mein Jakobsweg» dank Ruhe und vieler Gespräche geschenkt. Darüber freue ich mich sehr!

Kein bewegender Moment
Vor etwas als 25 Jahren war ich auch bei einer Pfarreigruppe in Israel und Palästina dabei, dem Heiligen Land. Natürlich gehörte dazu in Jerusalem ein Besuch der Grabeskirche. Für mich kein bewegender Moment der Ruhe, ganz im Gegenteil. Viele Frauen berührten die Marmorplatte, die als Grabplatte Jesu bezeichnet wird, mit Tüchern, und küssten diese.

Diesen Handlungen zu zusehen hat mich überrascht und schockiert, ja ungläubig, nicht mehr losgelassen. Ich selbst war innerlich völlig unbewegt, konnte nicht mal ein Gebet formulieren.

Eine ähnliche Erfahrung bei meiner Ankunft im Sommer 2005 in der Kathedrale von Santiago de Compostela, dem vermeintlichen Ort, wo der Leichnam des Apostels Jakobus begraben liegt. Nach über 2‘100 km Fusspilgerweg sitze ich stolz in der voll besetzen Kathedrale.

Überrascht von meiner inneren Unberührtheit, betrachte ich das emsige Treiben. Es sind die vielen Tagestouristen, die sich von den «richtigen» Pilgern unterscheiden und mich befremden. Sie sind es, die sich hier vordrängen und auf ganz verschiedene Berührungsrituale von Statuen und Reliquienbehältern einlassen, obwohl sie fein parfümiert nur 300 Meter vom Bus bis zur Kathedrale gelaufen sind, wogegen ich als «richtiger Pilger»…

Der wahre Wert
Heute sehe ich den wahren Wert, den mir «mein Jakobsweg» geschenkt und auf den er mich ausgerichtet hat, wie folgt:

  • Ich kann und darf loslassen!
  • Gott hat mich auf meinem Jakobs- und Lebensweg mit Menschen beschenkt, die mich auf meinem Weg behütend begleiten, mich aufrichten und weiterführen.
  • Ich kann und darf Gottvertrauen haben!
  • Auf dem Jakobsweg führten mich die gelben Wegweiser zum ‚äusseren’ Ziel. Heute fühle ich mich mit einer inneren, goldenen Gebetsschnur von meinem Herzen zu Gott verbunden.
  • Ich kann und darf Gott – dem grossen Beweger – zugestehen, dass er auch andere Menschen beschenkt, selbst wenn ich heute vieles nicht verstehe …

Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen wer «richtiger» Jakobsweg- oder Lebensweg-Pilger ist und wer nicht. Nur Gott kennt deren Taten und Herzen, sei es bei Wallfahrtsorten in Jerusalem, in Santiago de Compostela, in Lourdes, im Gottesdienst meiner Kirche, im Meditationsraum oder am Arbeitsplatz.

Loslassen von Übergewicht
Ein letzter Gedanke, der mich seit dem Jakobsweg begleitet. Es waren auch die sehr einfachen Mahlzeiten aus dem Rucksack, die genügsam und zufrieden machten – inklusive Siesta am Mittag im Schatten eines Baumes bzw. einem Glas Rotwein abends in der Pilgerherberge.

Der Fuss-Pilgerweg hat mir damals dreissig Kilo Übergewicht abgerungen. Dieses Übergewicht ist jetzt leider wieder da. An diesem «Loslassen» muss ich also noch weiterarbeiten und mich wieder mehr bewegen.

«Mein» Jakobsweg war geprägt von Begegnungen und Gesprächen, beim Laufen oder bei spontan entstandener abendlicher Tischgemeinschaft. Wie dankbar war ich doch, wenn ich z.B. nach dreissig Kilometer Marsch bei weit über 30 Grad in einer Herberge von unbekannten Menschen freundlich empfangen und aufgenommen wurde und anschliessend allenfalls herzhaft bewirtet. Mensch sein bei Menschen – wunderbar!

Bewirtung von Randständigen
Heute arbeite ich einmal in der Woche in der Suppenstube des Kapuzinerklosters Wesemlin in Luzern als freiwilliger Mitarbeiter bei der Bewirtung von Randständigen. Pro Jahr stellt die Luzerner Klosterküche rund 3‘000 Mahlzeiten bereit. Die Begegnungen in den Jakobsweg-Pilgerherbergen haben mich zu dieser Arbeit animiert. Sehr gerne begrüsse ich jeden einzelnen Gast mit Handschlag, einem kurzen guten Wort oder Stammgäste mit Vornamen. «Mensch sein können» leuchtet bewegt aus ihren Augen zurück – wunderbar!

Beruflich arbeite ich heute bei einem Hilfswerk, das sich in der Entwicklungszusammenarbeit zu Gunsten Armutsbetroffener im Süden engagiert. Als ehemaliger Bänkler gehöre ich zum Geldsammel-Team. Entwicklungszusammenarbeit braucht aber nicht nur Geld, sondern auch eine Veränderung unserer je eigenen Lebensgewohnheiten, braucht Genügsamkeit, Suffizienz. Hier muss ich mit meinem Übergewicht bei mir selbst beginnen, wieder viel Bewegung und Loslassen einbringen.

Der Jakobsweg endet also definitiv nicht an der fernen Atlantikküste Spaniens, sondern muss in den Alltag aller Pilger übergehen – auch bei mir – «Schritt um Schritt». «Bon camino!»

Thomas Schubiger

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