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Mit wenigen Ausnahmen spielen Frauen bis heute in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle. Es kommt immer wieder vor, dass auf Fotos von einflussreichen Leuten nur Männer zu sehen sind. «Ein bisschen mehr» – oder viel mehr Frauen könnten der Welt gut tun.

Frauen verfügen, wie die Männer, über viele Ressourcen. Sie sind Erfinderinnen und Regierungschefinnen, Managerinnen und Künstlerinnen. Manchmal sind sie Querdenkerinnen. Sie protestierengegen die steigende  Armut, die Zerstörung der Umwelt, gegenKrieg und Gewalt und gegen den männlichen Machbarkeitswahn. Frauen korrigieren den Massstab, an dem wir unsere Geschichte, unsere Vergangenheit und unsereZukunft messen.

Das Wörtchen «nur»

Man schreibt das Jahr 1933. Die Elite der internationalen Physik trifft sich in Brüssel. Auf dem schwarz-weissen Bild sieht man etwas  mehr als vierzig Teilnehmende. Wo immer heute das Foto gezeigt wird, fällt fast reflexartig das Wörtchen «nur»: nur drei Frauen. Doch: Erstens ist auch an heutigen Physikkonferenzen der Frauenanteil klein. Zweitens ist die Entdeckung der  drei Frauen – die Energie der Atome – so wichtig, dass sie seit 1945 die Politik weltweit beherrscht.

Auf dem Bild ist Marie Curie zu erkennen. Sie, die 1867 in Warschau geborene Physikerin und Chemikerin, erhielt als erste Frau einen Nobelpreis; und dies gleich zwei Mal. Beinahe wäre Madame Curie jedoch schon 1903 leer ausgegangen. In ihrem Nominierungsbrief erwähnten vier Mitglieder der französischen Akademie bloss ihren Mann und blendeten Maries Arbeiten über Radioaktivität aus. Ein prominentes Mitglied der Schwedischen Akademie sorgte dafür, dass Marie nachnominiert wurde. Doch wurde an der  Preisverleihung der Akademie einreichlich unpassendes Bibelwort zitiert: «Ich will dem Mann eine Hilfe machen, die ihm entspricht.» 1911, als Madame Curie einen zweiten Nobelpreis erhalten sollte,traf in Stockholm die Nachricht ein, dass die Wissenschaftlerin nach dem Tod ihres Ehegatten eine Liebschaft mit einem (verheirateten) Mann habe. Vergeblich bat man darum, unter diesen Umständen den Nobelpreis nicht entgegenzunehmen.

Das Ungleichgewicht

Auf den ersten Blick haben Länder wie China oder Georgien, Indien oder die Länder des Balkans nichts miteinander zu tun. Es gibt kaum kulturelle oder religiöse Gemeinsamkeiten. Das einzig Verbindende ist die schlechte Stellung der Frau. Diese beginnt mit der Bevorzugung des männlichen Nachwuchses. In China verschärft die herrschende Ein-Kind-Politik den Druck zusätzlich, dass dieses eine Kind ein Knabe sein muss.

Indische Eltern müssen ihre Töchter mit einer kostspieligenMitgift ausstatten.  Wen wundert es, dass Kliniken die Kosten für den Test per Ultraschall mit jenem für die spätere Aussteuer vergleichen? Spitäler werben ganz unverblümt mit dem Slogan: «Lieber jetzt 500 Rupien zahlen als später 50000 Rupien!» Die Folge ist, dass es ingewissen indischen Landstrichen mittlerweile kaum mehr junge Frauen gibt. Auch für viele Chinesen ist es  schwierig, eine Braut zu finden. Die «kahlen Äste», wie man in China die Junggesellen wider Willen nennt, vertreiben sichihre freie Zeit mit  Kampfspielen. Die Gewalt in der Gesellschaft nimmt zu.

Eine Mitteilung der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften lässt aufhorchen: «Im Jahr 2020 wird es in der Altersklasse der unter 20-Jährigen bis zu 40 Millionen überschüssige Knaben und Männer geben, die kaum eine Aussicht haben, je eine Frau zu finden.»

Alibi für Verbrechen

Im Nahostkonflikt ist bis heute keine Lösung in Sicht. Im Rückblick ein Detail aus dem lange schwelenden Konflikt: 1982 protestierten Israelinnen vom Frauenzentrum «Die Stimme der Frau» in Jerusalem gegen den Krieg in Libanon. Als Zeichen der Trauer trugen sie schwarze Kleider. Sie forderten von der israelischen Regierung und der Armee: «Verlasst augenblicklich den Libanon!»

In einer Petition schrieben die Demonstrantinnen: «Ihr sagt, dass ihr in den Krieg zieht, um uns zu beschützen. Wir Frauen wollenaber nicht Alibi für die  Verbrechen sein.» Der Frauenprotest der Israelinnenerregte weltweites  Aufsehen. Schade, konnte er die Eskalation im Libanon nicht verhindern!

Die Beschützerinnen

Nur Wenige von uns werden sich noch erinnern, dass im Juli 1955 der internationale Demokratische Frauenverband Delegierte aus 66 Ländern nach  Lausanne geladen hat, um gegen die weltweite nukleare Aufrüstung zu  protestieren. Im Manifest des Weltkongresses der Mütter gegen die Atomgefahr hiess es: «Wir Mütter sind hierher gekommen, um unsere Kinder vor dem Krieg zu schützen und ihneneine Zukunft des Friedens und des Glücks zu sichern.»

Was, wenn in Lausanne nicht «nur» Mütter, sondern auch Väter demonstriert hätten? Oder wenn 1955 in Deutschland auch Männer für den Dialog mit der damaligen UdSSR plädiert hätten, die wie viele Frauen, der Überzeugung waren: «Verhandeln ist besser als schiessen?»

1991, kurz nach dem Angriff der serbisch dominierten Bundesarmee auf  Slowenien und Kroatien, drangen Mütter von Soldaten spontan in das Parlament in Belgrad ein. Sie verlangten die Rückkehr ihrer Söhne. Andere Frauen umstellten die Kasernen und versuchten so zuverhindern, dass ihre  Angehörigen in den Krieg zogen. Später fuhren Frauen nach Slowenien, um ihre Ehemänner und Brüder heimzuholen. Leider, wir wissen es, vergeblich. Trotzdem sind diese Frauen und ihre Taten der Rede wert.

Das Zeichen

Seit 111 Jahren wird der Friedensnobelpreis verliehen. 2011 war das erste Jahr, in dem ausschliesslich Frauen für ihren Einsatz geehrtwurden. Wollte  da das Nobelkomitee ein Zeichen setzen? Die ältesteder drei  Preisträgerinnen, die über 70-jährige liberianische Präsidentin Ellen Sirleaf, erklärte in einem Interview, warum Afrika besser dastünde, wenn es von Politikerinnen angeführt würde statt wie fast überall von Staatsmännern: «Frauen arbeiten härter. Sie sind meistens engagierter und ehrlicher als Männer.» Aus diesen Gründen hätten Frauen auch weniger Veranlassung, sich durch das politische Machtspiel korrumpieren zu lassen.

Nach ihrer Wahl machte Sirleaf den Liberianern, die vierzehn Jahre unter einem grausamen Bürgerkrieg gelitten hatten, viele Versprechen. Einige, vorab Frieden und die Elektrifizierung der Hauptstadt, löste sie ein; andere, wie zum Beispiel Fortschritte bei der Armutsbekämpfung, jedoch nicht. Sie ist eine der Wenigen, die dies offen eingesteht und via Radio ökonomische Volkshochschulkurse abhält.

Unerschrocken

Die zweite ausgezeichnete Frau, die liberianische Sozialarbeiterin und Kirchenpräsidentin Leymah Gbowee, hat als Friedensaktivistin in ihrem früher von Bürgerkrieg erschütterten Land eine neue Frauenbewegung organisiert. Sie hat den Marktfrauen geraten, ihre Informationen nicht mehr an die Aggressoren weiterzugeben. Und, falls die machtversessenen Guerillaführer zu keinem Friedensschluss zu bewegen seien, schlug sie ihren Mitstreiterinnen vor, zum Mittel des Sexstreiks zu greifen.

Die dritte Friedensnobelpreisträgerin 2011 stammt aus Jemen. Tawakul Karmann ist eine junge Mutter, Betriebsökonomin und Gründerin der Organisation «Journalistinnen ohne Ketten.» In ihren Protesten pocht sie auf das Recht der freien Meinungsäusserung. Den unter Jemenitinnen weit verbreiteten Gesichtsschleier hat sie öffentlich abgelegt. Sie fordert ihre Mitbürgerinnen auf, es ihr gleichzutun. In einem Land, das sich nicht gerade für die Gleichberechtigung der Frauen rühmen kann,setzt  sie sich unerschrocken ein, auch wenn sie deswegen schon mehrmals verhaftet wurde. Für die revolutionäre Jugend ist Karman eine herausragende Figur.

Es bleibt die Hoffnung, der Entscheid des Nobelkomitees 2011 sei ein Zeichen dafür, dass in Zukunft das grosse Potential der Frauen für ihre (Friedens-)Bemühungen in der Öffentlichkeit und im Stillen noch mehr geschätzt und gewürdigt wird.

Lydia Guyer-Bucher