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Visionen werden Wirklichkeit

Der Kapuziner Walbert Bühlmann ist bald 90. Auch in seinem hohen Alter hat er es nicht aufgegeben, von der Erneuerung der Kirche zu träumen.

1985 habe ich in der Schweiz und in Deutschland einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel: «Der Papst verkauft den Vatikan.» Es war da die Rede von Papst Johannes XXIV., der folgende Botschaft verkündete:

«Das II. Vatikanische Konzil hat das historische Kirchenbild verändert und Impulse gegeben, die theologisch-theoretisch die Zustimmung gefunden haben, die aber pastoral-strukturell bisher noch nicht in die Praxis umgesetzt wurden. Es liegt mir sehr daran, zu gewissen Auswirkungen des Konzils mutig Ja zu sagen …

Nicht nur Kleider machen Leute, auch Gebäude prägen den Menschen. Das Barock- und Renaissance-Milieu des Vatikans hat jahrhundertelang dazu beigetragen, in diesem kirchlichen Verwaltungszentrum einen Stil und eine Mentalität zu schaffen, die innerhalb dieser Gebäude schwerlich zu verändern sind; abgesehen davon, dass sich diese Räumlichkeiten als sehr teuer im Unterhalt und unfunktionell für die Arbeit erweisen. An der Schwelle des dritten Jahrtausends scheint mir daher der Zeitpunkt gekommen zu sein, historischen Ballast abzuwerfen …

Deshalb habe ich beschlossen, den Vatikan mitsamt den Museen einer europäischen Kulturinstitution zum Kauf anzubieten. Aus dem Erlös werde ich anderswo ein bescheidenes, funktionelles Verwaltungszentrum für die lateinische Kirche erbauen lassen. Ich betone: für die lateinische Kirche. Ich verstehe darunter die Kirche der altchristlichen Länder der westlichen Welt, die aus der römischen Kultur herausgewachsen sind und die Kirche, wie sie konkret lebt, in ihrer historischen Gestalt geformt haben. Bezüglich der anderen Kontinente hat es dem Heiligen Geist und mir gefallen, ihrem je eigenen Kulturempfinden entgegenzukommen, ihnen nicht die ‹westliche› Kirche aufzuerlegen, ihnen eine grosse Autonomie und Kompetenz zu überlassen, so dass das Evangelium bei ihnen Fleisch und Form annehmen und seine neue Geschichte beginnen kann, damit so in Lateinamerika lateinamerikanische, in Afrika afrikanische und in Asien asiatische Kirche werde …

 Wenn der Vatikan verkauft wird, will das heissen, dass auch der Kirchenstaat nicht länger besteht und dass auch die Funktion der Nuntien zu Ende geht.

Ich selber werde meinen Sitz nach Jerusalem verlegen, um dort, unbelastet von allen geschichtlichen Animositäten, die mit dem Namen Rom verbunden sind, der grösseren Ökumene zu dienen. Da alle Kirchen sich nach Einheit sehnen, aber mit – Recht – nicht unter die römische Kurie geraten wollen, glaubte ich, dass der Nachfolger Petri ein neues, evangeliumsgemässes Modell vom ‹Zeichen der Einheit› anbieten sollte, das alle Kirchen annehmen könnten, um so vor der Welt der nichtchristlichen Religionen und des Unglaubens endlich wieder als eine Kirche mit dem gemeinsamen Zeugnis von Christus dazustehen.

Ich werde deshalb möglichst bald mit den anderen christlichen Kirchen in Fühlung treten, um zu erfragen, ob sie zu einem gemeinsamen Konzil – nennen wir es einmal Jerusalem II – bereit wären, um dort die Grundlagen zu legen, auf denen man sich, unbeschadet der verschiedenen Traditionen, gegenseitig als die eine Kirche Christi anerkennen würde. Ich möchte zudem in Jerusalem versuchen, die drei monotheistischen Religionen, die dort vertreten sind – Christentum, Judentum, Islam – und sogar die anderen grossen Religionen zu einer Art Ökumene zusammenzubringen. Denn ich bin überzeugt, dass alle Gott suchenden und Gott liebenden Menschen einander nahe sein müssen und dass, wie alle Kirchen, so auch nur alle Religionen zusammen die Fülle des Wirkens des Heiligen Geistes zum Ausdruck bringen können …

Ich weiss, dass ich noch nicht alle Auswirkungen dieses Beschlusses absehen kann, wie auch Johannes XXIII., als er das Konzil ankündigte, dessen Folgen er nicht vorhersehen konnte. Aber ich glaube, im Geiste Jesu und des Konzils gehandelt zu haben. Ich bitte alle Schwestern und Brüder in den Kirchen, meine Worte in diesem Geiste aufzunehmen und zu deren Verwirklichung bereitwillig mitzuwirken.»

Das war freilich ein kühner Kirchentraum. Ob und wann er einmal verwirklicht wird, weiss auch jetzt nach 20 Jahren niemand. Hingegen hat schon vor 40 Jahren die Kirche im II. Vatikanischen Konzil ein ganzes Bündel voller erstaunlicher Träume gehabt und sie in 16 Dokumenten publiziert.

Ich versuchte, sie aufzuarbeiten und hatte den Mut, diese Träume ernst zu nehmen, indem ich sie auf die Realität der Kirche anwandte. Hier stelle ich diese Visionen – vereinfachend – mit folgenden Stichworten dar:

«Pfarrkinder»

Früher war die Predigtanrede wie selbstverständlich «Liebe Pfarrkinder.» Es sollte sich heute ein Pfarrer erkühnen, diese Anrede noch zu gebrauchen! Man würde mit den Füssen scharren oder aus Protest hinausgehen. Die «Kinder» sind mündige Christen geworden.

Früher las man im Dogmatikbuch von Tanquerrey auf 72 Seiten über die Kirche als Hierarchie (Papst, Bischöfe, Priester) und dann im Kleindruck noch 3 Seiten über die Laien. Das Konzil nun sprach im wichtigsten Dokument zunächst über die Kirche als Geheimnis, dann über das Volk Gottes und schliesslich über die Hierarchie, die natürlich auch zur Kirche gehört.

Früher sagte man in den USA, die Laien hätten nur drei Aufgaben: «to pray, to obey and to pay» – zu beten, zu gehorchen und zu zahlen. Inzwischen sind diese «Laien», die 99,9 % der Kirche ausmachen, ihrer selbst bewusst geworden, Frauen wie Männer. Das Konzil sagte über sie, dass sie teilhaben am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi, und dass ihr «neues Bewusstsein für ihre eigentümliche Verantwortung in der Kirche einem unverkennbaren Wirken des Heiligen Geistes zu verdanken sei». Das Regieren in der Kirche (Diözese, Weltkirche) ist damit nicht einfacher geworden. Es bleibt zu hoffen, dass die Laien die erlangte Gewissensfreiheit nicht missbrauchen.

«Ketzer»

Früher nannte man die Christen anderer Kirchen Ketzer. Es war strengstens verboten, eine protestantische Bibel zu lesen. Man setzte voraus, diese sei bewusst gefälscht, damit aus den Texten nicht die «katholische» Lehre über die Eucharistie oder das Petrusamt abgeleitet werden könne. Ebenso durfte man keine protestantische Kirche betreten. Erste Versuche zu einem Dialog wurden von Rom beargwöhnt.

Dann hat das Konzil überraschend gesagt, dass es «billig und heilsam sei, den Reichtum Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der andern anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens». Ich bin schon vorher, Ende der 1940er Jahre, wie selbstverständlich im protestantischen Basler Missionshaus drei Wochen ein- und ausgegangen, um im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit die dortige Bibliothek auszunützen, als «erster Katholik», der in der damals 150-jährigen Geschichte des Hauses den Fuss über die Schwelle gesetzt habe. Ich konnte auch im Frühling 1962 in Tansania den Anstoss geben zu einer gemeinsamen Suaheli-Bibel – was dann hernach im Konzil nicht nur erlaubt, sondern empfohlen wurde.

«Heiden»

500 Jahre lang betitelte man sämtliche Bewohner der neu entdeckten Kontinente als «Heiden, Götzendiener, Ungläubige». Noch 1919 schrieb Papst Benedikt XV.: «Wir müssen noch die ungeheure Masse der Heiden der stolzen Tyrannei Satans entreissen», und 1926 Pius XI: «Die Heiden sind so arm, weil sie von Gott nichts wissen.»
Genau 25 Jahre später, 1951, habe ich in Tansania u.a. folgende Entdeckungen gemacht: Ein «Heide», der im Sterben lag, antwortete auf meine Frage, wie viele Götter es wohl gebe, entschieden: «Es kann keine Götter geben. Es gibt nur einen Gott.» Und auf die weitere Frage, was Gott tue: «Anatuangalia/Er schaut uns an.» Diese Antwort hat auch den Sinn: Er schaut zu uns, wie die Mutter zum Kinde schaut, dass ihm nichts Böses passiere.
Ein anderer Tansanier, dem ich nachts begegnete und fragte, ob er nicht Angst habe, so allein durch den Busch zu wandern, antwortete: «Ich bin ja nicht allein». – «Ich sehe niemand anders.» – «Wa pili ni Mungu: Der Zweite, das ist Gott.» Also zwei «Heiden», die wahrscheinlich mehr unter den Augen Gottes, in der Gegenwart Gottes leben als viele Christen! Solche Entdeckungen häuften sich, auch in Asien. So hat dann das Konzil erstmals in positiven Worten über diese Religionen geredet. Folglich soll man jene Menschen nicht länger «Heiden» nennen, sondern «Glaubende anderer Religionen», oder «Mitpilger mit uns auf dem Weg zur Fülle des Lebens in Gott».

«Abgefallene»

Jene, die früher bei einer Volksmission nicht mitmachten, galten als schwarze Schafe. Jene, die gar aus der Kirche austraten, waren «Abgefallene», für die man betete und beten liess, damit sie wenigstens vor dem Sterben zurückkehren, um nicht in die Hölle zu fallen.
Heute machen diese säkularisierten Menschen, die sich nicht um die Kirche, vielleicht sogar nicht – ausdrücklich – um Gott kümmern, vielfach die Mehrheit aus. Das Konzil hat auch hier im Dokument «Kirche in der Welt von heute» eine positivere Haltung zu ihnen geäussert. Ich nenne solche Menschen gern «religiöse Nomaden». Sie sind zwar aus den religiösen Strukturen ausgewandert, sind und bleiben aber im Grunde – bewusst oder unbewusst – suchende Menschen. Über kurz oder lang werden sie – spätestens im Sterben (vgl. die Bücher von Dr. Kübler-Ross) – zu einer klareren Schau ihres Suchens gelangen.
Darum kann man über sie Sätze wie folgende sagen: «Es gibt keine gottlosen Menschen. Denn selbst wer Gott aufgibt, wird von Gott nicht aufgegeben.» Und: «Niemand kann so tief fallen, dass er aus Gottes Liebe herausfällt.» Denn Gott begleitet sie in Geduld mit seiner Huld und Treue. Er weiss, wann und wie er sie einholen und heimholen kann.

Chancen der Kirche

Das Konzil hat also wirklich neue Visionen entworfen, die seither in einem eher mühsamen Prozess in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Ein schönes Stück Weges haben wir bereits zurückgelegt. Wenn wir nun das alte mit dem neuen Welt- und Kirchenbild vergleichen, können wir trotz aller eher bedrückenden Realität der gegenwärtigen Kirche sagen, dass wir in einer aussergewöhnlich grossen Kirchenzeit leben. Wahrscheinlich sprechen wir zu viel von den Krisen und zu wenig von den Chancen der Kirche.
Diese Schau gibt uns den Mut, an diesem Werdeprozess mitzuwirken, so dass diese Visionen immer mehr zur Wirklichkeit werden – bis dann in der Endzeit alles klar wird.
Walbert Bühlmann