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Den Glauben „missionarisch“ in die Gegenwart hinein zu übersetzen ist eine schwierige Aufgabe. Sie bietet auch Chancen.

(Fortsetzung des Beitrags vom 31. Dezember 14)

Eine gewaltige Chance steckt in der Konfrontation der Kirchen mit der neuen missionarischen Situation. So kann etwa eine Rückbesinnung auf den Missionsauftrag ein wichtiges kritisches und korrigierendes Potenzial liefern: gegen Abschliessungstendenzen und ängstliche Selbstgenügsamkeit ebenso wie gegenüber einer nach wie vor oft allzu grossen Selbstverständlichkeit bezüglich Glauben und Kirche-sein.

Wo sich die Kirchen von neuem ihrer Botschafterrolle erinnern, ihrer Teilhabe am Sendungsauftrag Christi gewahr werden, wird sie dies auch vor der grassierenden Hoffnungslosigkeit und Resignation schützen. Denn nicht zuletzt rühren diese aus der Enttäuschung, mit dem eigenen Tun, immer neuen (pastoralen oder katechetischen) Strategien die Zukunft von Glaube und Kirche nicht sichern zu können. Zweifellos werden auch die künftigen missionarischen Bemühungen mit einem hohen Frustrationspotenzial verbunden sein, wo nur noch die Pfingsterfahrung tröstet und von neuem motiviert: Die Übersetzung der Glaubensbotschaft – auch im Europa des 21. Jahrhunderts – kann und wird gelingen.

Der Klärungs- und Verständigungsprozess sollte dabei durchaus offensiv unter dem Stichwort „Mission“ erfolgen. Nicht nur, um das Ringen mit der neuen missionarischen Situation in die nun einmal von Schatten und Licht bestimmte Geschichte der Verkündigung des lebendigen Gottes einzureihen. Erst recht gilt es den Eindruck zu vermeiden, als Kirche nicht offen und ehrlich zum bleibenden Missionsauftrag stehen zu können. Und lassen sich nicht zumindest einige der schmerzvoll errungenen Erfahrungen und Erkenntnisse der Missionsgeschichte, der Missionstheologie oder auch der damit zusammenhängenden Inkulturationsdebatte fruchtbar machen für die Frage, wie sich das Evangelium in einer pluralistischen Wohlstandsgesellschaft mit ihrem hohen Mass an Individualisierung inkulturieren lässt?

Zumindest gilt dies für die Erkenntnis, dass vor jeder Verkündigung eine aufmerksame und möglichst vorurteilsfreie Wahrnehmung der kulturellen Situation stehen muss; es einer realistischen Auseinandersetzung mit dem familiären, sozialen, kulturellen Lebensumfeld der Angesprochenen bedarf.

Dabei geht es nicht darum, defensiv abzuwarten, bis Religionssoziologen wieder einmal einen religiösen Boom zu erkennen glauben. Statt dessen gilt es, jene Handlungsspielräume und Anknüpfungspunkte auszuloten, die der Glaubensweitergabe förderlich, und jene Trends und Entwicklungen zu erkennen, die ihr hinderlich sind. Es geht darum, das Unterscheidende wie das Gemeinsame zwischen Evangelium und einer nach wie vor rudimentär christlichen Kultur zu bestimmen. Selbstredend verlangen hochdifferenzierte Lebensbereiche und vielfältige soziale Milieus eine ebensolche Vielfalt missionarischer Formen und Zugangsweisen, Umsicht bei der Suche nach angemessenen Verkündigungsformen. Dabei muss Massgabe bleiben, dass, wie Johannes Paul II. in seiner Missionsenzyklika betont hat, die erste Form des Zeugnisses das Leben ist, denn „der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr den Erfahrungen als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien“.

Wenn die Kirche aber ihrem Wesen nach missionarisch ist, führt die Rückbesinnung auf diesen Auftrag auch zu dem ihr Wesentlichen. So wie die Kirche vor jedem missionarischen Tun über das gesellschaftliche Umfeld Klarheit zu gewinnen sucht, muss sie sich, um in diesem Engagement glaubwürdig und überzeugend zu sein, auch ihrer eigenen Wahrheit stellen. Dies schliesst nicht nur die ehrliche Verständigung über das Ziel ihres missionarischen Strebens ein: Geht es ihr um eigene Bestandssicherung oder sucht sie, dem Menschen von heute die Begegnung mit dem lebendigen Gott, ein Leben im Glauben zu erschliessen? In dem Maße aber, wie die Kirche und jeder einzelne Christ nur im Spannungsbogen zwischen Gottvertrauen und Selbstvertrauen glaubwürdig Zeugnis ab­legen können, müssen sich beide darüber klar werden, welche Zukunft sie selbst dem Glauben zutrauen.

In der (Wieder-)Annahme des missionarischen Auftrags liegt aber zuletzt auch die Chance, in einer für die Kirchen belastenden Zeit einen grundlegenden Perspektivenwechsel zu vollziehen, indem sich einmal der Blick wieder auf das rich­tet, was wir haben, und nicht nur darauf fixiert bleibt, was uns fehlt und was früher einmal besser war. Zum anderen wird die Kirche dort offensiv, wo bislang defensives Reagieren auf äußere Umstände vorherrscht.

In dieser veränderten Perspektive wird auch wieder in den Blick kommen, was in der pflichtschuldigen Selbstanklage ebenso wie in den wechselseitigen Vorhaltungen fehlenden missionarischen Eifers häufig übersehen wird: Alle Orte und Gelegenheiten, wo Kirche ihrem Evangelisierungs- oder Missionsauftrag tagaus, tagein gerecht zu werden sucht: Von den kirchlichen Schulen über die kulturelle Diakonie ihrer Akademien und Bildungswerke zur Präsenz im sozial-karitativen Bereich, ihrem Dienst am Wort ebenso wie dem am Tisch.

Wo Mission kein Überstülpen, nicht penetrantes Überreden oder Indoktrination ist, sondern „Vorschlag“ und Angebot im Respekt vor der Freiheit des anderen, Zeugnis der eigenen Glaubenserfahrung, muss sie aber auch nicht verstohlen geschehen. Dies wird den einzelnen Christen ermutigen, im alltäglichen Lebensumfeld seinen Glauben deutlicher ins Gespräch zu bringen.