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Gespräch mit dem Komponisten Franz Rechsteiner

Einige Theologen sind unbedingt für Musik in der Liturgie, andere skeptisch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie der Musik eine immense Wirkung zuschreiben. Dieser Kraft, ihrer Verortung sowie Verwortung ist das folgende Interview auf der Spur.

Herr Rechsteiner, spielen Orte für einen Komponisten eine Rolle?

Beim Komponieren schreibe ich die Noten in meinem Arbeitszimmer. Die Anregung dazu kommt jedoch wesentlich auch von aussen. Die Eisenbahn ist für mich ein sehr anregender Ort in Bewegung (!), wenn ich mich an ein Werk heranwage.

Und die Musik selber?

Sie ist kein Ort. Sie ist eine Zeitkunst, aber sehr abhängig vom Raum, in dem sie erklingt. Es gibt Räume, die Musik abschneiden, «abmurksen», andere, die sie sich entfalten lassen. Zu beachten ist auch das Optische. Eine akustisch ideale Betonhalle kann vom Visuellen her für eine Aufführung versagen.

Wo wäre der ideale Ort für Ihre Musik?

Es gibt nicht einen Ort. Es gibt bevorzugte Orte – vor allem Sakralräume und Konzertsäle. Für die Uraufführung eines Werkes habe ich meistens eine konkrete Vorstellung.

Welche Vorstellung hatten Sie für die Vertonung des Sonnengesangs des Franz von Assisi?

Ich hatte mir ursprünglich eine schlichte Kapuzinerkirche vorgestellt. Tatsächlich fand die Uraufführung mit Jugendlichen in Bondo, einer einfachen Kirche im Bergell statt.

Welche Bedeutung hatten die Worte des umbrischen Bruders für Ihre Komposition? Stehen Worte einem Komponisten nicht im Weg für eine reine Musik?

Nein, der Sprachklang war mir wichtig für die Komposition des Sonnengesangs. Darum ging ich mit dem Urtext, wie er von Franziskus überliefert ist, zu einem Spezialisten für mittelalterliche Sprachen. Bei meinen Kompositionen bewege ich mich vom Text via Sprachklang zur Komposition. Der Text samt seinem Inhalt inspiriert mich für die Klänge der Musik.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Sehen Sie hier (vgl. Bild mit Notenpassage): Wenn es ums Wasser geht, sprudelt eine Geige daher. Im Weiteren werden im Sonnengesang Brüder und Schwestern einander sprachlich gegenübergestellt.

Und das konnten Sie musikalisch gestalten?

Ja. Wo der Text von einem weiblichen Element handelt, verwende ich weichere Harmonien. Die Melodien fliessen geschmeidiger. In den männlichen Teilen sind die Melodiebildungen ausgreifender. Die Harmonien etwas schärfer.

Wie finden Sie diese Bilder und vor allem die Töne dazu?

Zuerst bin ich passiv, dann werde ich aktiv. Ich sitze beispielsweise in der Eisenbahn und lasse mich vom Reisen inspirieren. Ich komme in einen angeregten Zustand und empfinde Lust zu schreiben. Plötzlich weiss ich in Gedanken und Worten, was ich will. Erst später suche ich zu dieser sprachlichen Ausformulierung die Klänge der Musik, die Harmonien, Melodien und Rhythmen.

Dazu ziehen Sie sich dann in Ihr Arbeitszimmer zurück?

Genau. Ich beginne am Klavier zu improvisieren. Mit der Zeit kommt mir ein Einfall, der Ausgangspunkt für ein Stück werden kann. Der Einfall an sich ist jedoch noch keine Komposition. Es muss sich etwas daraus entwickeln. Eventuell tritt dieser Einfall in Spannung zu einem andern, oder es muss eine Verbindung hergestellt werden. Es entsteht eine musikalische Form für ein Lied oder für ein grösseres Werk.

Im diesjährigen Franziskuskalender geht es nun nicht nur um Orte und Worte, sondern um Kraft(w)orte. Woher holt Ihre Musik die Kraft?

Meine Einfälle müssen zu Spannung und Entspannung finden. Dieses Verhältnis ist zentral. Nur laute Musik alleine bringt noch keine Spannung. Auch sie wird langweilig. In einer guten Musik braucht es Überraschungsmomente sowie Wiederholungen. Diese beiden Prinzipien sind wichtig beim Komponieren. Es braucht beide in einem guten Verhältnis. Ansonsten degeneriert Musik zu akustischen Reizen, wie wir sie aus der Berieselung in Warenhäusern kennen. Und diese stehe ich nicht aus!

Haben Sie als Kirchenmusiker mit der Musik schon Momente erlebt, die Sie als besondere Augenblicke erfahren haben? Musik als religiöse Erfahrung?

Bei der Frage von Musik und religiöser Erfahrung bin ich sehr vorsichtig. Ich sehe zwei Wege. Zum Beispiel bei der Matthäuspassion von Bach kommt mir das Leiden Christi in der Musik mit ihrer Tonsymbolik nahe. Sie schwingt mit. Trotzdem bleibe ich vorsichtig, diese Erfahrung als eine Gotteserfahrung zu bezeichnen.

Und welches ist der zweite Weg?

Der ist nicht musikalisch! Oft habe ich das Bedürfnis nach Stille. In der Meditation oder Kontemplation will ich keine Musik hören. Die Musik relativiert die Stille zu stark. Musik stört mich in dieser Situation selbst dann, wenn sie von Bach geschrieben wurde.

Worin liegt die Kraft in der Musik von Bach?

Bach ist insofern ein Ideal, als dass er den Ausgleich zwischen der rationalen und der emotionalen Ebene schafft. Es ist dies eine kontrollierte Emotion. Seine Musik ist bis zur letzten Note durchkomponiert. Denn Emotionen und Verstandesarbeit müssen sich die Waage halten, wenn sie über den Augenblick hinaus Wirkung haben sollen.

Gibt es diesbezüglich einen Unterschied zwischen der profanen und der kirchlichen Musik?

Nein. Ich nehme das Kirchenmusikpublikum ebenso ernst wie das Publikum in einem Konzertsaal. Persönlich kenne ich die geistliche Erfahrung auch in der weltlichen Musik.

Könnte man das auch vom Rock und Pop sagen?

Ich kann nur für mich sprechen, da ich mich auf diesem Gebiet nicht für kompetent halte. Rock und Pop ist in ihrer Harmonik, im Zusammenklang oft sehr konservativ. Darum für mich eher nicht. Nehmen Sie zum Vergleich den Protestgesang «O Heiland reiss den Himmel auf» von Friedrich von Spee, einem tollen Texter. Da gibt es im Text nicht nur Gewalt, sondern auch Hoffnungsbilder. Also verschiedene Elemente treten in echte Spannung zueinander. Der Text handelt von «grösster Not» und der Dichter streckt sich aus vom «Elend zu dem Va terland». Das drückt auch in der schlichten Melodie durch. Genau so kompromisslos möchte ich texten und komponieren können.

Manchmal ist Musik mit Worten verbunden, manchmal auch nicht. Zerstört das Wort den musikalischen Genuss?

Nein. Zwischen Musik und Text sehe ich eine Wechselbeziehung. Selber komponiere ich ja vom Wort her meine musikalischen Werke. Doch, wo die Sprache aufhört, kann die Musik darüber hinausgehen. Aber es gibt auch Texte, die ich nicht vertonen würde. Rilke beispielsweise wurde bisher selten vertont. Seine Texte sind selber schon so musikalisch, dass sie mit Ton entzaubert würden. Dasselbe gilt auch für die Texte von Goethe. Seine Sprache ist selbst schon so verdichtet, dass sie durch Musik gemindert würde.

In der Kirchenmusik gab es häufig Diskussionen, ob die Musik in der Liturgie überhaupt einen Platz haben kann. Bekannt ist das Schwanken, die Unsicherheit eines Augustinus. Wie hätte Jesus auf diesen Konflikt reagiert?

Jesus ging in die Synagoge und da hat man die Psalmen nur gesungen gekannt. Er hätte wohl gelacht, wenn er gewusst hätte, dass später die Psalmen nur gelesen oder rezitiert worden sind. Wenn ich die Psalmen in Hebräisch spreche, dann werde ich automatisch zum Singen animiert. Das Hebräisch hat einen sehr erdhaften Klang, welcher zu einer eigenen Musik animiert.

Warum hatte nun Augustinus Schwierigkeiten mit der Musik?

Musik hat mit Sinneslust zu tun. Davor fürchtete sich Augustinus, er, der von der Musik sehr mitgerissen wurde. Für einen platonischenPhilosophen sind die Sinne negativ besetzt. Nur die Idee ist das Vollkommene. Allerdings hat er sich dann doch eher für die Musik im Gottesdienst durchgerungen.

Ähnlich erging es wohl Zwingli?

Der Reformator war nicht nur gut gebildet, sondern auch sehr musikalisch. Doch auch er hatte Angst vor der Wirkung der Musik im Gottesdienst. Darum hat er die Musik in die Privatsphäre verbannt.

Wieso konnte sich Luther von dieser Angst vor der Musik lösen?

Der Apostel Paulus schrieb im Römerbrief, dass der Glaube vom Hören kommt. Diesen Gedankengang nimmt Luther auf. Der Glaube ist uns übers Hören vermittelt worden, übers Vorbeten der Eltern und über die Verkündigung. Darum sah Luther eine ganz enge Verwandtschaft zwischen Musik und Theologie, wie er sie verstand. Der wichtige katholische Theologe Karl Rahner hat in den 1950er-Jahren vor einer Aufführung der Messe von Igor Stravinsky geschrieben, dass Musik an sich nicht geistlich sei.

Was hat er damit gemeint?

Es stimmt, dass Musik ein neutrales Phänomen ist, weder geistlich noch nicht geistlich. Karl Rahner schreibt aber im von Ihnen erwähnten Artikel, dass Musik durch Verbindung mit dem Wort durchaus eine geistliche Dimension erschliessen kann.

Nun die direkte Frage an Sie, Herr Rechsteiner, den Theologen und Musiker: Wieso komponieren Sie?

Es gibt zwar schon sehr viele gute Musik – es müsste keine neue Musik mehr geschrieben werden. Ich habe aber das Bedürfnis, mich durch Musik auszudrücken und mich so mitzuteilen.

Interview: Adrian Müller
www.adrianm.ch