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Verständnis wecken für Flüchtlinge und Denkanstösse für ihre Integration geben: Die Kapuziner wissen sich als Mitglieder eines franziskanischen Ordens dazu verpflichtet. Dazu ein Referat des bayerischen Mitbruders Othmar Noggler (gehalten am 19.10.2017 in Rapperswil).

Der Titel, „gewagte Solidarität“ mag den Argwohn wecken, es könnte sich um eine verdeckte Ablehnung von Integrationsbemühungen, ja sogar um eine Ablehnung von Flüchtlingen oder überhaupt fremder Menschen handeln, unabhängig von deren aktueller Situation, weil sie in sich einen Störungsfaktor darstellen und diejenigen, die sich auf sie einlassen ebenfalls zu einem werden.

Mit dem provokanten Titel soll genau auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werden, weil die Bemühungen um die Integration von Flüchtlingen nicht nur Lob einbringen, sondern häufig auf Ablehnung bis auf heftigen Widerstand stoßen. Dass dies mit den Kernaussagen unseres Glaubens nicht vereinbar ist, dürfte klar sein. Dafür stehen die Weisung aus dem Evangelium (Mt. 25, 35-40), die Überlieferung aus dem Alten Testament und selbstverständlich die franziskanische Spiritualität.

„Christliches Abendland“

Geradezu in zynischer Weise berufen sich erklärte wie faktische Atheisten im Osten der Bundesrepublik bei der Ablehnung dieser Menschengruppe auf den Schutz der Werte des (christlichen) Abendlandes. Wie gewagt Solidarität sich dann auswirken kann, musste die deutsche Bundeskanzlerin erfahren. Angesichts von Elendszügen von Familien mit Kindern und alten Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror, die fatal an die das Chaos des zusammenbrechenden Dritten Reiches erinnerten, wagte sie es, von einer Willkommenskultur zu sprechen und danach zu handeln.

Die Antwort, neben verständlicher Kritik an der Krisenbewältigung, war heftige Ablehnung. Konzentriert musste die Bundeskanzlerin diese in den hassverzerrten Fratzen und verbalen Beschimpfungen der Mitglieder der Pegida-Bewegung (Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes) erfahren, die nach eigener Überzeugung sichtbar und hörbar vor aller Welt vorgibt, das bedrohte Abendland zu verteidigen.

Selbstverständnis der katholischen Kirche

In der Arbeitshilfe „Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge“, im Jahr 2016 verabschiedet von der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Stefan Heße, Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz: „Mehr denn je rüttelt das Evangelium der Barmherzigkeit heute die Gewissen der Menschen wach, hat Papst Franziskus uns ins Stammbuch geschrieben“. „Die ‚Globalisierung der Nächstenliebe‘- sie hat ihren Ort heute in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.“

Und weiter schreibt er: “Bei aller Vielfalt der Erfahrungen und Perspektiven eint uns die Überzeugung, dass die Fürsorge für Flüchtlinge und Migranten zum Selbstverständnis der Kirche gehört.“ In Punkt II dieser Arbeitshilfe, Grundlagen des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge heißt es dann: „Gemeinsam mit Papst Franziskus setzt sich die katholische Kirche in Deutschland für eine lebendige „Kultur der Aufnahme und der Solidarität“ ein.“

Erlittene Solidarität

Solidarität, die nur die sachlich unhaltbaren Zustände selbst beklagen, diese aber nicht ändern kann, wird so zur schweren Belastung für Menschen, die persönlich und nicht von Amts wegen mit einer gegebenen Situation konfrontiert sind. Während amtliche Personen – durchaus auch unter Belastung – den einzelnen Menschen meist nur für Minuten begegnen und nach den politisch-bürokratischen Vorgaben handeln, kommt es bei ehrenamtlich Tätigen meist zu tieferen Bindungen, besonders häufig über Kinder.

Eine Ablehnung gerechtfertigt erscheinender Wünsche durch Behörden und Gesellschaft wird dann als persönliches Versagen empfunden und unter Umständen von den Betreuten auch als solches bewertet.

Bereicherung und Entlastung

Solidarität und die vorausgehende Empathie sind auf die Bereitschaft derer angewiesen, die von den Folgen solchen Verhaltens direkt betroffen sind. Das sind einmal Mitglieder einer natürlichen Familie, die mit ihrem Tun die eigene Familie möglicherweise bereichern, sicher aber zugleich belasten.

Das gilt auch etwa für eine Ordensfamilie. Aus diesem Grund wurde es klugerweise den einzelnen Konventen der deutschen Kapuzinerprovinz freigestellt, Flüchtlinge, Asylbewerber und Menschen, die Kirchenasyl suchen, aufzunehmen. –

Die schlichten Hinweise dürften mit etwas Phantasie und Empathie den Titel: “Gewagte Solidarität“ als gerechtfertigt erscheinen lassen. Sie haben letztlich für Gesellschaft, Kirche und Orden Gültigkeit.

Übrigens: Die Deutsche Kapuzinerprovinz hat Flüchtlingsfamilien, unbegleitete Minderjährige, sowie Personen in Kirchenasyl aufgenommen. Zurzeit sind noch zwei Personen in dem kritischen Zustand von Kirchenasylbewerbern.

Othmar Noggler, Kapuziner, München

Referat als PDF

Es handelt sich bei diesem Artikel um einen Beitrag der neu geschaffenen „Artikelbörse“, in welcher die Kapuziner aus Nord-West-Europa spirituelle Impulse und Erfahrungen aus dem Bereich „Integration von Flüchtlingen“ austauschen.

Mehr zur „Artikelbörse“ unter ite@kapuziner.org