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Menschen sind keine Computer. Wir nehmen Impulse nicht nur mit den Fähigkeiten unserer Vernunft wahr, sondern auch mit allen unseren Sinnen und Emotionen. Wenn wir nach Kraftquellen fragen, müssen wir in vielfacher Hinsicht diese Feinfühligkeit des Menschen im Blick haben.

Menschen sind nicht geklont. Sie sind keine deckungsgleichen Kopien. Was die eine Person anspricht und motiviert, wird bei einer anderen nichts oder wenig auslösen. Vielfalt ist also ein unverzichtbares Stichwort. – Die Heilige Schrift bietet uns eine solche Vielfalt an. Wenn wir nach Quellen fragen, die uns innere Kraft geben können, liegt es nahe, auf die Bibel zurückzugreifen, auch wenn die folgenden Hinweise keineswegs erschöpfend sein wollen.

Kraftquelle Bibel
Für jüdische und für christliche Menschen bildet die Heilige Schrift eine umfassende Grundlage ihres Glaubens. Dafür könnte ich auf die Überzeugung der entsprechenden Glaubensgemeinschaften hinweisen, dass in die zahlreichen Texte der Heiligen Schrift das Wirken von Gottes Geistkraft massgeblich eingewoben ist. Gott habe «in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen», sagt daher das letzte Grosse Konzil (Offenbarungsdokument N. 12).

Theologisch gesehen ist die Heilige Schrift also ein Gemeinschaftsprojekt von Gott und Mensch. Das lässt ermutigende Rückschlüsse auf die Eigenart unseres Gottes zu. Dieser Gott kennt keine Berührungsängste gegenüber den Menschen. Er kommt ihnen auf ganz verschiedene Weise nahe.

In vielen Erzählungen, Bildern und anderen literarischen Formen erzählen die biblischen Schriften von entsprechenden Gotteserfahrungen. Oder sie bezeugen darin dieses Hineinleben Gottes in den Alltag der Menschen. Sie sprechen von Gottes Engagement für Menschen, vor allem in besonderen oder gefahrvollen Situationen.

Kraft aus Gottes Wort
Die biblischen Verfasserinnen und Verfasser stehen dafür ein, dass dieser Gott selbst die entscheidende Kraftquelle ist, wirkmächtig und ausgestattet mit einem Wort. Dieses Wort ist nicht leeres Geschwätz, sondern stellt ein «Wort in Vollmacht» dar (Lk 4, 36). Es zieht entsprechendes Handeln nach sich. So «kehrt es nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe», wie es in einer Gottesrede heisst (Jes 55, 11).

Wenn wir uns mit ganzem Herzen, mit ganzem Fühlen und mit ganzem Verstand auf diese Texte und auf die darin bezeugten Gotteserfahrungen einlassen, können wir daraus immer wieder neue Kraft schöpfen.

Licht
«Dein Wort ist meinem Fuss eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade» (Ps 119,115). In diesem Psalmvers greift die schreibende Person auf verschiedene Begriffe zurück, die Licht und Helligkeit ausdrücken. Für viele Menschen ist dieses Begriffsfeld auch emotional positiv besetzt. Licht vermittelt nicht nur gute Sicht und ermöglicht dadurch Orientierung. Es vermittelt auch Vertrauen, Zuversicht und lässt eine ermutigende Stimmung aufkommen.

In der Geburtserzählung Jesu wird die «grosse Freude», die ein Engel des Herrn den Hirten und allen Menschen verkündet, durch die strahlende «Herrlichkeit des Herrn» untermalt (vgl. Lk 2,9-11). Lukas bezeichnet rückblickend im Munde des geistbegabten Simeon den neu geborenen Jesusknaben als «Licht zur Erleuchtung der Völker» (Lk 2,32) und verstärkt damit die Lichtsymbolik, die durch die Jahrhunderte mit der Person Jesus Christus verbunden bleibt.

In der späten Nacht

In den biblischen Schriften werden verschiedene Zeiten und Orte genannt, die – so geht aus den Texten hervor – den betroffenen Menschen Kraft vermitteln. Markus spricht vom Gebet Jesu «frühmorgens, als es noch dunkel war» (Mk 1, 35). Bei Lukas heisst es vor der Auswahl der Zwölf: «Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott» (Lk 6,12). Der Verfasser des Matthäusevangeliums weiss vom Gebet Jesu am Abend und bis spät in die Nacht hinein, bevor er zum Boot seiner Gemeinschaft über den See kommt (Mt 14, 23-24).

Die späte Nacht ist eben auch jener Zeitpunkt, an dem Jesus zu den Jüngerinnen und Jüngern über den See geht, um ihnen Mut zu machen (Joh 6,16-21, vgl. ähnlich Mk 6, 45-52; Mt 14, 22-33). Ein Zusammenhang zwischen dem nächtlichen Gebet und den darauffolgenden Handlungen Jesu lässt sich gut erahnen.

In der Einsamkeit
Im gleichen Zusammenhang ist die Einsamkeit zu nennen, die beim Beten Jesu an den genannten Stellen und sodann bis hin zum Ölberggebet eine Rolle spielt (siehe Mk 14, 35). Der in diesem Zusammenhang erwähnte nächtliche Schlaf der Jüngerinnen und Jünger verweist auf die Ambivalenz dieser äusseren Bedingungen und zeigt, dass sie keine Kraftquellen an sich sind, sondern diese allenfalls begünstigen können.

Das gilt auch für besondere Orte, die uns einerseits die Ausgesetztheit des Menschen spüren lassen können, andererseits Gottesbegegnung erfahrbar machen. Der Berg und die Wüste werden in diesem Zusammenhang in der Jüdischen Bibel wie im Neuen Testament ausführlich zur Sprache gebracht. Israels Wanderung durch vierzig Jahre vermittelt dazu eine ausführliche Darstellung mit wechselnden Akzenten (siehe bes. Ex 14-34, ähnlich auch Mk 1, 35; 6, 31; Lk 6, 12 und öfters).

Orte als Symbole – zum Beispiel Jerusalem
Über ihre ursprüngliche Bedeutung hinaus können Orte über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende Symbolcharakter erhalten. Dies gilt in erster Linie für Jerusalem: Einst unbedeutende Stadt in Kanaan (vgl. Ez 16, 1-4), ab dem 10. Jh. v. Chr. und fortan «Stadt Davids»; als Königsstadt von den Babyloniern (587 v. Chr.) und von den Römern (70 n. Chr.) zerstört und jeweils wieder aufgebaut; für die Evangelisten, vor allem für Lukas, der Angelpunkt des Christusgeschehens und der Entstehung von Kirche (bes. Lk 24, 47b-49 | Apg 1, 8); über die Zeiten hinaus «Ort» der Vollendung und der «Wohnung Gottes unter den Menschen» (Offb 21, 3), in der Zwischenzeit Ort der Friedenshoffnung und -zuversicht für unzählige Menschen verschiedener Religionen.

Feuer und Wasser
Es sind nicht nur Zeiten und Orte zu erwähnen, die Gottesbegegnung begünstigen, sondern auch zwei Elemente: Seit der Erzählung vom brennenden Dornbusch (Ex 3, 1-6) steht Feuer als Zeichen für die Gegenwart des wirkmächtigen, lebendigen Gottes. Diese Überzeugung wirkt in der Pfingsterzählung weiter. Die «Zungen wie von Feuer» über der Jerusalemer Kirche drücken sinnfällig dieses machtvolle Handeln Gottes als Kraftquelle für die frühe Kirche aus (vgl. Apg 2, 1-13).

Wasser ist unverzichtbare Lebensgrundlage (vgl. Ex 17, 1-7). Der gestillte Durst gilt überdies als Ausdruck erwachenden und gestärkten Glaubens (siehe Joh 4, 7-42). – Deshalb ist eine «Geburt aus Wasser und Geistkraft» (Joh 3, 5), also die Taufe, unerlässlich für das Leben der Christin oder des Christen.

Speise und Trank
Auch Speise und Trank sind hier aufgrund ihres kräftigenden Charakters zu erwähnen. So stärkt ein Engel den Propheten Elija für einen Vierzigtagemarsch zum Berg Horeb (1 Kön 19, 5-8, siehe auch Ijob 30, 4).

In den Speisungsgeschichten der Evangelien wird diese Wirkung noch auf eine tiefere, spirituelle Dimension weitergeführt. In besonderer Weise gilt dies für die Darstellung des letzten Mahles Jesu, das aus der Sicht der Evangelien in der jüdischen Tradition des Paschamahles, also einer Aufbruchs- und Befreiungsspeise, steht (so Ex 12, 1-28, sodann Mk 14, 17-25 und Paralleltexte). Der vierte Evangelist reflektiert die Bedeutung dieser Speise ausführlich in der Brotrede Jesu (Joh 6, 26-59), in der die personale Dimension des dabei gereichten Brotes deutlich wird (siehe Joh 6, 57: «… wer mich isst, wird leben durch mich.»).

Gott als entscheidende Mitte
Die aus dem Zeugnis der Heiligen Schrift zusammengetragenen Hinweise zeigen alle in eine Richtung: Die entscheidende Mitte, aus welcher den Menschen Kraft gegeben, Zuversicht gestärkt, Glauben und Hoffnung gefördert wird, ist der vielfältige Gott selbst. Diese Lebensermächtigung Gottes mögen die einen unmittelbar aus der Heiligen Schrift erleben. Die anderen können ihr mittelbar in der Begegnung mit anderen Menschen, an heiligen Orten und Zeiten nachspüren.

In den Zeichen des Heils dürfen wir diese Ermächtigung feiern. Christinnen und Christen wissen um das lebensentscheidende Geschenk ihrer Begegnung mit und ihrer Orientierung an Jesus Christus.

Heilend und ermutigend
Denn das Zeugnis der Bibel, insbesondere des Neuen Testaments, erschliesst in zahlreichen Texten eben diesen Befund: Gott lebt im Christusgeschehen. Sie ist Zuwendung zu uns Menschen, in «Tat und Wort» heilend, ermutigend, ermächtigend, «um uns in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen» (Offenbarungsdokument des Konzils, N. 2). Schon in Neh 8, 10 (ca. 3 Jh. v. Chr.) wird der entsprechende Befund zutreffend zusammengefasst: «Die Freude am HERRN ist eure Stärke.»

Walter Kirchschläger