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Spätestens im Tod muss jeder Mensch alles loslassen, was ihn auf dieser Erde gefreut hat. Manche müssen schon vorher, beim Eintritt in ein Alters- oder Pflegeheim, auf sehr vieles verzichten, was ihnen wichtig ist. Wenn sie sich auf die neue Situation einlassen können, entdecken sie trotz allem Erfreuliches.

Hans und Erna sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Vor Kurzem hat Hans einen Schlaganfall erlitten. Er ist halbseitig gelähmt. Im Moment liegt er noch im Spital. Er wird nicht mehr nach Hause zurückkehren können. Erna wird seine Pflege, selbst mit der Hilfe von Spitex, nicht übernehmen können. Bei Erna haben sich schon seit Längerem erste Anzeichen von Demenz bemerkbar gemacht.

Bis zu seinem Schlaganfall konnte Hans die Versorgung seiner Frau übernehmen. Die Tochter der beiden kann die Mutter im Moment betreuen. Mit der Pflege des Vaters wäre sie allerdings überfordert. Das Spital drängt auf eine Entscheidung. Ein Heimeintritt wäre für den Vater die einzige Lösung.

Ein Familiengespräch findet statt. Hans weigert sich kategorisch: «Ich gehe nicht in ein Heim. Eher bringe ich mich um.» Es fallen böse Worte, man entschuldigt sich, Tränen fliessen, Erna ist verwirrt, hat Angst. Sie versteht das Ganze nicht. «Warum und wieso, bis jetzt ist es doch auch gegangen, und wir könnten doch …» Hans ist wütend, er hat Angst, schläft schlecht. Seine Frau weint, er kann das nicht mitansehen. Wieso bestimmt jetzt seine Tochter über ihn? Der Schwiegersohn sagt gar nichts, aber der war ja eh schon immer so …!

Die Tochter findet einen Heimplatz, ganz in der Nähe der ehemaligen Wohnung. Sie schwärmt dem Vater vor, wie schön das Zimmer sei, die Aussicht. Die Schwestern seien nett, das Heim habe einen guten Ruf. Und eben, das Heim liege ja ganz in der Nähe. Sie könne oft mit der Mutter zu Besuch kommen. Und überhaupt, sie habe sich so viel Mühe gegeben, und es sei ja nicht ihre Schuld und sie könne es nicht ändern.

Hans ist müde, er will nicht mehr, sollen sie doch machen, was sie wollen! Bevor Hans das Spital verlässt, kommt eine Schwester vom Heim vorbei und setzt sich zu ihm. Fragt, wie es ihm geht. Die Tochter und seine Frau sitzen dabei. Hans ist einsilbig, dafür redet die Tochter. Erna zupft an ihrer Bluse herum, sieht zur Tochter, sagt etwas. Die Tochter: «Das ist doch jetzt nicht so wichtig.» Die Schwester geht. Sie nimmt den Pflegebericht von der Station mit. Wechselt mit der diensthabenden Schwester noch ein paar Worte. Die Schwester erzählt, wie sie Hans erlebt hat. Macht auch eine Bemerkung darüber, dass er nicht ins Heim will.

Hans kommt ins Heim. Er teilt das Zimmer mit Norbert. Die Schwestern haben Hans willkommen geheissen. Blumen standen auf dem Nachttisch. Eine Karte war dabei. Das Zimmer ist hell, freundlich. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Nachttisch. Neben dem Bett das Brünneli. Das Zimmer hat ein WC, eine Dusche. Norbert liegt die meiste Zeit angezogen auf dem Bett. Er redet manchmal vor sich hin. Man versteht nicht, was er sagt. Er sagt überhaupt nicht viel. Und wenn er etwas sagt, dann sind es nur einzelne Worte. «Licht», damit meint er, man solle das Licht löschen. Oder: «Vorhang», er möchte damit sagen, dass die Vorhänge nicht ganz geschlossen sind. Am Abend geht er nach dem Essen ins Bett.

Hans kann sich dann nicht im Zimmer aufhalten, das stört Norbert. Er schimpft dann. Hans sitzt im Rollstuhl, kann aber, wenn auch unsicher, ein paar Schritte laufen. Er ist schon ein paar Mal gestürzt. Trägt jetzt Hosen, die seitlich verstärkt sind. Sie sollen verhindern, dass er sich den Oberschenkelhals bricht. Die Schwestern rufen jedes Mal wenn er aufsteht: «Herr H., setzen Sie sich bitte hin.» Aber Hans will laufen, das Sitzen im Rollstuhl gefällt ihm nicht. Wenn man länger darin sitzt, tut einem alles weh. Und ausserdem – früher ist er so viel gelaufen. Bergtouren hat er gemacht. Erna war selten dabei. Sie hatte schon früh Mühe mit den Beinen. Aber sie hörte gerne zu, wenn er von seinen Erlebnissen berichtete und hatte nichts dagegen, wenn er ging. Manches hat er ihr nicht erzählt, zum Beispiel damals, als er fast abgestürzt wäre.

Die Tage vergehen. Hans, der so gerne erzählt hat, ist schweigsam geworden. Sein Bettnachbar ist schwerhörig. Am Tisch, mit so vielen Leuten, will er nicht reden. Die Pflegerinnen sind nett, freundlich meist, aber er weiss, sie haben viel zu tun, er will sie nicht aufhalten. Hans liegt öfter im Bett, eine seltsame Müdigkeit hat von ihm Besitz ergriffen. Was soll er auch tun? Drei Mal Essen am Tag, morgens die Pflege. Seit dem Schlaganfall kann er das Wasser nicht mehr so recht bei sich behalten. Das andere geht noch, aber er hat zu wenig Bewegung, alles ist irgendwie träge geworden, auch das. Der Arzt verschreibt ein Medikament, Hans bekommt davon Durchfall, die Schwester muss ihn reinigen, Hans schämt sich. Die Schwester versucht ihn zu beruhigen. Aber Hans fühlt sich wie der letzte Dreck. Was bin ich noch, denkt er.

Am Nachmittag kommt seine Tochter, Erna ist dabei. Erna ist hilflos, sie weiss nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen soll. Dass Hans im Rollstuhl ist, verwirrt sie. Und überhaupt, Hans soll doch endlich mit nach Hause kommen. Sie will etwas für ihn kochen. Sie will jetzt einkaufen gehen. Die Tochter sagt: «Hans kommt bald nach Hause, jetzt ist er noch krank. Du siehst ja, dass er im Rollstuhl sitzt.» Hans will auch nach Hause, er möchte mit seiner Frau allein sein; nie ist er mit ihr allein. Immer ist jemand dabei. So lange ist er schon mit ihr verheiratet, noch nie waren sie bis zu seiner Krankheit voneinander getrennt. Die Tochter geht, Erna will nicht mitgehen. Sie weint. Später wird die Tochter zur Stationsschwester sagen: «Ich weiss nicht, ob ich meine Mutter das nächste Mal mitnehmen soll. Jedes Mal gibt es so ein Theater. Und wenn wir dann zu Hause sind, fragt sie dauernd nach dem Vater. Ich habe einfach nicht immer Zeit für sie. Sie braucht jetzt mehr Betreuung. Wir sind am Überlegen, ob wir sie nicht auch in ein Heim geben. Hier habe ich mich schon erkundigt. Im Moment ist kein Platz frei. Aber lange halte ich das nicht aus. Mein Vater macht mir Vorwürfe, dass ich ihn ins Heim gegeben habe. Ich hätte ihn ja gerne zu mir nach Hause geholt. Aber das geht einfach nicht. Und mit der Mutter, das ist so mühsam! Ich kann doch nicht jeden Tag mit ihr zum Vater gehen.»

Eine Woche später sagt sie dem Vater, dass sie jetzt die Wohnung auflösen müsse. «Möchtest du irgendetwas aus der Wohnung? Du hast ja hier nicht viel Platz und du brauchst ja eigentlich auch nichts. Oder hast du bist jetzt etwas vermisst? Weisst du, dann lasse ich alles von der Brockenstube abholen. Das ist am einfachsten.»

Hans schweigt, er kann nichts sagen. Die Nachtschwester wird am nächsten Morgen sagen, dass Hans eine unruhige Nacht verbracht hat. Er habe mehrmals geläutet. Es seien keine Reservemedikamente bei ihm eingetragen. Der Arzt solle doch bitte etwas verschreiben, so gehe das also nicht.

Die Wohnung wird aufgelöst. Die Tochter bringt ein Bild mit für an die Wand. «Das sieht doch gleich besser aus!»

Erna kommt in ein Heim. Hans sieht sie nur noch selten. Er weiss nicht, ob er sich freuen soll, wenn sie kommt. Er weiss nicht, was sagen. Nie sind sie allein. Er traut sich noch nicht einmal mehr, ihre Hand zu halten. Und Erna wird immer fremder. Manchmal fragt sie immer wieder das Gleiche. Hans versucht sich zu erinnern, wie sie früher gewesen ist. Sieht sie als junge Frau, lachend, die Tochter auf dem Arm. Er kann sich gut an früher erinnern. Oft sitzt er jetzt vor dem Fenster, der Anblick der Berge ist tröstlich. Er spürt wieder den Weg unter seinen Füssen, bleibt stehen, atmet tief ein. Fühlt sich glücklich. Die Schwester kommt. Es ist Abendbrotzeit. Sie bleibt einen Moment bei ihm am Fenster stehen. Sie weiss, dass er früher ein begeisterter Bergsteiger war. Sie sagt: «Schön, nicht?!» Hans nickt.

Anke Maggauer-Kirsche