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Schweizer Kapuziner-Provinz

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Frauen, ihre Rechte und Zulassung zum Priesteramt – immer ein Thema:
«Lass uns die Zeichen der Zeit verstehen und uns mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen…» (George Francis Xavier, 13. Juni 2019)
Nur mit Waffen Frieden schaffen?
Gewaltfreiheit als eine jesuanische und franziskanische Alternative zur Gewaltanwendung. (Walter Ludin, 6. Juni 2019)
Chur unter der Käseglocke
Es ist beschämend wie verantwortliche Männer in der Kirche mit Menschen umspringen, als könnten sie darüber nach belieben verfügen. (Willi Anderau, 30. April 2019)
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Willi Anderau, 26.03.2019
Rote und Violette Scheitelkäppchen für Kardinäle und Bischöfe | © Bruno Fäh 2019
Rote und Violette Scheitelkäppchen für Kardinäle und Bischöfe | © Bruno Fäh 2019

Mir ist übel geworden nach der Visionierung des Films „Gottes missbrauchte Dienerinnen“. Von SRF am 17. März ausgestrahlt. Darin werden die sexuellen Übergriffe des ehemaligen Fribourger Philosophieprofessors P. Marie-Dominique Philippe und seines Bruders auf Ordensfrauen offengelegt. Es wird die grossartige Beerdigung des 2006 verstorbenen Paters gezeigt, der als Gründer der „Congrégation de Saint Jean“ himmelhoch gelobt wurde, obwohl P. Philippe diese Kongregation zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen mehr oder weniger als Selbstbedienungsladen zur eigenen Triebbefriedigung missbrauchte.

Der zweite Teil des Films schildert Zustände in afrikanischen Schwesterngemeinschaften, bei denen einzelne Schwestern ihren „Seelsorgern“ in Afrika und bei Studienaufenthalten in Rom zu sexuellen Diensten zur Verfügung stehen mussten und bei unerwünschten Schwangerschaften zur Adoptionsfreigabe des Kindes oder gar zur Abtreibung genötigt wurden. Nach der Offenlegung der zahllosen Missbrauchsfälle an minderjährigen Jugendlichen meinte man der Skandal hätte seinen Höhepunkt erreicht. Aber nein, genug ist nicht genug. Jetzt kommen noch die Übergriffe auf Klosterfrauen dazu. Und dazu kommt das jahrelange Verschweigen und Vertuschen von entsprechenden Informationen und Klagen im Vatikan und anderswo. Man wusste es und hat nichts getan!

Das Entsetzen ist gross: Bei den einen über das, was passiert ist und bei den andern, dass es an den Tag gekommen ist. Mindestens so schlimm wie die Übergriffe sind die raffinierten Vorkehrungen, die getroffen wurden, um die spirituellen und sexuellen Übergriffe zu vertuschen, die Täter zu schonen und die Frauen alleine zu lassen oder gar als unglaubwürdig hinzustellen.

Bedauern und Schuldeingeständnisse reichen da nicht mehr aus. Ich verstehe die Forderung nach konsequenten Berufsverboten, die Forderung nach Transparenz und Anklage bei der staatlichen Justiz. Spätestens jetzt müsste die rote und die violette Fraktion im Vatikan realisieren, dass das System geändert werden muss.

Es braucht auch in der Kirche eine unabhängige Gerichtsbarkeit, weil es nicht angeht, dass die Täter über sich selber zu Gericht sitzen. Die Zweiteilung der Kirche in gehorsam hörende Laien und anordnende Kleriker muss abgeschafft werden, weil unevangelisch. Die konsequente Gleichberechtigung von Frauen und Männern muss endlich auch in der römisch-katholischen Kirche realisiert werden. Es ist inzwischen genug passiert – könnte man meinen. Aber offenbar ist genug immer noch nicht genug.

Willi Anderau

Willi Anderau

Willi Anderau, geb. 1943. Mitglied des Kapuzinerordens seit 1965. Ausbildung in Theologie und Journalistik an der Universität Fribourg. Wohnt in einer kleinen Kapuzinerniederlassung in Zürich-Seebach. Während 17 Jahren bischöflich Beauftragter für Radio und Fernsehen in der Deutschschweiz. Engagiert sich in der Seelsorge und in kirchenpolitischen Themen.