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Früher mussten die meisten Kapuziner alle drei Jahre in ein anderes Kloster ziehen. Heute sind diese Wechsel – «Mutationen» genannt – viel seltener. Crispin Rohrer, Mitglied unserer Redaktions-Kommission, erinnert sich.

«Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern…». Ein Lied, das ich in meiner Studentenzeit so oft gesungen habe. Dieser Song liess in mir Sehnsüchte aufsteigen, von denen ich glaubte, sie nie stillen zu können. Wandern, reisen, fliegen, ausreissen, weg vom Statischen, das waren Wünsche, die in der Tiefe meines Wesens schlummerten und nach Verwirklichung riefen.

Doch mein Lebensbezirk steckte in einem engen Pferch, der ein Hinausklettern beinahe unmöglich machte. Meine Jugendjahre verbrachte ich in Niederrickenbach im Kanton Nidwalden. Dieses kleine, abgelegene Bergdörflein war nur mit der Luftseilbahn zugänglich. Unsere grosse Familie brauchte mich zum Mitarbeiten auf dem steilen Bauernbetrieb. So bestand fürs Wandern, fürs Reisen und dergleichen absolut keine Chance.

Pilger und Touristen, die immer wieder das Bergdorf aufsuchten, weckten den Reisedrang in mir beständig von neuem. Da kamen Leute aus dem Tal, die bei den Benediktinerinnen handgewobene Paramente kauften oder heilsamen Kräutertee und Gesundheit versprechende Mixturen posteten. Das schmucke Dörfchen am Fusse der Musenalp lockte auch viele Berggänger und Feriengäste an. Das Hotel «Engel», die Gaststätten «Pilgerhaus» und «Rickenbachli» verwöhnten zahlreiche Erholung suchende Männer und Frauen. Aber auch Wanderer, die von der Klewenalp über die Bärenfalle anmarschierten oder vom Brisen und vom Buochserhorn herabstiegen, lenkten ihre Schritte Niederrickenbach zu und erlabten sich im Restaurant mit einem kühlen Trunk.

Bärtige Kuttenmänner

Jeden Sommer tauchte auch eine ganz besondere Art von Spaziergängern auf: Kapuziner. Bei ihrem Anblick rief jemand von meiner Familie: «Luägid, sie chemmid wider!» Tatsächlich ein Rudel Kuttenmänner mit Strick und Rosenkranz, mit zurückgekrempelten Ärmeln, alles junge, schlanke Leute, einige mit Vollbart, andere mit sehr zögerndem Kinnbehang, die meisten mit einem Rucksack am Buckel, marschierte strammen Schrittes die Naturstrasse herunter, hinterliess eine graue Staubwolke, grüsste freundlich, trabte diskutierend weiter und verschwand hinter Bäumen und Hügeln und steuerte wohl aufs Restaurant los. In mir erwachte eine Stimme: «Schön, die Kapuziner dürfen wandern!» Und am liebsten wäre ich der Kapuzinerkompanie nachgelaufen.

Das habe ich dann auch getan, viele, viele Jahre später. Nach der Matura entschloss ich mich, bei den Kapuzinern anzuklopfen und um Aufnahme in ihren Orden zu bitten. Sie haben mich genommen. Nun gehöre ich einer Gemeinschaft an, die ihre Brüder auf Wanderschaft sendet zu den Menschen, in die Pfarreien, Spitäler, Gefängnisse, Schulen, Heime und dorthin, wo man sie ruft. Wir sperren uns also nicht ins Kloster ein. Wir versuchen, unsere Sendung zu leben nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi, der wandernd predigte, unterwegs die Liebe Gottes den Menschen veranschaulichte, kein Zuhause kannte, von Ort zu Ort zog im Bewusstsein, dass der Mensch auf dieser Erde keine bleibende Stätte besitzt, als Pilger und Fremdling durch die Welt ziehen soll.

Aus dieser Spiritualität heraus sind die so genannten Mutationen zu verstehen, welche die Kapuzinerbrüder immer wieder auf Wanderschaft schicken, von einem Kloster in ein anderes. Die Kapuziner wechseln in ihrem Leben mehrmals ihren Wohnsitz. Diese Verschiebungen gehen meistens im Herbst über die Bühne. «An Maria Geburt fliegen die Schwalben und die Kapuziner furt», so sagts der Volksmund.

Der Kapuzinerorden kennt also die stabilitas loci nicht, das Verweilen während eines ganzen Lebens im gleichen Kloster. Er versteht sich als Brüderschar, die in mehreren Niederlassungen miteinander lebt. Darum liegt es auf der Hand, dass die Kapuzinergemeinschaften aus verschiedenen Gründen Brüder austauschen. Das kann geschehen, indem ein Mitbruder selber in eine andere Gemeinschaft wechseln möchte oder dass der Obere eine Mutation organisiert.

Zu früheren Zeiten war es Brauch, dass ein Kapuziner drei Jahre im gleichen Kloster wirkte und nachher seine hausinternen oder seelsorgerlichen Aufgaben in einer anderen Kommunität wahrnahm. Lehrer an Kollegien und andere Mitbrüder mit Spezialaufgaben wechselten seltener. Auch die Klostervorsteher, die Guardiane, wurden in der Regel nach dreijähriger Amtszeit ausgetauscht. Sie übten dann ihr Amt drei weitere Jahre in einer anderen Niederlassung aus. Eine Mutation wurde auch notwendig, wenn es galt, einen verstorbenen Mitbruder zu ersetzen. Ein Ortswechsel schien angezeigt, um zwei Streithälsen den nötigen Abstand zu verschaffen. Aus vielen andern Gründen packten die Kapuziner des öfters ihre sieben Sachen und schlugen ihr Zelt anderswo wieder auf.

Gehorsam und freier Wille

Heute sind Mutationen seltener geworden. Die Zahl der Mitbrüder sinkt von Jahr zu Jahr. Vermehrt müssen Klöster wegen Nachwuchsschwierigkeiten ihre Tore schliessen. Alten Mitbrüdern wird eine Versetzung nicht mehr zugemutet. Sie werden «in Ruhe gelassen» oder in ein Kloster transferiert, wo Kräfte für Altersbegleitung vorhanden sind. Pflegebedürftige Kapuziner finden liebevollen Unterschlupf im eigenen Pflegeheim des Kapuzinerklosters Schwyz. Dort wird dann ihre Kapuzinerwanderschaft zu Ende gehen.

Auch der Mutationsstil besitzt heute ein ganz anderes Gesicht. Vor dreissig-vierzig Jahren verlief die Prozedur der Versetzung ziemlich autoritär. Es konnte vorkommen, dass ein Mitbruder ohne vorangehende Besprechung auf die Mutationsliste gesetzt wurde. Da stand ganz einfach: Der Provinzial und sein Rat haben folgende Mutationen vorgenommen: P. XY geht nach Stans; Br. XY geht nach Wil. Damit basta! Solche Blitze aus heiterem Himmel lösten begreiflicher Weise wenig Begeisterung aus. Einige Mitbrüder sträubten sich gegen die Vorhaben der Obern und schrieben Briefe oder gaben ihr Entsetzen telefonisch durch. In den allerwenigsten Fällen brachte der Rekurs Erfolg. So zog dann halt der Mitbruder knirschend im heiligen Gehorsam und vielleicht mit weniger heiligen Gedanken ins zugewiesene Kloster.

Maria erscheint

Dazu existiert eine wunderschöne, wahre Anekdote: Da lebte ein sehr frommer Mitbruder ruhig und bescheiden mehrere Jahre in «seiner» Niederlassung. Der Schock war gross, als dann sein Name auf der Mutationsliste stand. Tag und Nacht fand der Betroffene das Gleichgewicht nicht mehr und wurde von verwirrenden Träumen geplagt. Da schrieb der zur Mutation Verurteilte ein Brieflein an den Provinzial mit diesem Inhalt: «Hochwürdiger Pater Provinzial! Ihr Entschluss, mich in ein anderes Kloster zu versetzen, macht mir sehr zu schaffen. Ich bin nun aber durch einen Traum beruhigt und aufgemuntert worden, meine Klause nicht zu verlassen. Diese Eingebung im Traum erachte ich als den Willen Gottes. Und Gott muss man ja bekanntlich mehr gehorchen als den Menschen, dem Provinzial. Die liebe Gottesmutter Maria ist mir im Schlaf erschienen und teilte mir mit freundlichen Worten mit, dass mein Platz hier sei und nicht anderswo. Pater Provinzial, beherzigen Sie bitte diesen Wink von oben!» Der Provinzobere schrieb dem träumenden Bruder postwendend auf einer offenen Karte: «Mir hat die Mutter Gottes nichts gesagt! Sie sind und bleiben mutiert!»

Wenn heute ein Kapuziner mutiert wird, so besucht ihn der Obere vorher und begegnet ihm etwa mit diesem Vokabular: «Ich suche jemanden für eine Aufgabe. Ich habe an dich gedacht. Du wärst der gegebene Mann für den Posten. Hättest du vielleicht Interesse, könntest du, würdest du dich eventuell bereit erklären, dort die neue Herausforderung zu übernehmen. Überlegs dir mal. Ich rufe dich in ein paar Tagen an…» Mit diesem neuen, heutigen Charme der Obern kann es dann leider passieren, dass Kapuziner, auch andere Ordensleute, ihre eigenen Pläne durchsetzen, die nicht zum Wohle der Gemeinschaft beitragen und mit Gehorsam nichts mehr zu tun haben.

Auf mit Sack und Pack!

Meine Kapuzinerwanderjahre begannen, als ich 1956 von meiner Familie, vom geliebten Maria-Rickenbach Abschied nahm und im Kapuzinerkloster Wesemlin, Luzern, ins Noviziat eintrat. Die Novizenschar bestand aus 18 jungen Männern. Nach einem Jahr reisten wir nach Stans. Im Herbst darauf führte der Weg ins Städtchen Solothurn. Im dortigen Kapuzinerkloster befand sich unsere theologische Ausbildungsstätte. An dieser Hochschule lernten damals 42 Studenten und bereiteten sich aufs Priesteramt vor.

Nach vierjährigem Studium zog ich weiter ins Kapuzinerkloster Sursee. Von 1962-1982 wurde das Luzernerland meine zweite liebe Heimat. Von Sursee aus durfte ich eine sehr interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit ausüben. Als Bauern- und Jugendseelsorger, als Volksmissionar, Journalist, Aushilfepriester, Katechet und Guardian lernte ich sehr viele Menschen, vor allem Jugendliche kennen. In Sursee befand ich mich auf der Höhe meiner Kräfte und bewältigte dementsprechend ein uferloses Arbeitsprogramm.

Abschiede

Nach 20 Jahren Wirksamkeit hiess es, mehr oder weniger freiwillig, Abschied nehmen und in Richtung Brig ziehen. Der Wegzug verlangte von mir die Aufgabe mancher freundschaftlicher, bereichernder Kontakte und Beziehungen. Im Kapuzinerkloster Brig-Glis erlebte ich als Oberer sieben schöne Jahre mit viel seelsorgerlicher Tätigkeit. Besonders freute ich mich, dass in den Sommermonaten zahlreiche Mitbrüder im heimeligen Briger Kloster Erholung suchten. Im Herbst 1989 lief meine Zeit als Guardian aus. Ich zügelte nach Altdorf. Im ideal gelegenen Kapuzinerkloster im Tellendorf fühlte ich mich sehr bald heimisch. Die Innerschweizer Landschaft mit ihren Bergen, Seen und saftigen Matten liessen mein Herz höher schlagen. 1995 zog ich «auf Befehl» des damaligen Regionalobern wieder nach Brig, um dort der Kapuzinergemeinschaft erneut als Guardian vorzustehen. Dieser zweite Aufenthalt im Stockalper-Städtchen brachte viel Wallisersonne, aber auch einige schmerzliche Erfahrungen, die das Heitere verdunkelten. Erwähnt seien zwei Todesfälle von jüngeren Mitbrüdern.

Der Millenniumsrutsch 2001 brachte auch einen Obernwechsel in Brig. Ich packte wiederum und zog über den Furkapass nach Altdorf zurück, wo ich von den dortigen Mitbrüdern sehr liebevoll aufgenommen wurde und mich in ihrer Gemeinschaft wohl fühle. Da bleibe ich nun vorläufig! Wie lange? Steht wohl bald wieder eine Mutation vor der Tür? Wann wird es die letzte sein? Und die «Züglete» ins Jenseits?

Bis heute habe ich als Kapuziner sieben mal das Kloster gewechselt. Das liegt unter dem Durchschnitt eines Kapuzinerpilgers. Vielleicht aber kommen noch einige Abstecher hinzu!

Frust und Erfüllung

Die allermeisten Mitbrüder betrachten die Mutationen als eine gute Sache. Ich kenne niemanden, der darüber nur negativ spricht. Natürlich durchkreuzen Versetzungen dem einen und andern eigene Pläne und lenken auf ungewollte Bahnen. Es gibt bei uns aber auch Kostgänger, denen es kein Oberer und kein Guardian recht machen kann. Einer klagte sein Elend so: «Auf meiner Kapuzinerlaufbahn komme ich mir vor wie ein Baum, der nie blühen darf!»

In den Memoiren eines Mitbruders, den ich beerdigt habe, stand die Passage: «In meinem Kapuzinersein musste ich immer das lehren und tun, worauf ich nicht vorbereitet war. Ich konnte von meiner Ausbildung, die ich mit dem Doktorat abschloss, nie profitieren. Ich wurde auf Nebengeleise manövriert!» Ja, es passierten schon etwa falsche Weichenstellungen. Mitbrüder haben Mutationen aber auch sehr bereichernd und heilsam erlebt. Ein alter, sehr alter Senior, der mehr als 25 mal in seinem Kapuzinerleben die Koffern packen musste, bekannte mir: «Drei mal verlangte ich selber mutiert zu werden und sagte auch wohin. 23 mal gehorchte ich dem Willen meiner Obern und marschierte bereitwillig in die zugewiesenen Klöster. Diese unvorhergesehenen, überraschenden Versetzungen brachten mir immer wieder viel Spass und Freude. Meine eigenen eigensinnigen Kalkulationen hingegen erwiesen sich als falsch und bereiteten mir nur Schwierigkeiten und Frust. Ich habe unterdessen gehorchen gelernt und den Gehorsam als Segen erfahren!»

Reinigender Wechsel

Hier noch weitere positive Mutationserfahrungen von Mitbrüdern: «Mir brachte die Mutation einen interessanten und unbelasteten Neubeginn. – In der neuen Brüdergemeinschaft erhielt ich sehr fruchtbare Impulse zur Pflege meines geistlichen Lebens. – Am neuen Ort durfte ich Aufgaben übernehmen, die mich faszinierten. – Ich erfahre hier Gemeinschaft, die verbindet und trägt. – Die Mutation wirkte sich bei mir reinigend aus. Ich konnte viel unnützen `Plunder` zurücklassen! – Ich erlebe Gesprächskultur, die so gut tut. – Der Klosterwechsel bescherte mir hoffnungsvolle Perspektiven und bereichernden Lebensumschwung. – In dieser Kommunität erfreue ich mich am lebendigen, abwechslungsreichen Chorgebet.»

Mutationen, die im brüderlichen Gespräch vorbereitet und zum Wohl der Gemeinschaft unternommen sind, bringen der Kommunität Bereicherung und dem Mutierten Segen.

Gesucht: Weggefährten

Die Kapuziner auf Wanderschaft, auf dem Weg. Franziskanischer Geist führt hinaus in die Welt, in die Weite. Und wo Kapuzinergemeinschaften sich bewegen lassen und Bewegung hervorrufen in und ausserhalb der Klöster, da bleibt gesundes Leben erhalten. Da formiert sich Aufbruch, der mitreisst. Möge es doch wieder mehr junge Kapuziner geben, die mit Elan, Freude, Begeisterung und mit Visionen den Wanderpfaden des heiligen Franz folgen und im Gehorsam zum heiligen Evangelium auf ihren Pfaden, in Kirche und Welt leuchten als überzeugende Boten der Einfachheit, der Geschwisterlichkeit und der Hoffnung.

Crispin Rohrer