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Zwiegespräch über Jahrhunderte hinweg

Drei Kapuzinerinnen vom Kloster St. Klara in Stans verfassten den folgenden Beitrag, ein fiktives Gespräch mit Klara von Assisi über das Thema des Franziskuskalenders 2002.

Klara, wenn ich an dich denke, kommen mir Worte in den Sinn wie radikale Armut, Demut, strenge Klausur, Busse, Abtötung und übertriebenes Fasten. Du Frau des 21. Jahrhunderts, ist dies alles, was dir einfällt? Du zeichnest ein dunkles Bild von mir. Die Grundmelodie meines Lebens scheinst du nicht zu kennen.

Ich weiss nicht, woran du denkst.

«Freude» ist das Schlüssel-Wort.

Auf den ersten Blick sehen wir dich schnell als «abgehobene Frau» – eben als eine Heilige, die abgeschirmt, abgeschottet in San Damiano lebte. Die Künstler stellen dich doch meist als ernst blickende, hoheitsvolle Frau dar.

O ihr Menschen der Postmoderne! Mir ergeht es mit euch wie es Jesus erging, als er zu seinen Jüngern sagen musste: Schon so lange bin ich unter euch, und ihr kennt mich immer noch nicht? Schaut tiefer. Alles in mir, an mir ist Freude. Wie sonst hätte ich auf dem Sterbebett sprechen können: Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast!

Im Stichwortverzeichnis der neuesten Ausgabe deiner Schriften ist das Stichwort: «Freude» ausgelöscht, das noch in der Ausgabe des Jahres 1988 vermerkt war.

Schade! Doch das zeigt mir mehr als deutlich, dass ihr Christen des dritten Jahrtausends einen grossen Nachholbedarf habt. Ihr seid nicht so «in», wie ihr dies immer betont. Für mich ist Freude der Inhalt des Evangeliums, der Frohen Botschaft.

Erzähl mir doch etwas über den roten Faden deines Lebens.

Neugierig habe ich Franziskus zugehört, als er uns jungen Leuten von Assisi von seinem «Schatz» erzählte. Ich war von ihm fasziniert. Plötzlich wusste ich, das ist es, was auch ich suche: Ganz, total dem einzigen Herrn der Welt gehören, Jesus Christus. Aus Freude bin ich dann, 18-jährig, von zu Hause davon – weil ich «den» fand, der mein Ein und Alles ist.

O – ihr Unverständigen – muss ich noch mehr anfügen? Es stimmt, die Künstler haben mich meist sehr ernstblickend dargestellt. Als ich lebte, gab es noch keine Videokamera, die jeden Gesichtsausdruck festhalten konnte. Doch in meinen Augen war ein Leuchten, ein Strahlen. Ich sah das natürlich nicht selber.

Hört, was Schwester Filippa – nach meinem Tode – über mich aussagte: «Immer war sie froh im Herrn, und nie sah man sie mit düsterer Miene.» Verstehst du, ich konnte leuchten, weil Jesus in mir lebte. Er durchstrahlte mich. Das habe ich auch Agnes von Prag geschrieben, so dass sie sich mitfreuen konnte: «Ich kann mich wirklich freuen, und niemand soll mir eine solche Freude vergällen können, weil ich das schon besitze, was ich unter dem Himmel heiss begehrt habe.»

Ein wenig beginne ich zu ahnen, Klara, wie deine Freude war.

Vielleicht übertreibt Schwester Cecilia ein wenig, wenn sie über mich aussagte: «Wenn Klara vom Gebet zurückkehrte, schien ihr Gesicht noch strahlender als gewöhnlich und aus ihrem Mund strömte eine unbeschreibliche Süssigkeit aus… Beim Gebet vergoss sie überreiche Tränen, und bei den Schwestern zeigte sie geistliche Freude.»

Schon bald nach meiner eigenen Hinwendung zu Jesus eilte meine leibliche Schwester zu mir und sagte: «Ich will auch voll und ganz Gott dienen – wie du und Franziskus.» Was meinst du, wie es mir da zumute war?

Du wirst dich gefreut haben.

Und so war das jedes Mal, wenn eine Frau zu uns kam, wir dankten und freuten uns über das Grosse, das Gott an ihr zu wirken begann.

Klara, ich habe ein wenig deine Briefe und die Lebensgeschichte gelesen. Es ist wirklich ansteckend. Wenn du in heller Begeisterung von deinem Herrn Jesus schreibst, dann glaube ich das gerne, dass der Funke der Begeisterung auf alle übersprang. Du warst jahrelang krank, doch dein Herz war gesund, ansteckend gesund.

Der Funke, der von mir auf die anderen übersprang, hatte sich zuerst bei mir an Franziskus entzündet.

Klara, höre ich da recht! Du und Franziskus, entflammt? Feuer und Flamme sein, das kenne ich auch. Also warst du verliebt in Franziskus? Hast du ihn «angehimmelt»?

Wir waren beide jung. Beide waren wir aus Assisi, und beide waren wir voller Sehnsucht. Ich freute mich immer, wenn ich Franziskus sah. Wir lebten beide in der Zeit des Minnegesangs. Du, seine Jesus-Songs haben mich «happy» gestimmt. Ich hätte damals stundenlang zuhören können, als Franziskus begeistert von seinem Jesus sprach. Die anderen sagten, er sei verrückt geworden. Ich verstand seine Ver-rücktheit. Denn auch ich wurde «ver-rückt». An den rechten Platz «ver-rückt», hin-ge-rückt zu Jesus hin. So spornten wir uns wohl gegenseitig an. Mein Herz schlug immer höher, wenn ich seine Stimme hörte.

Klara, das klingt wie eine Liebesgeschichte.

Ich weiss nicht so recht, was ihr heute unter einer Liebesgeschichte versteht. Franziskus und ich – wir waren füreinander da. Oft sehnte ich mich in San Damiano nach einem Gespräch mit ihm. Einmal haben seine Brüder sogar Franziskus gedrängt, sich mit mir zu treffen. Die Legende beschreibt das ein wenig übertrieben. Das Happyend der Einladung: Wir waren über seine Worte so verzückt, dass die ganze Umgebung hell erleuchtet war und die Leute von Assisi nach S. Maria degli Angeli eilten, um den Brand zu löschen. Ach, waren das «arme» Menschen. Nicht unsere Behausung brannte, wir «brannten», wir waren wie Feuer und Flamme. Meinen Schwestern brachte ich dieses «Feuer» mit in die Klausur nach San Damiano.

Du wirst oft als «Kleine Pflanze des Franziskus» bezeichnet. War euer Verhältnis so, dass er immer der Gebende, der Bestimmende war und du nur die kleine Magd, die Empfangende?

Ich denke, ich war selbständig. Wir waren Freunde. Vielleicht waren wir wie Geschwister. Dieses Wort habt ihr heute auch wieder entdeckt in der Kirche: Geschwisterlichkeit. Geschwister reden miteinander in Klartext. So habe ich manchmal Franziskus deutliche Worte gesagt, und er hat mich oft von unvernünftigen Übertreibungen zurückgehalten.

Wie war denn das mit der Königstochter Agnes in Prag? Ihr hast du ja viele Briefe geschrieben.

Meine grösste Freude war, dass die Königstochter Agnes die Berufung ernst nahm und sich ganz Jesus schenkte. Ich durfte aus der Ferne miterleben, wie sie innerlich wuchs und darüber freute ich mich aus ganzem Herzen.

Ja, da sprudelte es nur so aus dir heraus.

Ja, ich schrieb damals nach Prag: «Ich kann mich wirklich freuen, und niemand soll mir eine solche Freude vergällen können.»

Klara, wie war denn das mit der Armut? Du hast doch da so ein Privileg der «allerhöchsten Armut» vom Papst erkämpft – habe ich gelesen. Sag, passt das überhaupt zusammen, Armut und Freude?

Ja und wie! Wer nicht viel hat, braucht sich um nicht viel Sorgen zu machen. Das hat uns Franziskus vorgelebt. Meine Liebe, schau doch mehr nach innen. Nicht so sehr die äussere Armut ahme nach, sondern die Haltung, die dahintersteht: Arm sein wie Jesus. Das schrieb ich meinen Schwestern ins Testament. Lebt so – nach meinem Tode und zu jeder Zeit: «um der Liebe des Herrn willen, der arm in der Krippe lag, arm in dieser Welt lebte und nackt am Kreuze hing.»

«Verachtet, hilflos und arm wolltest du in der Welt leben, damit wir, die wir arm und hilflos sind und Mangel leiden an Liebe, reich werden in dir und das Gottesreich erben. Darum juble ich laut und freue mich. Ja, ich bin ausser mir vor Freude und Fröhlichkeit.» So schrieb ich der Königstochter Agnes von Prag, die in eurer Zeit heiliggesprochen wurde.

Ihr auf der Erde unten habt da so ein Wort: alternativ. Das ist auch ein Schlüsselwort für mich. Mit meinen Schwestern in San Damiano lebte ich anders, eben alternativ. Das machte uns frei – innerlich und äusserlich unabhängig von Besitz und Reichtum. Wir hatten ja den Schatz im «Acker der Welt» gefunden.

Es gibt etwas, was mich an-stösst. Oder soll auch das mir An-stoss sein – zum Durchblick? Weisst du, das mit der Busse. Wofür musstest du denn büssen?

Leben in Busse hiess für mich niemals Strafe für etwas! O nein. Vielleicht habt ihr dies lange Zeit so interpretiert. Die moralische Askese habt ihr gewaltig überbetont bei mir. Vielleicht müsst ihr vieles auch noch zeitbedingter sehen. Oder anders ausgedrückt: Beginnt doch endlich damit, die Handschrift der Geschichte neu lesen zu lernen! Ich war keine Lebensverächterin – ich lebte gerne – doch ich lebte eben auf die Ewigkeit hin. Ich wusste, dass ich auf Erden eine Pilgerin und eine Fremde bin. Ich lebte im Jetzt. Hier und heute – in San Damiano. Im Diesseits. Ich war fest verwurzelt – doch ich streckte mich aus nach dem «Darüber».

Ja, Klara, du schreibst im zweiten Brief an Agnes so schwungvoll – dass auch ich von innen heraus leicht voraneile: «Säume nicht, vielmehr eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, ohne den Fuss anzustossen, damit auch Deine Schritte den Staub meiden, sicher, froh und munter mögest du behutsam den Weg zur Seligkeit gehen.»

Noch eines will ich euch «übersatten» Menschen wünschen. Auch ich war «unersättlich». Ich hatte Hunger, Durst und Sehnsucht nach Gott: Meine Seele dürstet nach dir o Gott – ja, schmachtet nach dir – lechzt! Das alles sind Inhalte, die in den Hitparaden besungen werden. Es ist die Ursehnsucht des Menschen, dessen Herz nicht auf der Erde befriedigt werden kann. Deshalb suchen doch alle Menschen das «mehr». Schreibt es euch ins Herz: Äs darf es bitzeli meh Freud sii!

Von euch sollte Freude ausgehen! Doch wenn ich in eure Gesichter schaue – da ist oft strenger Frost und wenig Blühen und Leuchten. Helft mit – dass ihr für eure Mitmenschen strahlende, leuchtende Spiegel werdet, darin sie die Ursache aller Freude erblicken: IHN, den eure Seele liebt.

Klara, da fällt mir ein, dass Franziskus über dich aussagte, dir und deinen Schwestern sei keine Trübsal zu schwer gewesen. Also gab es bei dir auch nicht nur eitel Sonnenschein?

Natürlich nicht! Wenn du in meiner Regel die ernsten Worte findest: «Ich ermahne aber und ermahne im Herrn Jesus Christus, dass die Schwestern sich hüten mögen vor allem Stolz, eitler Ruhmsucht, Neid, Habsucht, der Sorge und dem geschäftigen Treiben dieser Welt, vor Ehrabschneiden und Murren, Auseinandersetzung und Entzweiung.» Meinst du, ich hätte das nur rein theoretisch geschrieben?

Nein, auch wir waren Menschen – doch wir haben uns immer wieder auf den Weg nach innen gemacht – zu Jesus hin. Du kannst dies Busse nennen – dann stimmt das dir an-stössige Wort: Busse heisst also für mich und für dich: sich immer wieder zu Jesus hin-kehren. In einer Sackgasse kehrt ihr doch auch um, weil es nicht weitergeht. Wendet das auch für das geistliche Leben an. Das Umkehren ist ganz «evangelisch». Das ist auch ein evangelischer Rat! Jesu frohe Botschaft begann damit: Kehrt um!

Klara, dann stimmt es also nicht, dass du die Welt verachtet hast?

Meinst du, wir wären blind durch unser Leben gestolpert? O nein – ich konnte mich an allem freuen – an jedem Menschen – an jeder Blume – jedem Baum – jedem Tier. Alles war mir Zeichen für den, der es geschaffen hat. Würde ich sonst wirklich glaubhaft eine «kleine Pflanze des Franziskus» genannt werden dürfen?

Denke doch daran, dass Franziskus gerade seinen Sonnengesang bei uns in San Damiano dichtete. Doch täusche dich nicht. Er schrieb diesen nicht in einer «softigen» Verfassung. Um ihn und in ihm war es dunkel. Er hatte Schmerzen. Seine Freude war oft «Freude im dunklen Kleid», sie war getränkt mit Tränen. Laute Freuden haben keine Dauer. Doch die Freude des Herzens – die kann allem standhalten.

Klara, danke! Du hast von Frau zu Frau gesprochen. Es ging mir zu Herzen.

Ja, als Christin habe ich zu euch Christen gesprochen. Franziskus gab mir den Titel «Die Christin».

Sr. Irmgard-Clara Mauch
Sr. Klara Etter
Sr. Franziska Christen