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„Von der Bevormundung zur Mündigkeit“: Unter diesen Titel stellte Klaus Piepel ein Referat zum Wandel des Missionsverständnisses dank dem II. Vatikanischen Konzil.

Die Verpflichtung zur Kommunikation, zum Austausch unter den Ortskirchen hat ihre theologische Grundlage im II. Vatikanischen Konzil, das die katholische Weltkirche als eine «Communio ecclesiarum», als eine Gemeinschaft gleichberechtigter Ortskirchen interpretiert, die um ihrer Katholizität willen in einem ständigen Kommunikations- und Austauschprozess untereinander und mit dem Papst stehen müssen. So heisst es in der Kirchenkonstitution «Lumen Gentium»: «Die einträchtige Vielfalt der Ortskirchen zeigt in besonders hellem Licht die Katholizität der ungeteilten Kirche» (LG 23). «Kraft dieser Katholizität bringen die einzelnen Teile ihre eigenen Gaben den übrigen Teilen und der ganzen Kirche hinzu, so dass das Ganze und die einzelnen Teile zunehmen aus allen, die Gemeinschaft miteinander halten und zur Fülle in Einheit zusammenwirken» (LG 13).

Die Kirche wird zur Weltkirche, wenn sie überall in der Welt Ortskirche wird. Zugleich muss aber auch die Ortskirche, um Kirche zu sein und zu werden, Weltkirche sein, d.h. sich offen zeigen für die Welt und die Reichtümer, aber auch für die Sorgen der anderen Ortskirchen. «Eine Ortskirche oder Teilkirche, die diesen Anspruch nicht hören und sich selbst genügsam auf sich selbst oder einen Teil der Welt zurückziehen würde», so der berühmte Theologe Karl Rahner, «verdient nicht, Weltkirche genannt zu werden.»

Weltkirche entsteht somit nicht nur durch ein einheitliches Lehramt, das sich in Weltkonzilien oder in päpstlichen Weltrundschreiben (Enzykliken) Ausdruck verschafft, sondern ganz wesentlich durch die vielfältigen weltweiten Beziehungen von Christen, Gemeinden, Verbänden, Diözesen und Kirchen einzelner Länder. Kommunikations- bzw. Lernprozesse sind deshalb nicht in das Belieben der einzelnen Christen, Gemeinden und Ortskirchen gestellt, sondern grundlegend für die Katholizität der Weltkirche und jeder einzelnen Ortskirche.

«Katholisch sein heisst», um eine Deutung des (jungen) Theologie-Professors Joseph Ratzinger vor fast 30 Jahren aufzugreifen, «in Querverbindungen (zu) stehen. Es bedeutet, von dem Guten des anderen zu lernen und das eigene Gute freigiebig auszuteilen; es bedeutet den Versuch, sich gegenseitig kennenzulernen, einander zu verstehen und gelten zu lassen.»

Lernprozesse sind nicht in das Belieben der einzelnen Christen, Gemeinden und Ortskirchen gestellt, sondern grundlegend für die Katholizität der Weltkirche.

Eine ökumenische Entdeckung

Die Deutung der Weltkirche als eine «Lerngemeinschaft» hat ihre Wurzeln in der ökumenischen Bewegung. Spätestens seit Mitte der siebziger Jahre wurde den Mitgliedskirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen immer deutlicher, dass ihr Bemühen um Einheit der Kirchen untereinander nur auf dem Weg eines langen Dialog- und Lernprozesses untereinander zu erreichen ist.

Vor der 6. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver erklärte deshalb der damalige ÖRK-Generalsekretär Philip Potter, «dass die Kirchen eine Gemeinschaft von Lernenden sind». Bei dieser Vollversammlung hat eine Fachgruppe sich mit der Frage befasst, was es inhaltlich bedeutet, von der Kirche bzw. den Kirchen als einer «Lerngemeinschaft» zu reden. Dies heisst

  • «einander zu helfen, an Jesus Christus als die Quelle des Lebens zu glauben und im Glauben als Christen zu wachsen;
  • Gemeinsam zu entdecken, dass Gott uns eine Welt gegeben hat;
  • uns am Kampf für Gerechtigkeit und Frieden auf der ganzen Welt zu beteiligen;
  • Gemeinschaften anzugehören, die prophetisches Zeugnis ablegen
  • und unser Ringen auf Ortsebene mit weltweiter Perspektive zu verbinden.»

Diese Bestimmung weist über den begrenzten Bereich der Kirche(n) hinaus und verweist auf den gerechtigkeitsschaffenden und friedenstiftenden Auftrag der Christen in der ganzen Welt. Nur wenn die Christen und Kirchen sich ihres Auftrages bewusst bleiben, «allumfassendes Sakrament des Heils» (LG 45) für alle Menschen zu sein, können sie sich vor der Gefahr einer selbstgenügsamen Abkapselung bewahren. Partnerschaftliche Beziehungen mit fremden Menschen «vor der eigenen Haustür», mit Christen aber auch Andersgläubigen in anderen Kulturen, sind ein vielversprechender Weg, Kirche als «Lerngemeinschaft» zu (er)leben.

Klaus Piepel: Lerngemeinschaft Weltkirche. Von der Bevormundung zur Mündigkeit.