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Ohne den interreligiösen Dialog in unseren multireligiösen Gesellschaften wird niemand verständig, weder der Christ noch der Muslim, weder der Jude noch der Buddhist.

Wer nur in seinen eigenen Kreisen bleibt und «im eigenen Saft schmort», wie wir sagen, ist dumm und bleibt dumm, denn er hört immer und überall nur dasselbe. Das Gleiche aber wird dem Gleichen früher oder später völlig gleichgültig. Nur am anderen wird einem das Eigene bewusst. So ist es mir zuerst in den christlich-marxistischen Dialogen der sechziger Jahre, dann aber auch im christlich-jüdischen und christlich-buddhistischen Dialog der siebziger Jahre gegangen.

Auf der anderen Seite soll man den interreligiösen Dialog nicht überschätzen. Er kann nicht an die Stelle der christlichen Mission treten, denn durch interreligiösen Dialog ist noch niemand Christ geworden. Der Dialog verändert die Situation nicht, sondern befriedet den Ist-Zustand und ist in seiner Tendenz ganz konservativ. Alle bleiben, was sie sind, doch kommen sie jetzt «ins Gespräch miteinander» und lernen Respekt voreinander, aber lassen sich sonst religiös in Ruhe. «Ohne Frieden zwischen den Weltreligionen kein Frieden in der Welt», meint mein Freund Hans Küng, aber ein wenig mehr als Waffenstillstand und Sich-in-Frieden-Lassen kann die Welt von ihren Religionen angesichts ihrer tödlichen Gefahren doch verlangen.

Die Idee, die Religionsgemeinschaften durch interne Dialoge zum Frieden untereinander und zur gemeinsamen Arbeit am Weltfrieden zu bringen, ist eine westliche Idee, denn Buchreligionen sind für sprachliche Dialoge und logische Argumentationen natürlich besser gerüstet als meditative Religionen und Ritualreligionen. Das sieht man schon daran, dass in den meisten Dialogprogrammen die sogenannten «Naturreligionen» Afrikas gar nicht vorkommen.

Die Dialoge, die ich kenne, kranken an zwei Einseitigkeiten: Ein bekannter Protagonist des christlich-jüdischen Dialogs in Deutschland sagte mir nach 20 Jahren: «Die Juden haben mich nie etwas gefragt.» So kommt es, dass die Christen fragen und die Buddhisten gern antworten, aber ihrerseits keine Fragen an die Christen haben, oder zwei Christen sich über das Verständnis des Hinduismus streiten und ein Swami schweigend zuhört.

Die andere Einseitigkeit fand ich darin, dass Minderheiten am öffentlichen Dialog immer sehr interessiert sind, Mehrheiten aber nicht. Vertreter des Islam sind an Dialogen mit Christen in ihren Ländern nicht interessiert, finanzieren aber gern muslimisch-christliche Dialoge in Turin und Neapel. Als ich nach einem solchen Dialog vorschlug, den nächsten in Riad oder Mekka zu veranstalten, winkten die Muslime kaltlächelnd ab. Religionsfreiheit ist gut, wenn sie erlaubt, dass Christen Muslime, aber schlecht, wenn sie erlaubt, dass Muslime Christen werden. In Rom wurde eine grosse Moschee mit saudiarabischem Geld gebaut; als aber der Erzbischof von Canterbury die britische Botschaft in Riad besuchen wollte, musste er seine geistliche Kleidung noch im Flugzeug ausziehen. Zum Dialog aber gehört als Mindestforderung gegenseitige Gastfreundschaft, und auf ihr sollten wir bestehen.

Neben dem direkten Dialog über religiöse Inhalte gibt es den indirekten Dialog über gemeinsame soziale, ökologische und ethische Fragen, zum Beispiel auf Umweltkonferenzen der UNO und Unesco. Hier geht es nicht um einen «Streit um die Wahrheit», sondern um gemeinsame Wege aus den tödlichen Weltgefahren. Was haben die Weltreligionen bisher getan, um die Zerstörungen der Welt aufzuhalten? Wo gibt es lebensfeindliche, resignative oder apokalyptische Bewegungen in ihnen? Wie können die Religionen zu lebensbejahenden und welterhaltenden Kräften werden? Dieser Dialog ist indirekt, denn wir reden nicht über uns selbst und über einander, sondern über etwas Drittes, das uns gemeinsam angeht. Die Wahrnehmung der ökologischen Krisen macht es, dass wir im indirekten Dialog besonders auf die sogenannten «Naturreligionen» hören und ihre Weisheit im Umgang mit den Rhythmen und Zyklen der Erde lernen. Im Unterschied zu den direkten interreligiösen Dialogen lassen die militärischen, ökologischen und ökonomischen Selbstbedrohungen der Menschheit keinen Pluralismus zu, jedenfalls keine Alternativen zum Leben und Überleben. In diesen Weltgefahren verbietet der Ernst der Lage die postmoderne Beliebigkeit. An diese indirekten Dialoge, meine ich, muss ein neues Verständnis der christlichen Mission einsetzen.

Jürgen Moltmann