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Bekanntlich spricht man heute davon, dass Mission keine „Einbahnstrasse“ mehr ist. Auch jene, die vom Norden in den Süden gezogen sind, werden „missioniert“. Wie Leonardo Boff sagte: „Gott war vor den Missionaren hier.“ Gegenseitiges Lernen ist angesagt.

In ihrer Missionstätigkeit in Asien (und natürlich auch andernorts) machen die Missionare häufig die Erfahrung, dass sie bei der Evangelisierung der gentes selbst von diesen evangelisiert werden, ja dass der Erfolg ihres Wirkens sogar davon abhängt, wie offen sie dafür sind, von den gentes evangelisiert zu werden. Damit meine ich den Umstand, dass es in nicht wenigen Bereichen des christlichen Lebens Lehren und Praktiken der Religionen und Kulturen der gentes gibt, die Missionare tunlichst übernehmen sollten, um bessere Christen und Missionare zu sein. Das gilt beispielsweise für heilige Schriften, Ethik, Andacht, Spiritualität und Mönchtum.

Die Tugend und Heiligkeit von Menschen, die nicht der eigenen religiösen Tradition und Kultur angehören, zu erkennen und zu feiern, ist keine Erfindung fortschrittlich denkender Missionare. Jesus selbst lebte dies vor. Er pries den Aussätzigen aus Samarien, der als einziger der zehn von ihm geheilten Aussätzigen umgekehrt war, um ihm zu danken (Lk 17,17-18). Und er preist einen Samariter als Vorbild für gelebte Nächstenliebe (Lk 10, 33-35). Bei Matthäus heisst es, Jesus sei erstaunt über einen „solchen Glauben“ eines römischen Hauptmanns gewesen (Mt 8,10). Dass Jesus tatsächlich „erstaunt“ war und dies nicht nur vorgab, heisst auch, dass er die Existenz eines solchen Glaubens bei einem goy nicht erwartete. Also offenbarte das glaubenserfüllte Handeln des römischen Hauptmanns Jesus gleichsam, wie universell Gottes rettende Gnade ist. Noch stärker verdeutlicht dies die Geschichte der Kanaaniterin: Durch ihren „grossen Glauben“ (Mt 15,28) und ihre Beharrlichkeit, mit der sie trotz der barschen, fast beleidigenden Weigerung Jesu, ihre Tochter zu heilen, demütig antwortet, dass selbst „die Hunde (ein abwertender jüdischer Begriff für die goyim, den Jesus selbst verwendete) von den Brotresten bekommen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (Mt 15,27), gelingt es ihr, Jesu Glaube zu ändern, er sei nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Hier ist die ethnozentrische Auffassung Jesu von seinem Dienst, die von einem Heiden und obendrein von einer Frau gewandelt wird!

Mit Blick auf das, was Jesus vorlebte, müssen Missionare in Asien in ihrem Wirken willens und in der Lage sein, Herz und Hirn dafür zu öffnen, sich geistig und geistlich durch die „umgekehrte Mission“ der gentes Asiae wandeln zu lassen. Zugegebenermassen erschweren ihnen dies die traditionellen Auffassungen von Mission als „Lehre“, „Verkündigung“, „Evangelisierung“ und „Bekehrung“, sie sie die missio ad gentes-Theologie vermittelt. Sie stellen die Missionare nicht darauf ein, eine Haltung des Zuhörens, des Lernens, des Schweigens und der Demut einzunehmen.

Wenn einer mit der festen Überzeugung an einen fremden Ort kommt, nur die eigene Kirche besitze alle Wahrheiten in ihrer ganzen Fülle, und seine vorrangige Aufgabe darin sieht, diese Wahrheiten zu „verkünden“, ganz so, als stünde er auf einer Kanzel oder hinter einem Pult mit einem Megaphon in der Hand, um den unwissenden und sittenlosen gentes wie ein allwissender Professor eine Vorlesung zu halten, und das Ziel seiner Mission darin sieht, sie zu „bekehren“, nimmt es nicht Wunder, dass er die gentes lediglich als Ziel seiner Mission – impliziert durch die Präposition ad – sieht und den Erfolg an der Zahl der Taufen misst.

Peter C. Phan, Professor in Washington, in Forum Weltkirche 6.15