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Liebe betrifft nicht nur die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. «Eros» meint viel, viel mehr als «Erotik». Doch: Was ist denn Liebe?

Es ist zwar nicht mehr originell. Ich tue es dennoch und beginne meinen Artikel mit einem Ergebnis aus dem Internet. Wenn ich in die berühmte Suchmaschine «Google» das Stichwort «Liebe» eingebe, erhalte ich Zugriff zu 17,7 Millionen Beiträgen (dieses Suchergebnis erhalte ich übrigens in 0,09 Sekunden!).

Der erste Hinweis betrifft die Fernsehreihe «Verbotene Liebe» (erstes deutsches Fernsehen). Auffallend viel ist dann von «Liebe und Triebe» die Rede. Und sehr oft finden sich Tipps für die Suche nach dem «Traumpartner».

Liebe ist mehr

Auch wenn ich nur einen äusserst winzigen Teil der 17,7 Millionen Titel, die ich abrufen könnte, angeschaut habe, wage ich zu behaupten: Das Wort «Liebe» wird zumeist in einem sehr engen, begrenzten Sinne verwendet. Anders verfuhr die Redaktion des «Magazins» (Tages-Anzeiger). Sie bat zwölf «Herzspezialisten» (gemeint sind nicht Ärzte, sondern Liebende!), von ihrer Liebe zu erzählen und betonte, es solle «nicht immer der Partner» sein.

Die Angefragten gingen auf die Bitte ein und schilderten beispielsweise ihre Liebe zur Schwester, zur Cousine und sogar zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln. Auch unsere Redaktion hatte ein sehr breites Spektrum im Auge, als sie sich für das Thema «Liebe?» entschied.

Das Fragezeichen im Titel will zum Denken anregen. Es soll auch ein Hinweis sein, dass die Liebe ein so vielfältiges Phänomen voller Geheimnisse ist, dass sie letztlich nicht zu ergründen ist. Oder wie es der Hollywoodstar Nicole Kidman (36) formuliert: «Die alten Griechen, Poeten, Literaten und Philosophen, alle haben über dieses Thema gegrübelt. Und niemand weiss, was Liebe ist. Mich eingeschlossen.»

Sexus, Eros, Agape

Bei der Vorbereitung dieses Artikels habe ich nicht nur die moderne Internettechnik zu Hilfe genommen. Ich habe mich auch erinnert, dass ich noch einige Manuskripte der Vorlesungen aus meinem Theologiestudium aufbewahrt habe. Glücklicherweise sind auch jene über die Sexualmoral dabei, in denen drei Arten von Liebe unterschieden werden – wobei es hiess, es gäbe zwischen ihnen eine «enge Verschlingung»:

  • Sexus: Dieser wird mit den Worten des evangelischen Theologen Helmut Thielicke definiert als «das von Lust begleitete und auf Vollendung der Lust, d.h. nach Ekstase drängende Verlangen nach leib-seelischer Vereinigung mit einer andern Person».
  • Zum «Wesen des Eros» hat damals unser Professor festgehalten, er ziele auf wirklich menschliche Partnerschaft: «Der Eros bejaht den andern in seinem Personsein. Er ist leibseelisches Wohlgefallen am andern.»
  • Im Abschnitt über die Agape wird u.a. auf das «Hohelied der Liebe» aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther hingewiesen (dazu die Seiten 38- 39 unseres Franziskuskalenders).

Missverstandener Eros

Die Büroklammern dieses Manuskripts sind verrostet. Aber der Inhalt der Blätter ist nicht völlig überholt. Allerdings sieht man heute den Begriff des «Eros» viel weiter. Einen Rückschritt aber machen die Anbieter von Medieninhalten über «Erotik», wo es meistens um pure Lust geht (selbst auf der Homepage des Internetanbieters Bluewin, einer Tochterfirma von Swisscom!).

Eros – so die erweiterte Verwendung des Begriffs – prägt z.B. den Wissenschafter auf der Suche nach neuen Erkenntnissen; oder den Büchernarren in seinem Verhältnis zu Büchern (S. 78-81 unseres Kalenders).

Was meint Leonardo Boff

Für den brasilianischen Befreiungs-Theologen Leonardo Boff ist der Eros «voller Feuer und Wärme». Er «hat mit Phantasie, Kreativität, Anbruch von Neuem, Überraschendem und Wunderbarem zu tun». Er beflügelt uns «mit Enthusiasmus, Freude und Leidenschaf». So treibt er uns an zur Suche nach den Dingen, die wir schätzen, nach der Nähe der Menschen, der Verwirklichung unserer Ideale, ja selbst nach Gott. Kurz: Er ist «ein ständiges Wünschen und Sehnen».

Den Eros als treibende Kraft findet Leonardo Boff auch im Leben des heiligen Franziskus, ganz besonders im Augenblick, als er im Evangelium den Willen Gottes entdeckt und begeistert ausruft: «Das ist es, was ich begehre. Das ist es, wonach ich von ganzem Herzen verlange! Das ist es, was ich mit allen Kräften zu erfüllen wünsche.» (Leonardo Boff: Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi mit den Augen der Armen gesehen. Patmos 1983. S. 26 -39)

Ein Missverständnis

Zum Schluss möchte ich noch auf ein früher weit verbreitetes Missverständnis hinweisen. Weil die Liebe zu Gott als die höchste Form der Liebe gesehen wurde, meinten manche Lehrer der Spiritualität, die andern Formen abwerten zu müssen. An sich genüge die Gottesliebe, wenn sie gross genug sei, meinten einige. Gegen diese Auffassung wehrt sich eine alte umbrische Legende, die Franz von Assisi die folgenden Worte in den Mund legt (Version des Schweizer Kapuziners Anton Rotzetter):

Ich liebe die Sonne und die Sterne
Ich liebe Klara und ihre Schwestern
Ich liebe das Herz der Menschen
Und alle schönen Dinge
Herr
Du musst mir verzeihen
Denn nur dich sollte ich lieben.

Lächelnd antwortete der Herr:
Ich liebe die Sonne und die Sterne
Ich liebe Klara und ihre Schwestern
Ich liebe das Herz der Menschen
Und alle schönen Dinge
Mein Franziskus
Du musst nicht weinen
Denn das alles liebe ich auch.

Wenn Sie diesen Franziskuskalender lesen, begegnen Sie einer breiten Palette von Liebe. Vielleicht werden Sie am Schluss den Titel umändern in: «Liebe!»

Walter Ludin