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Vor zehn Jahren begannen hochrangige Vertreter aller grossen Kirchen, Massstäbe für die Mission zu entwickeln. In einer Reihe von Konferenzen  fragten sie sich, wie christlicher Glaube in einer multireligiösen Welt im 21. Jahrhundert weitergegeben werden soll.

Ökumenische Spielregeln für die Mission

Es galt als ökumenische Sensation: Aber was ist aus dem «Christlichen Zeugnis in einer multireligiösen Welt» geworden, das vor fünf Jahren in Genf veröffentlicht wurde?

Braucht Mission Regeln? Benötigen die christlichen Kirchen gar eine missionarische Ethik, die in einer Charta festgelegt ist? «Nein» werden die sagen, denen der Missionsauftrag der Bibel als Leitlinie ausreicht, für die Mission von Natur aus ein Akt der Nächstenliebe und Güte ist und immer war. «Ja» sagen die, die sich in der Mission mehr ökumenische Zusammenarbeit wünschen oder für die der Ruf der Mission angekratzt ist: Die an das teils grausame Wetteifern christlicher Kirchen um die «Seelen der Heiden» oder das unselige Bündnis von Missionaren mit den Kolonialherren in den vergangenen Jahrhunderten denken, das Völker bevormundet und Kulturen zerstört hat.

Vor zehn Jahren haben die Befürworter von mehr Ökumene in der Mission aus verschiedenen christlichen Kirchen in einem fast unbemerkten Vorgang im italienischen Lariano mit einer «Bestandsaufnahme der Realität» begonnen, Massstäbe für die Mission zu entwickeln. In einer Reihe von Konferenzen haben sie sich gefragt, wie christlicher Glaube in einer multireligiösen Welt im 21. Jahrhundert weitergegeben werden soll.

Gegen Zwangsmittel bei der Glaubensverbreitung
Als «historischen Moment» bezeichnete Jean-Louis Kardinal Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog (PCID), die Veröffentlichung der Ergebnisse. Als «Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt» wurde es am 28. Juni 2011 in Genf gemeinsam vom Päpstlichen Rat, der Evangelischen Weltallianz (WEA) und dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) präsentiert. Diese Kirchen repräsentieren rund 90 Prozent der Weltchristenheit, die sich damit auf das erste weltweit gültige ökumenische Dokument verständigt hatten.

«Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche.» Mit diesen Worten beginnt der Text des Dokuments, das in nur 1500 Worten angemessene und unangemessene Formen beschreibt, den Glauben zu verkünden. Die sehr nüchtern formulierten Verhaltensregeln bezeugen den Auftrag Jesu an seine Kirche, zeigen aber auch die Grenzen von Mission auf. So wenden sich die Kirchen gegen «Täuschung und Zwangsmittel» in der Glaubensverbreitung und gegen verzerrende Darstellungen anderer Religionen. Sie rufen die Regierungen auf, Religionsfreiheit zu schützen und appellieren an ihre Mitgliedskirchen, Richtlinien für den Umgang mit Anders- und Nichtgläubigen zu erarbeiten.

Dem historischen Ereignis von Genf sollte ein nationales in Berlin folgen. Organisiert von missio und dem Evangelischen Missionswerk in Hamburg (EMW) fanden sich etwa 20 kirchliche Dachverbände in Deutschland zusammen. Unter dem Titel «Mission Respekt» ereignete sich in Berlin der grösste ökumenische Kongress, den es in Deutschland je gab. Es ging darum, «den anderen wirklich in seiner Eigenständigkeit, in seiner Überzeugung zu respektieren und ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Das ist eine Forderung unserer Zeit und ein Verständnis von Mission, das in unserer Gesellschaft auf Zustimmung stossen würde», beschrieb missio-Präsident Klaus Krämer den Kongress, der auch zu einer Art kritischer Selbstreflexion der Kirchen werden sollte.

Gemeinsames Unterwegssein in Gottes Mission
«Mitunter ist ein kleiner gemeinsamer Nenner ein historischer Durchbruch. Noch nie zuvor hat es eine derart breit getragene, ökumenische Erklärung gegeben», zeigt sich Pfarrer Christoph Anders, der EMW-Direktor, von der Tragweite der Ereignisse in Genf und Berlin überzeugt. Für eine ökumenische Verlautbarung auf Weltebene seien die Resonanzen in Deutschland ausserordentlich positiv. Es werde auf allen Ebenen darüber gesprochen. Die verstärkte Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland lasse zudem Fragen brisant werden, auf die das Dokument eingehe, so Anders. Nach seiner Beobachtung wächst in den Kirchen die Einsicht, dass «wir die Herausforderungen, vor die die Kirchen in der Weltchristenheit und in der Einen Welt insgesamt gestellt sind, nur gemeinsam bewältigen können.»

Er kann zudem auf erste gemeinsame Missionsprojekte der Kirchen verweisen. Die Arbeit des Brasilianischen Kirchenrats (CONIC) etwa werde von Misereor und dem EMW unterstützt. Auch das Ökumenische Friedensgebet , das von missio und dem EMW regelmässig herausgegeben wird, sei ein erfreuliches Beispiel für das gemeinsame Unterwegssein in Gottes Mission.

Quelle: Zeitschrift kontinente