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Nicht nur am Ende der Schulzeit gilt es innezuhalten und über seine Zukunft nachzudenken (dazu der vorausgehende Artikel). Die Aufgabe stellt sich auch im Blick auf die Pensionierung. Unsere Autorin, bis vor einem Jahr Betagtenbetreuerin in Luzern, hat sich intensiv mit dem Leben nach dem Beruf auseinandergesetzt.

Ich wache auf. Es ist kurz nach fünf. Langsam komme ich zu mir. Ich denke: Ab heute bist du also pensioniert! Irgendwie komisch. Freue ich mich? Ich konnte es kaum erwarten, pensioniert zu sein. Jetzt bin ich es. Ich habe mir immer vorgestellt, was ich dann alles machen könnte. Endlich!

Die letzten beiden Jahre ist die Arbeit mir schwerer gefallen. Da merkte ich mein Alter. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, war ich meistens so müde, dass ich nur noch wie erschlagen dasitzen konnte.  An den freien Tagen bemühte ich mich, meinen Haushalt   irgendwie in Schuss zu halten. Es störte mich, dass so vieles liegen blieb. Und wie oft meldete sich mein Rücken und beschwerte sich. Ich versuchte, nicht hinzuhören.

«In Freiheit»

Ja, was jetzt? Irgendwie komme ich mir verloren vor. So lange hat die Arbeit mein Leben bestimmt. Die Gestaltung meiner Freizeit richtete sich danach, ob ich am nächsten Tag zur Arbeit eingeteilt war. Ich wusste, wenn ich nicht genügend Schlaf bekäme, wäre ich nicht so  /konzentriert wie sonst. Da ich auch mit lebensnotwendigen Medikamenten zu tun  hatte, konnte ich mir keine Fehler leisten. Also keine Einladungen, kein Ausgang.

Nach den ersten Tagen «in Freiheit» merkte ich, dass ich Mühe hatte, mich in der neuen Situation zurechtzufinden. Am Abend genoss ich es, so lange aufzubleiben, wie ich wollte. Ich schaltete von einem Sender zum anderen. Irgendwo lief immer etwas Interessantes. Am Morgen blieb ich lange im Bett, stand irgendwann auf, nahm dieses und jenes in die Hand, wusste nicht, was ich eigentlich wollte. Ich hatte ja Zeit. Ich schlief immer schlechter. Fühlte mich nicht wohl. Wusste aber nicht warum. Ich hätte mich gerne mehr mit meinen Freunden getroffen. Aber diese hatten für mich auch nicht die Zeit, die ich mir gewünscht hätte.

Strukturierte Tage

Beim Arzt konnte ich mir mein Dilemma endlich von der Seele reden. Gott sei Dank hat er zugehört. Er hat mir empfohlen, meinen Tag zu strukturieren; nicht mehr einfach nur so ins Blaue zu leben, nur weil es mir jetzt möglich ist. Gegen die Schlafschwierigkeiten bekam ich ein befristetes Schlafmittel.

Strukturen planen: Was muss ich unbedingt erledigen? Was hat Zeit? Was macht mir Freude? Was kann ich mir leisten, was nicht? Welche Termine habe ich? Welche Freunde möchte ich einladen? Wie gestalte ich meine «Freizeit», z.B. die Wochenenden?

Ich versuchte es. Es klappte nicht immer. Und ich lernte mich, wenn auch nicht stur, an meine eigenen Vorgaben zu halten. Ich weiss jetzt, dass ich morgens munterer bin als am Nachmittag. Ich gehe eher früh zu Bett und stehe lieber früh auf. Ich schlafe besser, auch ohne Medikamente.

Meine Tendenz, nachts aufzustehen und eine Weile aufzubleiben, habe ich immer noch. Ich liebe es einfach, dazusitzen und die Stille um mich her zu geniessen. Manchmal schreibe ich dann Gedichte. Es ist die Zeit, wo ich in mir selbst ruhen kann. Manchmal gehe ich auch auf den Balkon, egal welches Wetter, und geniesse es, die Lichter von Luzern zu sehen. Ich weiss dann, ich möchte nirgendwo anders sein.

Zurück nach Deutschland?

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, nach der Pensionierung wieder nach Deutschland zurückzukehren. Meine Familie lebt dort. Meine Eltern sind alt und würden sich freuen, wenn ich in der Nähe wäre. Ich könnte auch mehr Kontakt zu meinen Geschwistern haben.

Durch die Entfernung haben wir uns doch sehr auseinandergelebt. Ja, schön wäre es schon. Aber was ist mit meinen Freunden hier? Mit der Zeit würden wir uns entfremden. Sie sind mir wichtig.

Schliesslich habe ich mich entschieden, hier zu bleiben. Den grössten Teil meines Lebens habe ich hier verbracht. Ich bin immer noch Deutsche. Ich wäre es auch mit einem Schweizer Pass. Oder besser gesagt, ein Teil von mir ist hier zu Hause, ein Teil von mir ist deutsch. Ich bin keins von beiden ganz. Wenn ich zu meinen Verwandten in Deutschland fahre, muss ich mich bemühen, Hochdeutsch zu reden. Für sie bin ich Schweizerin geworden. Doch hier in der Schweiz hört jeder an meiner Sprache, dass ich aus Deutschland komme. Viele bemühen sich dann, mit mir Hochdeutsch zu reden. Da bin ich Ausländerin geblieben.

Nach Kreta?

Früher habe ich mir vorgestellt, dass ich nach meiner Pensionierung nach Kreta ziehen würde. Seit fast 20 Jahren fahre ich dorthin in die Ferien, immer an den gleichen Ort. Er ist mir vertraut. Es gibt Menschen, die mir zu Freunden geworden sind.

Aber in letzter Zeit wird mir immer mehr bewusst, wie sehr ich an meiner vertrauten Umgebung hänge. Und ich mag das Klima hier, dass es im Winter kalt wird und Schnee hat. Ich mag den Vierwaldstätter See, die Berge um mich, den Wald, die Kühe auf der Wiese nebenan. Den Ausblick von meinem Balkon, die Wege, die mir vertraut sind. Ich hänge an all dem. Ich wusste gar nicht, wie sehr, bis ich mir überlegte, ob ich mich davon trennen will.

Pensionierung als Neuorientierung

Pensionierung: eine Neuorientierung. Ein Abwägen, was ist gut für mich und was eher nicht? Woran hängt mein Herz? Wie will ich den Rest meines Lebens verbringen?

Denn eins ist mir auch klar geworden: Was ich jetzt lebe, ist eine geschenkte Zeit. Da brauche ich nur die Zeitung aufzuschlagen und die Todesanzeigen zu lesen. Jeder Tag, den ich jetzt lebe, ist also kostbar. Ich will sie nicht mit hektischen Aktivitäten vollstopfen, aber auch nicht verplempern. Welches ist das richtige Mass?

Ich weiss es ehrlich gesagt noch nicht. Man sagt ja den Pensionierten nach, dass sie keine Zeit mehr hätten. Und meine Mutter fragt jedes Mal am Telefon: Was machst du mit deiner ganzen Freizeit. (In den Augen meiner Mutter müsste ich immer etwas tun, wobei Gedichte schreiben nicht zu diesen «Tätigkeiten» zählt …).

Aber insgesamt komme ich besser zurecht. Am Anfang hatte ich noch das Gefühl, es sei nicht recht, dass ich jetzt einfach so nicht mehr arbeiten muss und Pension beziehe. Als würde ich mir etwas aneignen, was mir nicht zusteht. Ein bisschen geht es mir immer noch so. Gefühle sind manchmal komisch.

Die Freiheit geniessen

Andrerseits geniesse ich die Freiheit, die ich nun habe. Die Freiheit zu tun, was ich will. Ich habe gemerkt, dass dies auch einen Einfluss auf meine Geduld hat. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass mir die Zeit nicht reicht, um irgendetwas fertigzustellen. (Ich mache viele Handarbeiten).

Jetzt kann ich mich damit beschäftigen, mir so viel Zeit lassen, wie es eben dauert. Schön ist das, und befriedigend. Ich putze sogar wieder gern, weil ich mir dazu so viel Zeit lassen kann, wie es eben braucht. Ich habe das Gefühl, als ob die Tage sehr lang wären, irgendwie länger als früher. Vielleicht, weil ich sie so intensiv erlebe?

Ich bin jetzt dabei, mir Tätigkeiten zu suchen, die mich ein wenig unter Menschen bringen. Ich merke, das fehlt mir ein bisschen. Ich habe auch schon ein paar Ideen. Aber ich will es in Ruhe angehen. Nicht wieder alles verplanen. Aber mich auf Neues einlassen, das ja.

Anke Maggauer-Kirsche