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Der rechte Augenblick

Natürlich kenne ich sie, jene seltenen Momente, wo mich der blinde Eifer dazu verleitet, das Zimmer aufzuräumen, Ordnung ins Büro zu bringen, definitiv abzufahren mit dem alten Plunder. Doch diese Anfälle sorgen bald für neuen Kummer, spätestens wenn ich feststelle, dass ich die Unterlagen, die ich während Monaten umgelagert und nun endlich entsorgt habe, ausgerechnet jetzt wieder brauchen könnte. Hüte dich also vor unkontrollierten Mut-Anfällen!

Doch kenne ich noch andere Mut-Anfälle. Mit ihnen muss ich sorgfältig und pfleglich umgehen. Das geschieht dann, wenn ungeplant und spontan die Idee in mir hochkommt, auf einen bestimmten Menschen zuzugehen: ein Telefonanruf, ein kurzer Besuch, eine kleine Überraschung. Einfach so, unbekümmert, ohne langes Werweissen, ohne konkreten Anlass. Wie oft hat es sich nachträglich als richtig erwiesen, diesem Gedankenblitz zu folgen, einer solchen Intuition zu trauen, das Ungewohnte zu wagen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, über den eigenen Schatten zu springen.

In seiner Klosterregel mahnt der heilige Benedikt den Abt, er solle ein feines Gespür für den rechten Augenblick entwickeln, wenn es darum geht, einen Tadel anzubringen oder einen  Mitbruder zu ermutigen oder, so es denn sein muss, ihm mit einer Zurechtweisung auf die Sprünge zu helfen. Hängt es an der Konstellation der Sterne, am Raunen des Schutzengels, am Lächeln der Fortuna, wenn ein solches Wort zur rechten Zeit gut ankommt?

Vielleicht können wir sie sogar ein Stück weit erlernen, jene taktvolle Sensibilität, die mir zuflüstert, wann der rechte Augenblick da ist. Es sind glückhafte Momente, kleine Sternstunden, wenn mir eine solch unerwartete Begegnung zufällt oder wenn es mir gelingt, meinem Gegenüber freimütig das zu sagen, wozu ich vorher weder die Gelegenheit noch den Mut hatte. Schade, wenn aus dem rechten Augenblick eine verpasste Chance wird. Trau also deinen intuitiven Mut-Anfällen! Und gib acht, wie du die eine Art Mut-Anfall von den anderen unterscheidest.

Abt Peter von Sury OSB,
Kloster Mariastein

Freie Menschen

In meiner Erinnerung taucht ein Bild auf, das Bild eines Künstlers, dessen Namen ich nicht mehr weiss. Ein grosser, roter Hahn zieht den Blick der Betrachtenden auf sich. Der Bildhintergrund ist in dunklen Farben gemalt und erst beim näheren, längeren Hinschauen erkennt die Betrachterin, dass in der rechten, unteren Bildecke ein Mensch kauert. Eigentlich ist nur sein Gesicht zu sehen, das er in den Händen verbirgt. Dieser Mensch da in der linken unteren Bildecke weint bitterlich. Es ist Petrus, der den Hahn krähen hört und sich an die Worte seines Freundes Jesus erinnert: «Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. » (Markus-Evangelium 14,72)

Als ich jung war, sah ich in Petrus immer nur den Feigling. Er, der seinem Freund Treue versprochen hat, kuscht vor einer Magd, die ihn als Freund dieses Jesus erkennt. Erst später begann ich auch den Mut zu spüren, der in diesem Bild des weinenden Petrus zum Ausdruck kommt. Petrus erkennt sich in seiner Feigheit, bei der es immerhin um Leben und Tod ging, auch für ihn selbst. Petrus erkennt sich und er weint bitterlich. Über sich selbst weinen können braucht Mut, Selbsterkenntnis ist ein Mutanfall, der einem manchmal zum Weinen, aber hoffentlich hie und da auch zum Lächeln oder gar zu einem herzhaften Lachen bringt über sich selber. Manchmal wünschte ich mir einen Papst wie Petrus, der über sich weinen könnte und ebenso auch herzhaft lachen …

Mutige Menschen fallen nie vom Himmel. Man wird auch nicht mutig geboren. Mut wächst aus dem Leben heraus, wo ich es wage, aus dem engen Kreisen um mich selbst auszubrechen auf andere hin. Mut wächst, wo ich die Ängstlichkeit ablege, mich selbst zu verlieren, wo ich zu meinen Schwächen, Grenzen und Fehlern ebenso stehen kann wie zu meiner Brillanz, zumeinen Fähigkeiten und Talenten. Stellen Sie sich eine solche Welt vor, stellen Sie sich eine solche Kirche vor – wo die Menschen ihrem Bauchnabel adieu sagen und ihren Blick heben. Da begegnen sich Augen, da weitet sich die Sicht, der Atem wird tiefer, das Rückgrat gerade, da stehen freie Menschen, die etwas bewirken, die einander stärken, stützen, unterstützen. Äusserlichkeiten und Paragraphen werden unwichtig und der Geist wird lebendig. Menschen stehen ein für das Leben, für Würde und Respekt, für Gerechtigkeit und Frieden. Ich glaube, Mut hat immer mit  dem ersten Schritt zu tun, dem Schritt von sich weg dem «Grösseren » entgegen. Sie können es Gott nennen oder Leben…

Monika Schmid
Gemeindeleiterin Effretikon, Zürich
ehem. Sprecherin «Wort zum Sonntag»

 

Hätte

Hätte ich etwas sagen sollen?
Hätte ich etwas tun sollen?
Hätte ich nicht zuviel riskiert dabei?
Hätte ich mich nicht lächerlich gemacht?
Hätte ich mich da nicht in etwas hineingeritten?
Hätte ich da nicht den Chef brüskiert?
Hätte ich je wieder dorthin gehen können?
Hätte ich irgendwie reagieren sollen?
Hätte ich überhaupt eine Chance gehabt?
Hätte ich das ohne Hilfe geschafft?
Hätte man das nicht viel früher anpacken müssen?
Hätte es überhaupt eine Wirkung gehabt?
Hätte ich da vielleicht meine Stelle riskiert?
Hätte das nicht ein anderer tun müssen?
Hätte es da nicht eine Uniform gebraucht?
Hätte ich mich bemerkbar machen sollen?
Hätte ich da nicht mehr Zeit gebraucht?
Hätte ich einfach eingreifen müssen?
Hätte ich die Polizei benachrichtigen müssen?
Hätte ich sie zur Rede stellen müssen?
Hätte ich rufen müssen?
Hätte ich Hilfe holen müssen?
Hätte ich mich zuvorderst hinstellen müssen?
Hätte ich mich da nicht vorgedrängt?
Hätte ich mich da nicht –
Hätte ich da nicht –
Hätte ich nicht –
Hätte ich nur –
Hätte ich doch –
Hätte ich –

Franz Hohler