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Der ewige Traum der Mobilität

Was bewegt uns eigentlich, dass wir uns fort-bewegen? Die Kulturgeschichte der Menschheit ist ganz tief mit dem unzerstörbaren Wunsch verwoben, sich immer schneller, höher und weiter fortzubewegen.

Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger sagt es in einem Text zum kürzlich eröffneten NEAT-Basistunnel treffend: «Die Menschen wollen sich stets schneller bewegen und scheuen keine Innovation, um ihren Traum von Mobilität zu verwirklichen.» (1)

Es war das Militär
Die Menschen? Ein Blick in die Geschichte der Mobilität zeigt zwei Dinge überdeutlich: Es waren immer und überall Männer, die neue Fortbewegungsmittel erfanden. Und es war immer und überall das männerdominierte Militär, dass sich sofort dieser Erfindungen bemächtigte, um sie in der Kriegsführung einzusetzen, sei es der römische Streitwagen, das Schiff, das Auto oder das Flugzeug.

Wir können hier nicht die Mobilitätsgeschichte in ihrer ganzen Breite darstellen, sondern nähern uns dem Thema eher anekdotisch im Sinne von Wegmarken.

Jahrmillionen benützte der Mensch zur Fortbewegung seine Füsse. Sie waren und sind bis heute sein ureigenstes Fortbewegungsmittel und formen seine Schritte auf ganz verschiedene Weise: Schreiten, laufen rennen, huschen, schlurfen, marschieren, stolpern, hinken, sausen, hoppeln, eilen, schleichen – für kaum eine Bewegung kennt das Deutsche derart viele Ausdrucksweisen. Die Füsse, sie waren zu allen Zeiten das Fortbewegungsmittel der Armen. Die Wohlhabenden kannten schon früh die Sänfte, das Pferd, den Wagen oder die Kutsche.

Das Boot
Stand das Rad wirklich am Anfang der menschlichen Fortbewegungsgeschichte, wie es der Titel des Buches von Peter Kemper(2) nahelegt? Mit Sicherheit Nein, die Forscher streiten sich heute eher darüber, ob das Boot oder der Schlitten das erste Fahrzeug der Menschheit war.

Überreste des weltweit ältesten Bootes der Menschheit hat man im norddeutschen Husum ausgegraben. Zwischen 9000 und 8000 v. Chr. ist es datiert. Damals lauerten Rentierjäger auf kleinen, wendigen Booten Herden auf, wenn diese auf ihren jahreszeitlichen Wanderungen die Flüsse durchschwimmen mussten. Mit kleinen Rudeln solcher Boote konnte dann die Jägergruppe während der Durchzugszeit der Rentiere einen Fleischvorrat für lange Zeit anlegen.

Das Boot wurde immer weiter entwickelt, vom Fellboot über den Einbaum bis zu Fischer-, Fähr- und Lastenbooten aus Holzplanken mit flachem Boden. Als in der Bronzezeit (um 2000 v.Chr.) der Fernhandel mit Metallen stark zunahm, wurde das Boot zum bevorzugten Verkehrsmittel für den Güterfernverkehr auf den europäischen Wasserstrassen. Für kurze Wege auf dem Land kam dann um 3000 v. Chr. der – zuerst von Rindern gezogene – vierrädrige Wagen auf.

Die Schlitten der Ägypter
Auch bei den alten Ägyptern mit ihrem klar abgegrenzten Lebensraum – das Niltal mit dem Meer im Norden, der Wüste im Westen, das Gebirge im Osten und der erste Katarakt im Süden – hatte der Schiffsverkehr als Fernverbindungssystem eine überragende wirtschaftliche Bedeutung. Das zeigen Bilder und Texte von 3000 v. Chr.

Den alten Ägyptern war das Rad zwar auch bekannt. Aber in pharaonischer Zeit wurden vierrädrige Wagen nur bei Bestattungszeremonien und zum Transport von Särgen eingesetzt, nicht für Schwerlastentransporte.

Für die wenigen Transportstrecken, die nicht zu Schiff bewältigt wurden, setzten die Ägypter offenbar Schlitten mit Kufen ein, die auf präparierten Rampen bewegt wurden. So ist zum Beispiel sicher, dass für den Transport der Millionen tonnenschweren Kalkstein- und Granitblöcke für den Bau der Cheopspyramide vom Steinbruch zum Nilufer und vom Nilufer zur Baustelle Schlitten verwendet wurden. Das bestätigen auch die detailgetreuen Darstellungen von Schwerlasttransporten in Grabbildern.

Das Rad
Das Rad stand – wie gesagt – nicht am Anfang der menschlichen Fortbewegung. Aber es war mit Sicherheit die grösste Erfindung des Menschen. Denn ohne das Rad gäbe es alle anderen Fortbewegungsmittel wie Kutsche, Fahrrad, Schaufeldampfer, Eisenbahn und Flugzeug nicht. Es wäre überhaupt die ganze menschliche Entwicklung hin zur Industrialisierung nicht möglich gewesen. «Nehmen Sie uns das Rad – und wenig wird übrigbleiben. Es verschwindet alles», schrieb schon 1883 der Physiker Ernst Mach.

Wir wissen weder, wer das Rad «erfand», noch wo es erfunden wurde. Die ersten indirekten Zeugnisse sind Wagendarstellungen auf Bilderschrifttafeln im frühsumerischen Mesopotamien des 4. Jahrtausends v. Chr. Es handelt sich meistens um Götterwagenszenen.

Wir wissen nur, dass um 3000 v. Chr. Bauern der Jungsteinzeit vierrädrige Ochsenwagen für den Transport der Ernte und von Waren verwendeten. Erste direkte Wagenbelege hat man dafür in nordwesteuropäischen Hochmooren und im Süden Russlands gefunden.

Die Speichenräder der Römer
Die ersten Räder bestanden nur aus einer Scheibe mit einer festen Buchse, eine Vorgängerin der Radnabe. Später gab es mehrteilige Scheibenräder, dann – zusammenfallend mit der Domestikation des Pferdes – um 2000 v. Chr. das Vierspeichenrad in Kleinasien, das schon bald ausschliesslich für zweirädrige Streitwagen gebraucht wurde. Dieses Rad findet mit sechs, acht, zehn oder mehr Speichen Eingang in viele altweltliche Kulturen, immer in Verbindung mit dem klassischen Streitwagen.

Erst in römischer Kaiserzeit werden Speichenräder auch bei Nutzfahrzeugen eingebaut. Diese zirkulierten dann in grosser Zahl auf dem gewaltigen Strassensystem der Römer, das das gesamte Reich von Grossbritannien bis Syrien und Ägypten mit rund 100’000 km wie ein Netz überzog.

Das Dampfschiff und die Dampfeisenbahn
Bequemes Reisen – etwa in der Kutsche oder auf dem Pferd – war das ganze Mittelalter hindurch bis ins 19. Jahrhundert hinein nur Herrschenden, Reichen, Militärs und Händlern vorbehalten.

Das Gros der Reisenden bestand jedoch durch die Jahrhunderte hindurch aus Mittellosen (Handwerker, Studenten, Landstreicher und vor allem auch Pilger), die sich auf ihren Füssen bewegten und darum auf gutes Schuhwerk angewiesen waren. Sie legten pro Tag vielleicht 25 – 30 km zurück.

Erst das 19. Jahrhundert – das Zeitalter der Industrialisierung – brachte mit einer ganzen Reihe von Erfindungen eine «Demokratisierung und Proletarisierung der Reisens»: Da war einerseits das Dampfschiff und die Dampfeisenbahn.

Als Erfinder und Erbauer der ersten betriebsbereiten Dampflokomotive gilt der Engländer George Stephenson. Er konstruierte die erste Dampfeisenbahn für die Strecke zwischen Stockton und Darlington, die am 27. September 1825 in Betrieb ging. Bereits 20 Jahre früher, im September 1807, hatte der Amerikaner Robert Fulton mit dem Schaufeldampfer Steamboat den regelmässigen Schiffsverkehr auf dem Hudson River zwischen New York und Albany eröffnet. Und am 10. Januar 1863 nahm in London – bis 1905 allerdings noch mit Dampfloks betrieben – die «Metropolitan Railway Company» die erste U-Bahn-Strecke in Betrieb, die von Beginn weg einen immensen Erfolg hatte.

Das Auto
Während Eisenbahn und Dampfschiff die Mobilität demokratisierten, individualisierte sie das Auto. Natürlich versuchte man schon früh im 19. Jahrhundert, «Auto-Mobile» mit Dampfmaschinen anzutreiben. Doch diese erwiesen sich als zu träge und zu schwer. Bahnbrechend war dann die Erfindung des Viertaktmotors durch den Kölner Kaufmann Nikolaus August Otto 1876.

Gottlieb Daimler erkannte die Bedeutung des Otto-Motors für die allgemeine Motorisierung der Verkehrsmittel und beauftragte seinen Mitarbeiter Wilhelm Maybach mit der Entwicklung eines leichteren, aber leistungsfähigeren Motors. Der Motor wurde auf ein Zweirad gebaut, mit dem Maybach im November 1885 eine erste Ausfahrt machte.

Jetzt kam Karl Benz, ein begeisterter Radfahrer ins Spiel. Auch er suchte für ein leichtes Strassenfahrzeug einen geeigneten Motor, den es 1884 noch nicht gab. Er wusste auch nichts von den Arbeiten Daimlers und baute seinen Viertaktmotor in ein Dreirad ein. Am 3. Juli 1886 unternahm Benz mit seinem Patent-Motorwagen auf der Ringstrasse in Mannheim seine erste Ausfahrt. Das war die Geburtsstunde des ersten, mit Benzin betriebenen Motorwagens.

Lange Zeit konnten sich nur Wohlhabende ein Auto leisten. Erst der Amerikaner Henry Ford baute mit dem Model T ab 1908 einen Wagen, den sich (fast) jeder leisten konnte.

Fahrrad/Velo …
Es gäbe noch vieles zu erzählen über die Geschichte der menschlichen Fortbewegung; zum Beispiel die abenteuerliche Entwicklung des ersten Motorflugzeuges durch die Gebrüder Wright (Erstflug am 17. 12.1903); die Aera der Zeppelin-Luftschiffe von 1900 – 1940 oder die 50 Milliarden Euro teure Apollo-Mondlandungs-Mission. Am 21. Juli 1969 betrat Neil Amstrong als erster Mensch mit der Apollo 11 den Mond, mit der die Amerikaner gegenüber den Russen ihre technologische Führungsrolle beweisen wollten.

Ein Verkehrsmittel darf bei unserer Aufzählung nicht fehlen: das Fahrrad. Es ist genial in seiner Kraftübertragung, hat ein unerreichtes Design und kann mit Menschenkraft betrieben werden.

… ökologisches Fortbewegungsmittel
Das Fahrrad, in der Schweiz Velo, steht am Anfang der modernen Fahrzeuggeschichte. Es hat seine unverändert hohe Popularität bewahrt und gilt als das ökologische Fortbewegungsmittel per se.

Am Anfang seiner Entwicklung steht Forstinspektor Carl von Drais, der nach einer leichten und reibungsarmen «Fahrmaschine» suchte. 1817 erfand er seine berühmte Laufmaschine, später Draisine genannt, den Urahn aller Fahrräder. Die Genialität seines Fahrzeuges, eigentlich eine halbierte Kutsche, bestand darin, dass er ein lenkbares Vorderrad einplante. Nur so nämlich gelang es ihm, auf der Draisine das Gleichgewicht zu halten.

Dann folgten sich die Verbesserungen Schlag auf Schlag: 1861 versah der lothringische Wagenbauer Pierre Michaux das Vorderrad mit einer Pedale und baute die erste Fahrradfabrik der Welt. 1869 stellt die deutsche Firma Meyer & Cie. erstmals ein Fahrrad mit Hinterantrieb mit Kette und zwischen den Rädern liegenden Kurbeln vor. Um 1885 wurde der Diamantrahmen entwickelt, der sich als günstigste Form durchgesetzt hat. 1887 baute der irische Tierarzt John Boyd Dunlop einen luftgefederten Reifen in ein Fahrrad ein. Genau in den Jahren, wo Gottlieb Daimler und Karl Benz ihre ersten Motorwagen präsentierten, fand also das Velo seine bis heute bewährte Form und Ausstattung.

Beat Baumgartner

(1) http://www.moritzleuenberger.net/texte/der-teufel-am-gotthard/

(2) «Am Anfang war das Rad – die Geschichte der menschlichen Fortbewegung» von Peter Kemper, 1997


Mobilität in der Schweiz
Gemäss den aktuellsten Daten des eidgenössischen Microzensus Mobilität und Verkehr von 2010 legen die Einwohner der Schweiz durchschnittlich 20‘500 km pro Jahr im In- und Ausland zurück, davon fast die Hälfte mit Auto oder Motorrad, einen Viertel mit dem Flugzeug, 20% mit Bus oder Bahn und nur etwa 4% zu Fuss oder mit dem Velo.

Zwei Drittel der 20‘500 km betreffen die Alltagsmobilität, einen Viertel Reisen mit Übernachtungen, der Rest sind Tagesreisen. Im Durchschnitt fährt ein Schweizer pro Tag 37 km und zwar rund 15 km in der Freizeit, 9 km zur Arbeit und zurück sowie 5 km zum Einkaufen. Er benötigt dafür ohne Warte- und Umsteigezeiten etwa 83 Minuten.

Quelle: http://www.portal-stat.admin.ch/mz10/files/de/00.xml

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