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Berührende und berührte Musik

Musik-gehör: das Wort nennt gleich das wichtigste Organ, mit welchem wir von Musik erreicht werden und Musik in uns aufnehmen. Menschen, die das Gehör verlieren oder nie gehabt haben, sind dadurch weitgehend (nicht ganz) vom Musikerlebnis ausgeschlossen.

Umso tragischer, wenn es Menschen trifft, die vorher selber Musik gespielt und gehört haben, oder gar, wie Beethoven, unvergängliche Musik für ungezählte Menschen geschaffen haben – die sie zum Teil nicht einmal mehr selber hören konnten.

Dennoch ist Musik-gehör ein zu kleines und zu schmales Wort, weil Musik noch auf ganz anderen Wegen zu uns kommt und auch in uns noch mit andern Sinnen aufgenommen wird.

«Singt mit froher Stimm …!»

So viele Musikinstrumente es auch geben mag, Streich- und Blasinstrumente, Schlagzeug und Orgel, noch näher und ohne äussere technische Mittel besitzen und benützen fast alle Menschen ein noch näheres und noch eigeneres Instrument: die eigene Stimme.
Nicht nur die berühmten Sänger, die Tenöre und die Soprane mit Weltruf, sondern schon das sich wohl fühlende Kind oder der gut gelaunte Arbeiter, der auf dem Heimweg vor sich hin pfeift; oder in meinem Heimatdorf der behäbige Bauer, den wir im Schlafzimmer unten auf der Strasse vorbeigehen hörten, wenn er die Milch in die Milchhütte trug und dabei nachsummte, was er am Abend zuvor in der Kirchenchorprobe gesungen hatte.

Instrumente

Dann aber stehen den musizierenden Menschen so viele Instrumente zur Verfügung: die Tasten des Klaviers, die Ventile einer Trompete, die Saiten einer Geige oder eines Cellos, die Becken der Pauke oder die Metallstäbe eines Schlagzeuges usw.

Und noch vor den grossen Formationen einer Musikband oder eines Orchesters gibt es die kleine Formation: das Solospiel einer Geigerin, das achtsame Zusammenspiel zwischen einem Sänger und seinem Begleiter (der etwa bei Schubert weit mehr spielt als nur eine stützende parallele Melodie, sondern oft eine eigenständige und streitbare Gegenstimme). Es macht den Reiz der Kammermusik aus, wenn man das Zusammenspiel eines Trios nicht nur hört, sondern auch sieht, wenn etwa der Pianist Menachem Pressler seine Kollegen vom Beaux Arts Trio hinter dem Flügel hervor gleichsam noch von hinten einzuladen und anzusprechen vermag.

Und wenn erst gar ein ganzer Chor mit vielen Sängern und Sängerinnen sich zusammenfindet und zusammenfügt zu einem dramatischen Körper, der sich gegenseitig mitnimmt oder auch widerstreitet und erst so in einen Schlussakkord zusammenmündet …

Schliesslich die Grossform der Musik: das «Gesamtkunstwerk» Oper, bei dem die Personen nicht nur je für sich singen, sondern ihre Gefühle und Handlungen in leidenschaftlichen oder verhalten-seligen Arien, Duetten und Ensembles austragen. Im «Orfeo» von Monteverdi, einer der frühesten Opern der europäischen Musikgeschichte, in Mozarts «Hochzeit des Figaro» oder in den grossen Musikdramen von Richard Wagner wie «Meistersinger» oder «Tannhäuser»: da kommt dem Hörer so viel entgegen, dass er die Stimmen und die Bilder ebenso wenig zu umfassen vermag wie Winkelried die Speere.

Die Anfänge dieser «totalen» Musik liegen noch weit früher im griechischen Theater, das ja auch Chorgesänge und Instrumente wie Leier und Flöte kannte. Auch damals war Musik eine Generalmobilmachung von Sängern, Chor, Tänzerinnen und Tänzern.

«Ich bin ganz Ohr?»

Wenn Musik so vielgestaltig, buchstäblich viel-saitig auf uns zukommt und wie in Meereswellen an unser Gehör heranbrandet, dann sind wir auch als Hörer noch mit allen andern Sinnen angesprochen und angerührt. Zwar mag es uns ankommen, die Augen zu schliessen, wenn wir in der unaufgeräumten Wohnung doch eine kurze Zeit der Stille und des Musikhörens einschalten wollen.

Wo aber Musik live aufgeführt wird, machen wir doch eher die Augen auf: Gesicht und Gebärden spielen mit, wenn ein Sänger oder eine Sängerin Lieder von Schubert singt, wenn ein Pianist konzentriert und doch geübt sicher eine Klaviersonate von Beethoven spielt, wenn eine Cellistin ihr Instrument so in den Händen und zwischen den Knien hält, dass es beinahe ohne Übergang ihren ganzen Körper als Klangkörper einbezieht und mitschwingen lässt.

Genau so sehen und hören wir dann der Musik auch zu: Sie rieselt durch unser Herz und kribbelt uns im Bauch, sie läuft uns erschauernd den Rücken herunter und sie begleitet etwa die Liebenden in ihrer Umarmung. So wie die Musik schon ein ganzmenschliches Geschehen ist bei den Musizierenden, so ist sie es auch bei den Hörern und Hörerinnen. Sie fällt zwar durch das Einfallstor des Gehörs in uns ein, sie erreicht uns aber auch über das zuschauende und mitgehende Auge, sie fährt uns rhythmisch in die Knochen und streichelt uns zärtlich die Haut. Sie spannt und zerreisst uns in einer schmerzlichen Disharmonie, bevor sie uns erlösend in einen festlichen Schlussakkord entlässt: etwa im «Deutschen Requiem» von Brahms in der Chorfuge «Tod wo ist dein Stachel … wo ist dein Sieg?!»

Begreiflich, dass uns solches Musizieren und solches Musikhören gleichsam alle andern Dinge, Werkzeuge und Schreibzeuge aus den Händen nimmt und sie fallen oder ablegen heisst: «Jetzt hör mir zu – und sonst nichts!», so dass Begleit- oder Hintergrundmusik zur Arbeit gar nicht das ganze menschliche Musikerlebnis sein kann. «Ich bin ganz Ohr» – und im Moment nichts anderes.

Beispiele berührender Musik

Natürlich müsste ich einem solchen Aufsatz eine CD beilegen können, die nicht nur Hörerinnerungen und -erlebnisse beschreibt, sondern an ihnen Anteil und Mithören gibt. Und es wäre wohl bei jeder Musikhörerin und bei jedem Musikhörer mehr als nur eine einzige CD. Und noch lieber nähmen wir einander in solche unmittelbare Musikerlebnisse hinein mit. In Erinnerung geblieben sind mir aber einige frühe oder spätere Musikerlebnisse.

Als ich das erste Mal Beethovens «Pastorale» am Radio hörte, übertragen aus der Tonhalle in Zürich, unter dem späten Furtwängler (ungefähr 1948): «Erwachen dankbarer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande» … dieser erste Satz nahm mich schwingend und wiegend hinein in eine weite Landschaft und liess mich schweben mit fliegender Leichtigkeit … Und noch immer sehe ich mich bei dieser Musik zu Hause vor dem Radio sitzend, und wie zum ersten Mal und immer neu und unerschöpflich angerührt. Viel später, nachdem ich die intime Form des Liederabends schätzen gelernt hatte, wuchs auch das Verstehen des Liedes: der dramatische Wechsel in Mahlers «Kindertotenlied»: «In diesem Wetter, in diesem Braus», erst der zerreissende Schmerz «… man hat sie getragen hinaus …» – dann der überraschende Wechsel nach einer langen Pause in die tröstlichen Zeilen «… sie ruhen als wie in der Mutter Haus …» die Abdunkelung des Konzertsaals lässt einem auch ohne Abwehr die Tränen kommen.

Die Kunstform des Themas mit Variationen lässt einem immer neu eine Zeit-, Welt- und Gefühlsreise machen, auf die einem der Komponist mitnimmt. Beethoven entführt einem in der letzten Klaviersonate op. 111 in der Arietta, dem zweiten Satz, durch alle Höhen und Tiefen, in Abstürze und Aufschwünge, bis über dem Hörer – fast meint man über dem ganzen Konzertsaal und -haus – der Himmel sich auftut und die Melodie entschwebt und in unendlichen Sphären verklingt …

Der Pianist und die Hörer brauchen nachher oft mehrere lange und stillste Sekunden, bis sie zurückfinden und wieder «landen» … Oft täte man es lieber mit einem andern Dankeszeichen als dem anerkennenden Applaus. Ich habe nach solchen Musikabenden schon Freunde oder Freundinnen angetroffen, und sie einfach umarmen müssen, wir hatten dafür keine Worte mehr.

Opern

Schliesslich noch eine Opernerinnerung: Am Anfang des 2. Aktes von Beethovens «Fidelio» erkennt man ja erst allmählich im Halbdunkel den gefesselten Florestan, der wegen seines Mutes vom Tyrannen in den Kerker geworfen wurde. Vorher aber singt und schreit Florestan seine Not in die Gewölbe hinauf: «Gott, welch Dunkel hier, welch grauenvolle Stille …» dann erinnert er an seinen Weg, der ihm diese Gefangenschaft und den Tod eingetragen hat: «Wahrheit wagt ich kühn zu sagen, und die Ketten sind mein Lohn!». Dann aber eröffnet sich dem Hungernden und Dürstenden und Sterbenden eine Vision: «Ich seh wie ein Engel, Leonoren der Gattin so gleich, der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich …». Eine Vision, in die er erst entrückt wird, dann aber umso härter auf den Boden des Kerkers zurückfällt.

Ob jetzt der Regisseur das Bild und die Szene noch aktualisiert oder nicht, dass hier nicht nur eine Liebesgeschichte aus Spanien erzählt wird, sondern dass hier alle Gefangenschaften der Geschichte miterlitten werden, dass alle Hoffnungen und alle Sehnsucht nach Freiheit und Licht mitersehnt werden: Das geht jedem Betrachter und jeder Hörerin nahe, das rührt schmerzlich und mitfühlend und mithoffend an.

Auch in der Oper müssen wir uns gedulden, bis der Befreier mit dem siegreichen Trompetensignal angekündigt und mit dem Auftritt des gerechten Ministers gegenwärtig wird: «Es sucht der Bruder seine Brüder, und kann er helfen, hilft er gern.»

Berührt und mitgenommen

Es wird vielleicht den Lesern jetzt auch so gehen wie es jeweils mir geht. Ich muss mich erst zurück- Zum Chinesischen Neujahr 2006 gastiert das China Traditional Orchestra Zhejiang zum ersten Mal in der Schweiz. finden, so weit hinaus und doch so nahe heran haben mich solche Musikerlebnisse berührt, mitgenommen, und eigenen menschlichen und menschheitlichen Erfahrungen nahe gebracht. Freunde haben mich schon geneckt, wenn und weil ich auch erst dann den Schnauf wieder fand.

Aber so ganz zurück und heraus aus dieser berührenden und berührten Verbundenheit sollen wir ja gar nicht mehr geraten. Berührende Musik, berührt werden, berührt-bleiben.

Dietrich Wiederkehr