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Schweizer Kapuziner-Provinz

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Empfangt den Heiligen Geist
Die biblischen Bilder erklären, was geschieht, wenn der Auferstandene die, die er senden wird, anhaucht und spricht: „Empfangt den Hl. Geist!“ (Raphael Grolimund, 30. Mai 2020)
Glauben in Christus – Leben in Gott
Der Auferstehungsglaube umfasst unsere ganze Lebensbestimmung im Hier und Jetzt und im Dasein nach dem Tod. (Raphael Grolimund, 23. Mai 2020)
Seid gewiss: Ich bin bei euch
Jene, die seinen Namen tragen, sollen sein Werk fortführen. Aber ist das nicht eine zu grosse Aufgabe für sie? (Raphael Grolimund, 20. Mai 2020)
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Pfingsten und Ostern bilden eine Einheit. Sie gehören zusammen, auch wenn sie sieben Wochen auseinanderliegen. Das wird am Pfingstfest durch die Wahl des Evangeliums betont. Es ist ein Osterbericht mit pfingstlichem Geschehen.

Jesus tritt in ihre Mitte und spricht den Friedensgruss. Darauf sagt er zu ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Und er haucht sie an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ „Anhauchen“ ist das Wort, mit dem die Erschaffung und Belebung Adams beschrieben wird: „Gott formte den Menschen und blies in seine Nase den Lebensatem ein.“ (Gen 2,7) Ohne den Atem des Schöpfers gibt es kein Leben. Psalm 104 hält fest: „Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Sendest du deinen Geist aus, so werden sie erschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ Die biblischen Bilder erklären, was geschieht, wenn der Auferstandene die, die er senden wird, anhaucht und spricht: „Empfangt den Hl. Geist!“

Mit dem Tod Jesu hatten die Jünger und Jüngerinnen alles verloren. Ihre ganze Hoffnung war gestorben. Sie selbst lagen in Schockstarre. Selbst am Ostermorgen sind sie immer noch benommen. Sie müssen reanimiert und neu belebt werden. Der Auferstandene tut es an ihnen. Er haucht ihnen das Leben des Heiligen Geistes ein, und zwar nicht nur für sie selber, sondern für alle, denen durch ihren Dienst Vergebung werden soll. Der Auferstandene beauftragt sie zum Heilsdienst: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Jesu Sendung beinhaltet Heil und Rettung. Das hat er mit seinem Wort ausgedrückt: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ (Jo 3,17) In Jesus Christus streckt der menschenfreundliche Gott allen Menschen seine Hand entgegen, zur Rettung und zum Heil. Er sendet seinen Heiligen Geist aus, damit die Darniederliegenden aufgerichtet werden, die Notleidenden Hilfe erfahren, die Hoffnungslosen Leben empfangen.

Die Sendung Christi ist die Sendung der Kirche. Nichts anderes. Alle in der Kirche müssen diese Sendung erkennen. Verwirklichen können wir sie nur durch die Kraft des Heiligen Geistes.- Komm, Heiliger Geist. Belebe deine Kirche, du, Atem Gottes.

(Evangelium: Johannes 20,19-23)

Grundlage der ersten christlichen Gemeinden war ein gemeinsames Credo, eine klar gesetzte Glaubenserklärung. Diese konnte von Gemeinde zu Gemeinde verschieden formuliert sein. Sie musste nicht umfassend sein, sondern kurz und verständlich. Im Kreis des Evangelisten Johannes konnte sie gut so lauten, wie es das heutige Evangelium sagt: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“

Den Ausdruck  „ewiges Leben“ bringen wir meist sofort mit dem Jenseits in Verbindung, mit dem Leben nach dem Tod. Gewiss begründet die Auferstehung Christi unsere Auferstehung von den Toten. Paulus schreibt darüber ein ganzes Kapitel im ersten Korintherbrief. Aber der gleiche Paulus schreibt auch, dass wir schon auf Erden als auferstandene Menschen leben sollen. „Wie Christus von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“ (Röm 6,4) Der Auferstehungsglaube umfasst unsere ganze Lebensbestimmung im Hier und Jetzt und im Dasein nach dem Tod. Als „Auferstandene“ leben heisst: Erfüllt sein vom Glauben an den Gott des Lebens; hoffnungsfroh und bereit Christus nachfolgen, und den Nächsten in Liebe zugewandt die Zeit gestalten.

Das Wort „ewig“ wird verschieden verwendet; je nachdem verschiebt sich der Sinn. Dem Wort „zeitlich“ gegenübergestellt bedeutet „ewig“ nie endend. Ewiges Leben nur in diesem Sinn wäre eine skurrile Angelegenheit. Im religiösen Sinn wird „ewig“ gerne mit dem Jenseits verbunden. Was immer man sich darunter vorstellt, das ist zu wenig. Der biblische und theologische Sinn ist viel umfassender und zugleich präziser. „Ewiges Leben“ bedeutet Leben in Gottesgemeinschaft; leben in seiner Gegenwart sowohl auf Erden wie nach dem Tod. Die Gottesgemeinschaft ist der entscheidende Inhalt. Durch den Glauben ist Christus – und mit ihm Gott – schon jetzt „unser Leben“, hier in der Gegenwart noch verborgen, aber durch uns bezeugt (wie gut? ist eine andere Frage), doch eindeutig offenbar bei unserem endgültigen (ewigen) Ankommen in IHM.

Pfingsten ist nahe. Wir bitten um den Hl. Geist. Der Geist der Wahrheit lasse uns den einzigen wahren Gott erkennen und Jesus Christus. Das ist das wahre Leben.

(7. Ostersonntag. Evangelium: Johannes 17,1-11a)

„Die Elf gehen nach Galiläa auf den Berg.“ Dort erscheint ihnen der Auferstandene ein letztes Mal. Damit vollendet sich die Jesusgeschichte nach Matthäus. Galiläa ist mehr als eine Ortsangabe. Es bildet bei Matthäus den ideellen Rahmen der Jesusgeschichte. In Galiläa hat alles begonnen. Da hat es nach Jesaja geheissen: „Die dort im Dunkel wohnen, sehen ein helles Licht.“ Dieses Licht erglänzt jetzt mit voller Kraft bei der Erscheinung des auferstandenen und erhöhten Christus auf dem Berg.

Der Berg ist namenlos, weil er alle biblischen Berge, auf denen Gott erschienen ist, einschliesst. Auf dem Berg Sinai hat Gott einst dem Volk Israel sein Wort gegeben, das Grundgesetz, das Gebot der Liebe und der Verantwortung füreinander. Die Entsprechung im Neuen Testament ist das Wort, das Jesus auf dem Berg in Galiläa den Seinen gibt, die Bergpredigt. Diese beginnt mit den Seligpreisungen: Den Armen Gerechtigkeit und Hilfe, den Trauernden Mitgefühl und Trost, den Barmherzigen Erbarmen, den Friedenstiftern Versöhnung und Frieden,  den Verfolgten Rettung im Reich Gottes. Das war und ist Jesu Lebensprogramm und Lebenswerk.

Jene, die seinen Namen tragen, sollen sein Werk fortführen. Er sendet sie zu allen Völkern als Zeugen für Gottes Reich. Aber ist das nicht eine zu grosse Aufgabe für sie?-  Eine Legende erzählt, wie die Engel den zum Himmel fahrenden Christus fragen: Was wird aus deinem Werk, wenn du es Menschen überlässt? Welchen Plan hast du, wenn sie versagen? Die Engel wissen schon, warum sie so fragen. Sie kennen die Geschichte des biblischen Volkes im Alten Bund. Diese erzählt von Glauben und Unglauben, von Befreiung und Untergang. Die Engel ahnen voraus, was das Volk im neuen Bund, die Kirche, alles anstellen wird. Es sind nur Menschen. Auch bei uns geht es auf und ab und auseinander mit Streit und Spaltungen. Die Engel könnten vieles aufdecken. Sie fragen nochmals: Welchen Plan hast du, wenn sie versagen? Christus antwortet ihnen: Ich habe keinen andern Plan. Mein Wort muss genügen. Mein Name ist Immanuel, „Gott mit uns“. Das steht am Anfang bei Matthäus. Und mit dem letzten Wort bei Matthäus sage ich: „Ich bin bei euch, seid gewiss.“ Das soll ihnen klar machen, was zu tun ist. Das soll sie leiten und stärken.

Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern und beteuert sofort: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“ Waisen tragen ein schweres Los. Sie sind verlassen, ausgesetzt, hilflos und jeder Geborgenheit beraubt. Leider müssen wir in unserer Zeit unzählige Kriegswaisen beklagen. Wir können nur wünschen und helfen, dass sie rasch menschlichen Anschluss bekommen.

Die Pandemie hat uns harte Einschränkungen auferlegt. Manche Menschen leiden unter Vereinsamung. Auch sie sind zu Waisen geworden. Betroffen sind gerade auch kirchlich gesinnte Menschen. Seit zwei Monaten sind die öffentlichen Gottesdienste eingestellt. Das kirchliche Tun und Handeln ist zurückgefahren. Wie sollen die Gläubigen unter diesen Umständen die Kirche noch als Gemeinschaft erfahren? Der Weg über die digitalen Medien ist eine ungenügende Nothilfe. Um Gemeinschaft zu erleben braucht es die konkrete Versammlung und Begegnung, das Wort Gottes und das gemeinsame Gebet. Das alles ist zusammengefasst in der Feier der Eucharistie. Hoffentlich führt das lange Fehlen nicht zum Vergessen, und nicht dazu, dass die Kirche selber eine Waise wird. Nein, das wird sie nicht! Denn Jesus hat sein Wort gegeben „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück“. Und auch das andere Wort hat er gegeben: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Wir nehmen ihn beim Wort und sagen: Ja, lass uns nicht verwaist und deine Kirche nicht ein Waisenhaus sein! Sondern schenke ihr deine Gegenwart, wie du versprochen hast: „Ihr seid in mir, und ich bin in euch.“ Lass uns den Beistand vom Vater erfahren, der die Kirche erfüllt und zu dem macht, was sie in und mit dir ist: eine Gemeinschaft von Glaubenden, eine Gemeinschaft von Hoffenden und eine Gemeinschaft, die aus der Kraft deiner Liebe lebt und bezeugt, dass dein Vater ein Helfer ist, der den Unterdrückten und Waisen ihr Recht verschafft. (Ps 10)

(6. Sonntag in der Osterzeit, Evangelium: Johannes 14,15-21)

 

 

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Aber tatsächlich löst die Abschiedsrede Jesu bei denen, die ihm während Jahren gefolgt sind, Verwirrung aus. „Wir wissen nicht wohin du gehst.“ Wie soll es weitergehen ohne dich? Jesus beruhigt: „Glaubt an Gott und glaubt an mich. Ich werde wiederkommen.“ Sie glauben. Aber was haben sie in Händen? Die Situation dieser Ersten ist die Situation aller Späteren. Sein Wort ist uns gegeben, aber er selber ist uns genommen. Wer wird da nicht angefochten? Gerade in einer Zeit wie heute. Da bedrängt mich die Frage, die der Psalm 42 stellt: „Sie sagen zu mir: Wo ist nun dein Gott?“ Der Psalmbeter ermutigt sich selber und sagt zu sich: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott, dem ich vertraue.“ Ich halte mich an dem fest, was ich von ihm habe. Es ist sein Wort. Er hat es gegeben, er muss dafür garantieren. „Lasst euch nicht verwirren! Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Und er fährt fort: „Den Weg, den ich gehe, kennt ihr.“ Thomas reagiert spontan: „Wie sollen wir den Weg kennen?“ Mit dieser Frage holt er aus Jesus das Wort heraus, das für das ganze Evangelium steht und alles enthält: „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Mein menschlicher Lebensweg geht auf und ab. Ich verliere zeitweise die Orientierung oder vielleicht sogar den Sinn. Ich muss von mir loskommen, damit ich hören kann: Es gibt einen Weg für mich. „Er ist der Weg.“ Er zeigt nicht bloss den Weg, sondern er ist selber der wahre Weg zum Leben. Jesus Christus ist in zweifacher Richtung der Weg, Erstens ist er der Weg Gottes zu uns. In ihm zeigt uns Gott sein Gesicht und kommt zu uns. Das Evangelium erzählt, wie alle Menschen durch Jesus Gottes Güte erfahren. Zweitens ist er unser Weg zu Gott. Wie könnte der Mensch sonst zu Gott gelangen? Zu Mose sprach Gott: „Kein Mensch kann mich schauen und am Leben bleiben.“ (Ex 33,20) Das tönt bedrohlich. Jesus zeigt uns einen Gott, der zugänglich ist. Er, durch den Gott zu uns kommt, ist unser Weg zu Gott. Durch Jesus gelangen wir zum „Haus des Vaters“.  Alle Lebenswege können einmünden in den einen Weg, der in Wahrheit zum Leben führt und bei Gott ankommt.

(5. Sonntag in der Osterzeit, Evangelium: Johannes 14,1-12)

4. Sonntag in der Osterzeit. Evangelium: Johannes 10,1-10.

Jesus Christus: Hirt und Tür.

Diese beiden biblischen Bilder veranschaulichen, was Jesus ist und was er bedeutet für die, die ihm folgen. Der Hirt ist mir vertraut aus dem Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.“ Ähnlich formuliert der Prophet Jesaja (40,11): „Seht Gott! Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm trägt er die Lämmer.“

Wie gut ist es für mich, wenn ich gerade in Krisenzeiten glauben kann, das Gott mich trägt, und dass er sein ganzes Volk behutsam durch die Tür ein- und ausführt. Das gibt mir Sicherheit und Wachsamkeit gegenüber den Dieben und Räubern, die nicht durch die Tür sondern anderswo eindringen. Jesus meint mit ihnen wohl seine pharisäischen Gegner und die Schriftgelehrten, die den Menschen „Lasten aufbürden“ und sie bestehlen.

Was meint Jesus heute? Bestimmt gibt es heute nicht weniger Eindringlinge, die die Menschen vereinnahmen, beherrschen und ausnehmen. Wie bin ich froh, durch den Glauben einen vertrauten Weg zu sehen und verbunden mit meinen Lebenswurzeln einen gewissen Stand zu spüren. Ich danke dafür, dass ich beten kann: „Der Herr ist mein Hirt“.

Hirt und Tür stehen miteinander in enger Beziehung. Durch die Tür tritt zuerst allein der Hirt, der die Verantwortung und den Schutz wahrnimmt für alle, die ein- und ausgehen werden. Die Tür ist ein beliebtes Bild im Ersten Testament. In der Nacht von Ägypten bestrichen die Israeliten ihre Türpfosten mit Blut. Das war das Zeichen für ihre Rettung. Eine einmalig hohe Bedeutung hat die Tür dort, wo es heisst: „Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“ Die letzte und höchste Steigerung ist das „Ich bin“-Wort Jesu: Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“

Die Tür ist mehr als ein blosser Durchgang. An ihr ist die Schwelle, die einen grossen Schritt, eine persönliche Entscheidung verlangt, den Glauben. Wenn ich diesen Schritt mache, dann finde ich mich drinnen, ich gehöre zum Haus, zu Christus, zu allen, die hier beheimatet sind und ein- und ausgehen. Als Kirche, als Gottes Volk, haben wir das zu bezeugen und den Zugang ins Haus hinein, zum „Leben in Fülle“ zu vermitteln.

3. Sonntag in der Osterzeit – Evangelium: Johannes 21,1-14

Ich versuche mich in diese wunderbare Ostergeschichte so aufmerksam wie möglich hineinzudenken, damit sie mich erreichen und mitnehmen kann.

Die sieben Jünger vertreten die ganze Kirche. Die Zahl Sieben steht für das Ganze. Petrus, Thomas, Nathanael, die „Donnersöhne“ und die zwei anderen sind sehr verschiedene Typen, schnellgläubig, zögernd, polternd und hinterfragend. „Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?“, hat Nathanael skeptisch gefragt. (Jo 1,46) Damit die Zahl Sieben vollständig ist, werden zwei andere dazugegeben, die namenlos sind. In ihnen können sich alle Gläubigen in ihrer Vielfalt erkennen.

Heute erfahren wir eine Kirche, die von verschiedenen Kraftfeldern beherrscht wird, je nachdem ziehen sie sich gegenseitig an oder stoßen sich ab. Extrempositionen haben die Eigenheit, nur noch mit sich selber im Gespräch zu sein. Alle anderen werden verurteilt und abgetan. Unter diesen Umständen ist die Kirche blockiert. Sie kann sich nicht bewegen. Es braucht einen Neuanfang.

Am See Tiberias – wir könnten auch sagen: in der einen Taufe, im einen Herrn – haben sich die Ersten trotz Verschiedenheiten in eins gefunden. Petrus sagte: „Ich gehe fischen.“ Die anderen sagten: „Wir kommen auch mit.“ Sie möchten die Menschen für das Evangelium gewinnen. Alle ziehen am gleichen Strang. Sie tragen auch alle am gleichen Schicksal. In dieser Nacht bleiben ihre Netze leer. Aber es wird Morgen.

Ein Unbekannter steht am Ufer. Dieser macht ihnen ihren Misserfolg erst recht bewusst. Er fragt: „Habt ihr nicht etwas zu essen?“ Sie haben nichts. Sie sollen noch einmal in seinem Auftrag und mit seinem Wort hinausfahren. Und nun kommt es zur perfekten Überraschung. Sie können das Netz nicht mehr einholen, so voller Fische ist es. Mit einem Schlag von Null auf Hundertdreiundfünfzig, eigentlich von Null ins Unendliche, von den erfolglosen Jüngern zur Erfüllung, die Christus schenkt.

„Es ist der Herr.“ Er steht am Feuer. Vor dem brennenden Dornbusch wagte Mose den Namen Gottes zu erfragen. Am Feuer von Tiberias heisst es: „Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.“

Ich versuche diese wunderbare Ostergeschichte der heutigen Kirche unterzuschieben. Franziskus sagt: „Ich gehe fischen.“ Alle sagen: „Wir kommen auch mit.“ Dieser Anfang ist vielversprechend. Aber er garantiert noch gar nichts. Das Netz kann noch manches Mal leer bleiben.-  Wir suchen die Begegnung mit dem Unbekannten am Ufer. Er kann uns in seinem Netz auffangen und erfüllen. Wir sind im Wasser getauft und im Feuer des Geistes belebt, geladen zum Mahl. „Kommt und esst.“ Mit Petrus, Thomas, Nathanael und den anderen wissen wir: Es ist der Herr, der Christus. Mit ihm vermögen wir das Netz von neuem auszuwerfen.

Der Einzug Jesu in Jerusalem wird mit dem Prophetenwort in Verbindung gebracht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe dein König kommt zu dir.“ (Sach 9,9) Schon zu Beginn des Matthäusevangeliums steht die Frage: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“

Nun nähert sich Jesus der Stadt Jerusalem. Viele Leute begleiten ihn und rufen: „Hosanna dem Sohn Davids!“ Dieser Ruf verrät die alte Sehnsucht der Menschen nach einem neuen König David. Einst hat David alle Feinde Israels besiegt. Nun soll der erwartete Messias kommen, der das Volk von der Fremdherrschaft der Römer befreit. Die Menschenmassen huldigen Jesus mit Palmzweigen wie einem siegreichen König. Sie sehen in ihm das, was sie sehen wollen. Aber sie haben nicht genau hingesehen. Jesus kommt auf einer Eselin, dem Tier der armen Leute.

Von einem Esel wurde er als kleines Kind nach Ägypten getragen. Seit damals hat er sich nicht „verbessert“ und ist nicht aufgestiegen. Er bleibt auf der Seite der Armen, der Kleinen und Schwachen, der Ausgegrenzten, der Schuldigen  und Kranken. Das ist seine Sendung. Bald werden jene, die jetzt Hosanna rufen, sich von ihm abwenden. Er entspricht nicht ihren Erwartungen.

Erst recht wenden sich die Mächtigen gegen ihn. Von ihnen hat er sich selber schon immer abgesetzt. Seine Worte sind bekannt. „Die feingekleideten Leute finden sich in den Palästen der Könige“. „Die Herrscher unterdrücken die Völker, und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht.“ Und weiter sagt er: „Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden.“ Zuerst wird Jesus selber vor die Hohepriester, vor Herodes und Pilatus geführt. Ihr Urteil führt ihn zur Kreuzigung. Tiefer geht es für einen Menschen nicht. Abgründig ist die Tiefe, in die Gott  mit Jesus hinabsteigt. Der Hymnus aus dem Philipperbrief (2,6-11), der in der Palmsonntagsliturgie vorgetragen wird, beschreibt diesen Abstieg. Es ist der Weg der Liebe, die sich den Letzten, den Verlorenen zuwendet. Jesus geht diesen Weg mit allen Konsequenzen. Er wird verraten und ausgeliefert. Wehrlos teilt er das Los der untersten Menschenschicht, um mit dem Menschen zu sein und ihn emporzuheben.

Der Weg Jesu, der nach unten geht, ist der Weg des Gehorsams, der Hingabe und der Liebe. Das ist schwer zu fassen. Es ist für manche eine Zumutung. Wie vermag ich zu glauben, dass dies die Geschichte Gottes mit den Menschen ist? Wie ist es möglich, alles, was hier geschehen ist, als eine Geschichte der Liebe zu verstehen? Gewiss gibt es Andeutungen und Spuren, mit denen ich ein Stück weiter komme. Glaube kann ich nicht machen. Aber wenn ich die Geschichte Jesu lese und lese, mich darin vertiefe, habe ich eine Chance. Wo finde ich mich selber darin?

Jesus ist seinen Weg gegangen. Der Philipperhymnus schliesst mit den Worten: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der grösser ist als alle Namen.

„Marta sagte zu Jesus: Wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiss ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“

Bei der Corona-Pandemie könnte jemand sagen: Wäre ER hier gewesen …

Warum muss das sein? Doch diese Frage führt zu nichts. Marta geht weiter. Und auch wir gehen und tun, was zu tun ist. Wir schützen uns vor Ansteckung und vor rascher Verbreitung. Zu Hause bleiben, Abstand halten. Es kann lange dauern. Man weiss nicht und kann nur vermuten, was noch kommt. Alle brauchen Kraft, übermenschliche Kraft. Marta weiss, wo Hilfe ist. Jemand muss darum bitten. „Not lehrt beten“. Alle, die können, sollen es lernen und tun.

Wir hoffen, dass es einmal heissen wird: „Lazarus, komm heraus!“ Komm heraus aus der Enge des Grabes. Der Stein ist weggewälzt. Die Binden an Händen und Füssen und das Schweisstuch sind abgetan. Das erinnert an das leere Grab am Ostermorgen.

Das „Komm heraus!“ ist auch zu mir gesagt. Alle können es vernehmen und auf sich beziehen: „Kommt heraus!“ „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk aus euren Gräbern … Wort des HERRN.“ (Ez.37,12f).

„Kommt heraus!“ bedeutet Befreiung, sich öffnen, heraustreten, aufatmen,  hoffen auf den neuen Anfang. Für Glaubende ist das „Kommt heraus!“ der Ruf zur Auferstehung, zum Leben in Christus aus der Kraft der Liebe zu ihm, zu Gott, zu uns selbst, zu den Nächsten.

„Kommt aus euch heraus!“ auf den Weg des Glaubens. Marta geht Schritt für Schritt auf ihrem Glaubensweg voran. Wir können uns an der Spur, die Marta gelegt hat, orientieren. Am Ziel bekennt sie: „Ich glaube.“  Ihr Glaube gilt dem, der sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben.“

Die Lazarus-Geschichte ist eine vorausgenommene Ostergeschichte. Man kann auch sagen: eine österliche Glaubensgeschichte.

(Evang.  Jo 11,1-45  ausgelegt in der Corona-Zeit)