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Schweizer Kapuziner-Provinz

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Empfangt den Heiligen Geist
Die biblischen Bilder erklären, was geschieht, wenn der Auferstandene die, die er senden wird, anhaucht und spricht: „Empfangt den Hl. Geist!“ (Raphael Grolimund, 30. Mai 2020)
Glauben in Christus – Leben in Gott
Der Auferstehungsglaube umfasst unsere ganze Lebensbestimmung im Hier und Jetzt und im Dasein nach dem Tod. (Raphael Grolimund, 23. Mai 2020)
Seid gewiss: Ich bin bei euch
Jene, die seinen Namen tragen, sollen sein Werk fortführen. Aber ist das nicht eine zu grosse Aufgabe für sie? (Raphael Grolimund, 20. Mai 2020)
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Der österreichische Bauer Franz Jägerstätter wurde von den Nazis am 9. August 1943 wegen «Wehrkraftzersetzung» hingerichtet, weil er sich standhaft weigerte, Wehrdienst zu leisten und den Treueid auf Hitler abzulegen. Der aufwühlende Film «A hidden Life» setzt die grosse Liebe dieses Mannes zu seiner Frau und seinen Töchtern in Kontrast zur quälerischen Bosheit von ganz gewöhnlichen Menschen, wie Bauern, Intellektuellen, Handwerkern, Hausfrauen, welche durch eine fanatische Ideologie verbiestert wurden. Erstaunlich zu welchen Extremen wir Menschen fähig sind, sowohl in Bosheiten wie im Ertragen von Leiden und noch erstaunlicher, wie das Vertrauen auf Gott Menschen stark machen kann. Zwar: Franz Jägerstätter konnte durch seinen Tod den Diktator nicht stoppen; genau so wenig, wie Christus durch seinen Tod die Diktatur der Römer und die Eroberung Jerusalems mit der Zerstörung des Tempels stoppen konnte. Das böse Gift des Machtmissbrauchs bleibt der Welt erhalten. Aber dennoch: ihr Tod ist nicht sinnlos. Denn im verborgenen Leben solcher Menschen, im Gottvertrauen eines Franz Jägerstätters und im Gottvertrauen eines Jesus von Nazareth keimt und blüht immer wieder neues Leben auf. Ihr Leben gibt uns Schwachen Mut an die Kraft des Leben zu glauben, gegen alle Gewalt, gegen alle Bosheit, gegen alle Krankheiten, gegen das Gift der Resignation. Das ist Ostern.

Mich beschäftigt schon längere Zeit die Frage, was wohl in den Köpfen von Herrn Grichting und Herrn Gracia ablaufen mag. Merken sie wirklich nicht, dass unter ihren Ratschlägen und Ränkespielen mittlerweile ein ganzes Bistum an die Wand gefahren wird? Diese Bistumsleitung hat schweizweit den schlechtesten Ruf. Die Leute wenden sich in Scharen ab, viele formal-explizit, andere innerlich. Ausser einer sehr kleinen Schar von tiefkonservativen «Aufrechten» erwartet niemand mehr ernsthaft etwas Gutes von diesen Männern in Chur. Was wohl in ihren Köpfen vorgehen mag? Es kann doch nicht sein, dass sie so selbstgerecht sind, dass sie sich erhaben fühlen über die Leitungsgremien und die Politik in den anderen Schweizer Bistümern, die immerhin noch von viele Menschen mit kritischer Freude mitgetragen werden. Es kann doch nicht sein, dass sie mit voller Absicht die Kirche in diesem Bistum zerstören wollen. So viel böse Absicht mag ich ihnen nicht unterstellen. Ich billige ihnen immerhin guten Glauben zu, etwa so wie bei einem Geisterfahrer auf der falschen Seite der Autobahn, der sich ärgert über die vielen ‚Falschfahrer‘, die ihm entgegenkommen.

Die Frage nach den möglichen Auswirkungen des apostolischen Schreibens QA darf nicht nur, sie muss gestellt werden. Zu Recht wir der Hauptteil des Schreibens sehr gelobt, nicht nur wegen der ansprechenden, teilweise sogar poetischen Form, sondern vor allem auch wegen des empathischen Einsatzes für die Menschen und die Natur im Amazonas. Das Schreiben vermag aufzurütteln. Aber kann es auch an den entscheidenden Stellen etwas verändern?

  1. In der Wirtschaft? Es ist ziemlich blauäugig zu meinen, dass ein einziger der Unternehmer vor Ort seine ausbeuterische Praxis nur um einen Centimeter zurückschrauben wird, weil ein Papst dazu auffordert. Allenfalls wird das Unternehmen seine Öffentlichkeitsarbeit justieren. Aber sonst wird sich kaum etwas ändern.
  2. In der Politik? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jair Bolsonaro oder ein anderer der Mächtigen im südamerikanischen Raum sich am Zeug flicken und demokratisch belehren lässt von einem Verantwortlichen einer Institution, die sich selber sehr autoritär gebärdet und fundamentalste, demokratische  Standards wie die Gewaltenteilung missachtet.
  3. In der Kirche? Am meisten werden sich wohl die Menschen in den Kirchen Amazonas freuen über die liebevolle Zuwendung von Papst Franziskus und die Anerkennung und Würdigung der Nöte aber auch der Bedeutung ihres Lebensraumes. Was notwendige Veränderungen in der Pastoral der Kirche betrifft, da spart das Dokument nicht an Ratschlägen und fordert auf zu vermehrtem Engagement der Laien in der Kirche. Und auch die Frauen dürfen weiterhin das tun, was sie bisher schon tun durften: Gemeinde leiten, aber nicht die Eucharistiefeier, dienen, aber nicht entscheiden. Es wird kein bisschen mehr erlaubt als was nicht bisher schon erlaubt war und hier wie dort auch geschieht. Ja, die Praxis in einigen südamerikanischen Ländern geht bereits weiter, als in diesem Dokument vorgesehen ist.Bei der Frage der „viri probati“ wird hierzulande gerne vertröstet, dass dies vor allem eine Erwartung unserer Gegenden sei. Aber es darf doch darauf verwiesen werden, dass über diese Frage an der Amazonas-Synode abgestimmt wurde, um die Probleme im Amazonas Urwald zu lösen und nicht im Entlebuch.

Also weitgehend keine Veränderung? QA – ein schönes Papier? Nicht nur. QA wird weiter Veränderungen an der kirchlichen Basis auslösen. Das Warten auf Hoffnungszeichen aus Rom, das Warten darauf, wer in der zerstrittenen Kurie momentan die Oberhand gewinnt, verliert an Bedeutung. Die offene Situation in der Kirche öffnet auch Entscheidungsraum, der zunehmend wahrgenommen wird. Vorerst noch etwas verborgen, aber immer mutiger und öffentlicher. «Querida Amazonia» ist ein nachhaltiger Beitrag zur Entwicklung von mündigen, selbständigen Christen und zu einem neu aufgestellten Volk Gottes. Ob das vielleicht sogar eine versteckte Absicht von Papst Franziskus ist? Gott weiss es.

Gleich vorneweg: Die wunderschönen Worte, welche das päpstliche Schreiben «Querida Amazonia» über die Wässer und Wälder in Amazonien findet und die ernsten Worte zu Umweltschutz und gegen Ausbeutung, muss jedes franziskanische Herz höherschlagen lassen. Und dennoch kommt keine echte Freude auf, denn man mag gar nicht mehr recht zuhören, was die Kirche aus dem Fenster in die Welt hinausruft, solange sie ihre eigenen Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Nachdem 2/3 der Abstimmenden an der Amazons-Synode für die Zulassung von verheirateten Priestern votierten, hätte man eigentlich von Papst Franziskus, der doch die Bischöfe immer wieder zu mutigen Überlegungen auffordert, erwarten dürfen, dass er zumindest dieses kleine Schrittchen der kirchlichen Erneuerung gehen würde, wenigstens für die Menschen im «geliebten Amazonien». Aber nichts.

Interessant ist dagegen, dass im päpstlichen Schreiben das Wort «Zölibat» nie vorkommt, weder bei der Definition des Priesteramtes und schon gar nicht im positiven Sinne. Aufgefallen ist mir auch, dass der ehemalige Papst Benediktus XVI und Erzbischof Gänswein vom Vatikan zurückgepfiffen wurden, als sie ein Buch herausgeben wollten, in welchem der Zölibat hochgelobt werden sollte. Weiter fällt mir bei Papst Franziskus auf, dass er nicht müde wird, auch im Amazonas-Schreiben, mutige Wege der Erneuerung zu fordern, selbst Anpassung der Ämterstruktur in der Kirche. Aber er führt sie nicht aus. Er selber geht diese Wege nicht. Er kommt mir vor, wie einer der ein paar neue Lunten legt, darauf hinweist, sie selber aber nicht anzündet. Was passiert aber, wenn ein anderer sie anzündet? Ein Bischof zum Beispiel, der für die Aufhebung des Pflichtzölibates gestimmt hat und jetzt «viri probati» weiht? Was, wenn die Frauen, die im Amazonas-Schreiben erneut auf die Rolle der zudienenden Maria verweisen werden, die Geduld verlieren?

Es spitzt sich eine gefährliche Situation zu für die Kirche in Rom. Was geschieht, wenn die Bischöfe wirklich mutiger werden, wenn Laien und Kleriker zusammen eine geschwisterliche Kirche gestalten, gleichberechtigt mit den Frauen? Ja, was dann?  Die hierarchisch aufgebaute Kirche zerfällt. Und dann kann sich aus den Trümmern das Volk Gottes bilden, Männer und Frauen, die geschwisterlich gemeinsam den Weg durch diese Welt gehen.  Ein vermessener Gedanke: Ob Papst Franziskus das gar beabsichtigt und provozieren will?