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Schweizer Kapuziner-Provinz

Province Suisse

Kapuziner-Blog

Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.

Empfangt den Heiligen Geist
Die biblischen Bilder erklären, was geschieht, wenn der Auferstandene die, die er senden wird, anhaucht und spricht: „Empfangt den Hl. Geist!“ (Raphael Grolimund, 30. Mai 2020)
Glauben in Christus – Leben in Gott
Der Auferstehungsglaube umfasst unsere ganze Lebensbestimmung im Hier und Jetzt und im Dasein nach dem Tod. (Raphael Grolimund, 23. Mai 2020)
Seid gewiss: Ich bin bei euch
Jene, die seinen Namen tragen, sollen sein Werk fortführen. Aber ist das nicht eine zu grosse Aufgabe für sie? (Raphael Grolimund, 20. Mai 2020)
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Mauro Jöhri, der Generalminister der Kapuziner, ist weltweit unterwegs. Trotzdem schätzt er es, zwischendurch in seiner Bündner Heimat zurückzukehren. Ein Beitrag von ihm in der „Tauzeit“.

Nur wer weiss, wo er herkommt, kann zu neuen Gestaden aufbrechen

Verwurzelt, aufgebrochen, angepasst

Fra Mauro Jöhri leitet als Generalminister seit 2006 den weltweiten Kapuzinerorden. Der Bündner lebt und erlebt das «Gastsein auf Erden» vielfältig und sehr real – meist unterwegs rund um den Erdball, um die 11’000 Brüder in unterschiedlichsten Lebenswelten zu besuchen und in ihrem Wirken zu bestärken. Er schreibt als Nachfolger des Franz von Assisi, wie er das «Leben als Pilger» in seinem eigenen Alltag erlebt, wie er sich dem Poverello dabei verbunden fühlt und wozu ihn seine Wegerfahrungen persönlich ermutigen.

Vor zwei Jahren bin ich im April nach Island gereist. Auf jener fernen Insel Europas wirken drei Kapuziner, die ich besuchte. Eines Abends luden uns polnische Gastarbeiter zum Essen ein. Sie servierten uns eine kraftvolle Suppe und viel Wodka. Nach einer Weile begann einer nach dem anderen, Fotos seiner Angehörigen auf den Tisch zu legen. Mit sichtlichem Stolz erzählten sie von der Tochter, die an der Universität studiert, vom Bau eines eigenen Hauses und von anderen Träumen, die eben gerade Wirklichkeit wurden. Die Männer machten es möglich, indem sie fern ihrer Heimat hart arbeiteten, in der Aluminiumindustrie Geld verdienten und ihre Familien tatkräftig unterstützten. Unsere Brüder begleiten sie spirituell und schaffen Begegnungsräume, die ihnen das Heimweh erträglicher machen. Jene Begegnung gehört zu den eindrücklichsten in meinem neunjährigen Dienst am Gesamtorden. Jenes Abendessen, das Betrachten der Fotos, das Erzählen von den Verzichten, die sie zum Wohl ihrer Familien auf sich nahmen, bewegten meine Seele und liessen mich erfahren, wie tief ich ihnen darin verbunden bin. Ich empfand selber leisen Stolz und auch das Glücksgefühl, dass Brüder bereit sind, so weit wegzugehen und Menschen zu begleiten, die notgedrungen fern ihrer Heimat und Familien leben. Die drei Kapuziner auf Island stammen aus der Slowakei und kümmern sich um eine Pfarrei, die sich über 700km entlang der fjordreichen Westküste erstreckt und rund 700 Gläubige zählt. Wie sehr ich diese Brüder bewundere!

Aufbrechen und sich anpassen
Die Geschichte der Kapuziner im 19. Jahrhundert und in den Jahren nach 1900 wurde sowohl in Spanien wie in Frankreich von einer Reihe von Unterdrückungen geprägt. Von einem Tag auf den anderen mussten Brüder ihre Klöster verlassen und wegziehen. So gelangten um 1840 spanische und nach 1890 französische Brüder nach Mesopotamien: Gebiete, die heute zu Irak, Syrien und Iran gehören. Schon damals waren dies weitgehend islamische Länder, und unsere Brüder suchten den Menschen dadurch nützlich zu sein, dass sie sich medizinisch kundig machten. Durch ihre Sorge um die Gesundheit der Leute verdienten sie in der Fremde nicht nur das Lebensnotwendige, sondern auch das Vertrauen der Lokalbevölkerung. Migration ist zutiefst mit Beweglichkeit verbunden. Wer sich nicht anpassen kann, überlebt kaum je in einem anderen Land.

Ich erinnere mich da an das, was mir ein befreundeter Koch erzählte. Er arbeitet in der Küche einer Restaurantkette und hatte da als Hilfskraft einen promovierten Mathematiker aus Sri Lanka. Wer verfolgt ist oder auf der Suche nach wirtschaftlicher Sicherheit in ein anderes Land flieht, nimmt jede Arbeit an, um erst allmählich das ihm Entsprechende zu finden. Mich rührt bis heute die Erzählung eines argentinischen Bruders, dessen Eltern von der russischen Wolga nach Südamerika kamen, nachdem ihre eigenen Vorfahren Generationen zuvor aus Deutschland nach Osten ausgewandert waren. Seine Mutter habe die neue Landessprache anhand des Evangeliums lesen und schreiben gelernt – und das habe ihn dazu gebracht, später Bibelwissenschaft zu studieren.

Unsere Heimat ist anderswo
Das Leben des Franz von Assisi zeigt eine seltsame und auch widersprüchliche Beziehung zu seiner Geburtsstadt. Er hätte in Franziskus ermunterte seine Brüder, in dieser Welt «als Fremde und Pilgernde» zu leben. Dabei sollten sie dem Menschensohn folgen, der keine eigene Bleibe hatte, und gleichsam leibhaft erleben, dass die wahre Heimat anderswo liegt der aufstrebenden Gemeinde ein namhafter Kaufmann werden, in die wirtschaftlich bestimmende Elite aufsteigen und auch politisch überaus einflussreich werden können. Doch er wählte eine ganz andere Option. Er gab das privilegierte Leben eines Kaufmannssohnes wie auch das Leben in der Stadt auf, um draussen vor den Stadtmauern mit jenen zu leben, die, sozial an den Rand gedrängt, nichts zählten.

Das Leben des Franziskus wurde zu einem beständigen Pilgern von Ort zu Ort. Auf das Pfingstfest hin kam er mit seinen Gefährten nach Assisi zurück, um sich zur «Kapitel»-Versammlung zu treffen. Doch während der folgenden zwölf Monate zog er von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, wenn er sich nicht gerade eine Zeitlang zu längerem Gebet in eine Einsiedelei zurückzog. Auf den Stadtplätzen bewegte er Menschen, ihr Leben zu überdenken. 1219 gelang der dritte Versuch, in die Welt der Muslime zu reisen, wo er in Ägypten deren Sultan traf, den Erzfeind der Kreuzritter.

Franziskus ermunterte seine Brüder, in dieser Welt «als Fremde und Pilgernde» zu leben. Dabei sollten sie dem Menschensohn folgen, der keine eigene Bleibe hatte, und gleichsam leibhaft erleben, dass die wahre Heimat anderswo liegt. Interessanterweise will Franziskus am Ende seines Lebens in seine Geburtsstadt zurückkehren, um dort seine Schwester Tod zu erwarten. Gewiss starb er da arm und nackt auf die nackte Erde gebettet, weit ausserhalb der bergenden Stadtmauern, doch immerhin in Sichtweite seines Assisi, das er vor seinem Sterben liebevoll segnete. Und so ging er auch als Heiliger Assisis in die Geschichte ein, indem sein Leben untrennbar mit dem Ort verbunden bleibt, an dem sein Weg begann.

Doppeltes Bürgerrecht?
Franziskus bleibt unverwüstlich der Heilige von Assisi. Aus dieser Stadt stammt er und hier starb er. Er stellte die Werte und Prinzipien in Frage, auf die seine Mitbürger ihren Wohlstand gründeten, er befreite sich von jeder Form von Besitz und Macht, zog in alle Himmelsrichtungen und durchwanderte Länder, ohne seiner Heimatstadt untreu zu werden. Wir wissen nicht, was Franziskus dazu bewegte, und können nur Vermutungen anstellen. Vielleicht kann nur wirklich frei zu neuen Gestaden aufbrechen, wer tief in seiner Seele mit dem Ort der eigenen Herkunft verbunden ist: dem Ursprung, der meine Geschichte prägt. Je tiefer du verwurzelt bist, desto leichter kannst du aufbrechen und über neue Schwellen gehen. Die neue Identität, die Franziskus ausfaltet, ist die eines Mannes, der das Evangelium als seine Lebensform entdeckt. Die Sendung «bis an die Enden der Erde» liess ihn dennoch mit seinem Assisi verbunden bleiben.

Vielleicht erklärt sich diese Verbundenheit auch damit, dass die entscheidende Lebenswende in seiner Geburtsstadt geschah? Oder musste er sich immer wieder bewusst machen, dass jener «Auszug aus der bürgerlichen Welt» hier geschah, von dem sein Testament berichtet? Hier, am sozialen Rand seiner Stadt, hatte er sich in den Dienst Aussätziger gestellt, nachdem sich ihm «Bitteres in Süsses verwandelt hatte».

Mir wird bewusst, dass mein Nachdenken von der eigenen Erfahrung geprägt ist: die eines Bruders, der beständig durch die Welt reist und doch stark verbunden bleibt mit dem Dorf, das ihn aufwachsen sah. Jedes Jahr für zwei, drei Wochen ins Bündner Tal heimzukehren, entspricht einem tiefen Bedürfnis, mit meinem Wurzelgrund verbunden zu bleiben. Ich muss Zeit im kleinen Dorfkirchlein verbringen können, wo ich meine ersten Schritte im Glauben tat, an die Orte zurückkehren, wo ich mit meinem Vater Heu einbrachte, und das Antlitz jener wiedersehen, mit denen ich meine Kindheit verbrachte. Ich glaube nicht, dass mich dabei Heimweh leitet, sondern das schlichte Wissen um etwas, das mich geprägt hat und das mich bis heute weiterhin prägt. Zurück aus meinen heimatlichen Bergen reise ich wieder von Kontinent zu Kontinent, um meine Mitbrüder in aller Welt zu besuchen, ihnen zu begegnen, sie nach Möglichkeit zu unterstützen und dabei den Sinn einer Verwandtschaft zu nähren, die uns über alle Grenzen hinweg verbindet.

Fra Mauro Jöhri*

 

Zum Autor

Mauro Jöhri (68) stammt aus Bivio und wuchs als Bauernsohn am Ausgangspunkt von Septimer- und Albulapass auf. Er trat mit 17 in den Kapuzinerorden ein, lebte die ersten Jahre in Norditalien und im Tessin, beschloss sein Theologiestudium mit dem Doktorat und lehrte an der Theologischen Hochschule Chur. Von den Brüdern in die Leitung gewählt, zunächst in der Südschweizer Region und dann von der Schweizer Provinz, steht er mit einem neunköpfigen Rat seit neun Jahren im Gesamtorden vor. Als Generalminister gilt er zusammen mit seinen Kollegen im Franziskaner- und im Minoritenorden als einer der drei aktuellen Nachfolger des heiligen Franziskus.

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