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Am Anfang steht immer ein Traum

«Wer keine Visionen hat, ist tot.» So reagierte unser «Hof-Fotograf» Fritz Kehrer auf unser Thema «Visionen». Der schon etwas ältere Herr meinte weiter: «Wenn du keine Visionen mehr hast, kannst du den Laden dichtmachen.» Tatsächlich hält nur jener Mensch das Leben aus, der Aus-Sichten hat («Vision» wird wörtlich übersetzt mit «Sicht»!). Wozu sollte er sonst am Morgen aufstehen?

«Fliegen ist unmöglich»

Ohne Visionen gibt es erst recht keine gesellschaftliche Veränderung und keinen technischen Fortschritt. Denn am Anfang des Neuen steht immer ein Traum – wobei die Träumer allerdings zuerst kaum ernst genommen werden. Ihr Vorhaben wird allzu oft als «unmöglich» taxiert. Ich erinnere mich noch gut an meinen alten Nachbarn, der mir als Kind von einem Mann erzählte, der felsenfest davon überzeugt gewesen ist, dass der Mensch nie und nimmer fliegen kann.

Unsere Generation hat es noch erlebt, dass eine Versöhnung zwischen Ost und West ins Reich des Unmöglichen verbannt war. Beide Seiten haben auf die knallharten «Realitäten» geschaut. Wer es wagte, darüber hinaus zu schauen, wurde als mehr oder weniger verrückt erklärt. Bundeskanzler Helmut Schmidt tat damals die Visionen der Friedensbewegung mit dem Satz ab: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.»

Das Ende der DDR

Helmut Schmidt zeichnete sich durch «Realitätssinn» aus. Wie der Dichter Robert Musil postulierte, muss es jedoch auch einen «Möglichkeitssinn» geben (vgl. Kasten). Dazu der berühmte italienische Filmregisseur Federico Fellini: «Der einzige Realist ist der Visionär».

Schmidt war sicher, dass eine hoch gerüstete Macht der Welt nur durch eine noch höher gerüstete Armee gebändigt wer- den konnte («Nachrüstung» der NATO!). Visionäre «Spinner» aber begegneten in der DDR den Lakaien der östlichen Supermacht auf ihren wöchentlichen Freitagsdemonstrationen mit Kerzen in den Händen. Sie hatten keine Garantie, dass es gut ausgehen könnte. Die ganze Sache hätte genau so enden können wie in Peking, wo kurz vorher Demonstranten auf tödliche Brutalität stiessen.

Trotzdem verfielen sie nicht der Resignation. Pastor Friedrich Schorlemmer, der damals in der DDR dabei war, beginnt einen Artikel über die «Utopie des Glücks» mit den Worten: «Zu viele Menschen resignieren und lassen alle Utopien fahren, weil sie ‹doch sowieso› an der Realität zerschellen. Doch: Nur wer Unmögliches will, wird das Potenzial des Möglichen ausschöpfen. Wehe einer Welt ohne realitätsüberschreitende Utopien!»

Höhlenbewohner mit Vision

Bereits die Höhlenbewohner hatten offenbar Visionen. Sie stellten sich eine andere Wohnform vor: ein Haus mit mehr Licht und Wärme, Fenster mit Aussicht. Ohne solche Vorstellungen sässen wir heute noch in den Höhlen und litten wegen der Feuchtigkeit unter dauerndem Rheumatismus …Sicher ging der Übergang damals nicht reibungslos vor sich. In der Familie Feuerstein gab es bestimmt ellenlange Diskussionen. Nicht alle waren über den Spleen mit dem Wohnen in Häusern erfreut. Wo die Höhlen doch so viel Schutz vor wilden Tieren und andern Feinden boten. Wo man sicher war vor Wind und Wetter! Es hat sicher Leute gegeben, die die «Spinner» mit ihren neuen, unerhörten Ideen verachteten: «Wo kämen wir denn hin, wenn wir jeder neuen Mode hinterher liefen?»

Was ist eine Vision?

Was ist denn eigentlich eine Vision? Wie bereits erwähnt, bedeutet das Wort «Sicht». Es geht hier um Schauen und Sehen. Das Wort kommt in Tele-Vision vor. Der Duden definiert Vision u.a. mit: Traumbild, Zukunftsentwurf.

Die Vision zeigt also, wie unser Ziel aus-sehen kann. Wenn wir nicht stehen bleiben wollen, müssen wir uns bewegen. Wir setzen uns aber nur dann in Bewegung, wenn wir eine Ahnung haben, dass es besser werden kann. «Diese Ahnung kommt aus unserem Innersten heraus, aus dem Herzen.» (Anke Maggauer-Kirsche)

Dort aber darf sie nicht bleiben. Sonst verkommt die Vision zu einer wirkungslosen Träumerei. Damit sie wirksam werden kann, müssen wir sie «äussern»: nach Aussen tragen; sie andern mitteilen, Gleichgesinnte suchen. Der berühmte Erzbischof Helder Câmara formulierte es mit einem brasilianischen Sprichwort unübertroffen prägnant: «Wo einer träumt, bleibt es ein Traum. Wo viele träumen, werden die Träume wahr.»

Walter Ludin

 

PS. «Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde.» Diese biblische Aussage gilt auch für das heutige Volk Gottes, die Kirche. Dazu der Wiener Theologe Paul M. Zulehner: «Wer ohne Visionen heute für die Kirche verantwortlich ist, wird schuldig daran, dass diese an Zukunftslosigkeit erkrankt.»

 

Musils «Möglichkeitssinn»

Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen, sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen. So liesse sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles was ebenso gut sein könnte, zu denken.

Robert Musil (1880–1942), Österreichischer Schriftsteller