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Einst waren wir Menschen Nomaden. Heute sind wir zwischen Wohnung, Arbeitsplatz sowie Einkaufs- und Freizeitzentren unterwegs. In den Ferien kehren viele als Touristen zum Nomadenleben zurück.

Ein «Reisender» war bei uns zu Hause vor 40 Jahren der Vertreter einer Firma, der Bestellungen aufnahm (und damit eine gehobenere Variante des Hausierers, der seine Waren im Koffer mitschleppte). Eric J. Leed, Professor für Geschichte an der Universität Florida, nennt am Anfang seines 1993 auf Deutsch erschienenen Buches «Die Erfahrung der Ferne» eine ganze Palette von Reisenden: Geschäftsreisende, Nomaden, Pendler, Wanderarbeiter, Flüchtlinge, Soldaten, Diplomaten, Immigranten und Touristen. Später fügt der Autor in seinem inzwischen vergriffenen Werk, auf das ich mich im Folgenden stütze, weitere Kategorien hinzu: Exilanten, Gefangene (vgl. die Besiedlung Australiens!), Kolonisten und Vertriebene.

«Erfahren»

Eric J. Leed stellt die These auf, dass die Menschen in der längsten Zeit ihrer Geschichte unterwegs waren. Während vielen Jahrtausenden lebten sie als Nomaden. Im Grunde bildete die umfassende Sesshaftigkeit eine sehr kurze geschichtliche Phase. Faktisch gehört sie schon der Vergangenheit an. Denn «das Reisen bildet die Struktur unseres heutigen Lebens. Nur wenige von uns essen, schlafen, arbeiten und erholen sich an ein und demselben Ort.» Dennoch ist heute das Denken der mittleren und älteren Generation immer noch von der stabilen Lebensform geprägt. (vgl.: «Am schönsten ist es zu Hause.»)
Wenn wir aber unsere Sprache genauer ansehen, wimmelt es geradezu von Begriffen, die aus dem Bereich der Mobilität stammen. Das Leben ist für uns eine Reise oder eine Pilgerfahrt. Wir reden von Übergang, Aufstieg und Wohlfahrt. Wer auf einem Gebiet über gute Kenntnisse verfügt, ist darin «bewandert». Diese Person gilt als «erfahren». Weiter haben auch Wörter wie Begleiter, Führer und Gefolgsmann ihren Ursprung in der Erfahrung (!) des Reisens.

Von der Busse zum Vergnügen

Bevor es asphaltierte Strassen und klimatisierte Busse und Düsenjets gab, konnte das Reisen eine mühsame Angelegenheit sein. Ein beredtes Zeugnis davon gibt der Apostel Paulus, der in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth eine ansehnliche Liste von bestandenen Abenteuern vorlegt: «Dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag habe ich in den Meereswogen zugebracht. Christi Diener bin ich gewesen auf Wanderungen, durch Gefahren von Flüssen, durch Gefahren von Räubern …, Gefahren in der Stadt, Gefahren in der Steppe, Gefahren auf dem Meere, Gefahren unter falschen Brüdern. In Mühsal und Beschwerde, häufig in durchwachten Nächten, in Hunger und Durst, in vielem Fasten, in Kälte und Blösse.» (2 Kor. 11, 25b – 27)

Es ist kaum verwunderlich, dass unter solchen Umständen die Pilgerfahrt in den meisten Religionen zu einem hervorragenden, bewunderten Werk der Busse wurde. «Sie ist Ausdruck der Vorstellung, dass das Reisen eine reinigende, läuternde Wirkung hat.» (Leed)

Auf der andern Seite wurden schon früh die positiven Seiten des Unterwegs-Seins entdeckt. Wer von seinem Zuhause entfernt war, war auch den Zwängen des Alltags entflohen. Reisende konnten sich eine neue Identität zulegen.

Heute ist das Reisen im öffentlichen Bewusstsein das Vergnügen par excellence. Viele vergessen darob, dass es nicht bloss den Tourismus mit seinen Erholungsmöglichkeiten gibt. Wer als Geschäftsmann, Politiker oder Journalist unterwegs ist, leistet zumeist harte Arbeit. Auch wenn viele der daheim Gebliebenen das Reisen nur mit Urlaub und Dolce far niente in Verbindung bringen können …

Scheiden tut weh

Wenden wir uns nun den drei Phasen zu, die Eric J. Leed bei jeder Reise unterscheidet: der Abreise, der «Passage» und der Ankunft. Der Autor setzt über das Kapitel «Abreise» ein Zitat, das sich mit der schmerzhaften Seite des Abschieds befasst: «Es steht zutiefst im Widerspruch zur menschlichen Natur, seine Heimat zu verlassen.» (Pater Navarette, 1704)

Leed erinnert daran, dass viele Abreisen erzwungen waren – und er beginnt hier buchstäblich bei Adam und Eva. Im Unterschied zum «Helden», der durch Abenteuer Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung sucht, herrscht bei der «nicht heroischen» Reise von Anfang an Zwang: «Der Reisende wird nicht von seinen eigenen Motiven getrieben, sondern von Notwendigkeit oder Zufall, von einer Katastrophe, einem Verbrechen oder der Verletzung irgendeiner Norm. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Reise ohne Wiederkehr oder sogar eine endlose Wanderung.»

Unterwegs

Im Kapitel «Der Reiz der Passage» findet sich ein Zitat des grossen französischen Dichters, Malers, Komponisten und Filmregisseurs Jean Cocteau – ein Wort, das von einem japanischen Touristen stammen könnte: «Ich sehe kaum hin. Ich nehme auf. Ich fülle meine Camera obscura. Entwickeln werde ich zu Hause.»
Wer reist, vergleicht. Und alles wird relativ. Man werde zum «Relativisten», meint Leed und fügt ein Zitat des Schriftstellers Henry James († 1916) an: «Wenn man einmal anderswo gelebt hat, dann hat man jenes Gefühl von Absolutheit und Unantastbarkeit der Gewohnheit seiner Landsleute verloren, das einen früher in ihrer Mitte so glücklich sein liess. Man hat erfahren, dass es sehr viele patriae (Vaterländer, Anm. WLu) auf der Welt gibt, und jede ist voll von grossartigen Menschen.» Darum wird es nach Leed unmöglich, weiterhin an ein «auserwähltes Volk» zu glauben. Fremde: Feind oder Gott?

Wer ankommt, ist in der neuen Umgebung ein Fremder. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Art, mit «Zugereisten» (so werden sie in Bayern genannt) umzugehen. Ein altes englisches Sprichwort meint: «Der Fremde, der kein Händler ist, ist ein Feind.»

Die alten Griechen hatten ein anderes Verhältnis zu den Ankömmlingen: «Sie begründeten ihre Gastfreundschaft gegenüber Fremden, selbst wenn sie als Bettler kamen, damit, dass der Fremde ein Gott oder der Bote eines Gottes sein konnte.» Oder wie es im Jüngsten Gericht gemäss Jesus und seinem bekannten Wort im Matthäus-Evangelium zu hören sein wird: «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.» (Mt. 25, 35)

Walter Ludin