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Was an Franz von Assisi fasziniert

Obwohl Franz von Assisi nach dem Urteil seiner Biographen keineswegs «schön an Gestalt war», konnten seine Zeitgenossen seiner Attraktivität kaum widerstehen. Schon zu seinen Lebzeiten zählte seine Gemeinschaft in weiten Teilen Europas über 5000 Brüder. Warum faszinierte Franz seine Mitmenschen?

«Einmal hielt sich der heilige Franziskus wieder an dem Ort auf, der Portiunkula heisst. Auch Masseo von Marignano war dort, ein vorbildlicher Bruder mit gutem Unterscheidungsvermögen … Als Franziskus eines Tages aus dem Wald zurückkam, in dem er allein gebetet hatte, und Bruder Masseo antraf, überraschte dieser ihn mit der Frage: ‹Warum dir? Warum dir? Warum dir?›

Als Franziskus ihn die Frage zu erhellen bat, antwortete Bruder Masseo: ‹Warum läuft die ganze Welt ausgerechnet dir nach? Warum will jeder nur dich sehen, dich hören, dir folgen? Körperlich bist du nicht schön, du verfügst über kein grosses Wissen und von adeliger Herkunft bist du auch nicht! Warum ist trotzdem die ganze Welt hinter dir her?›

In Franziskus’ Herz erwachte Heiterkeit, er dankte Gott mit Blick zum Himmel und wandte sich dann voller Glut des Geistes Bruder Masseo zu: ‹Willst du wissen, warum? Sag, willst du wissen, warum gerade mir? Warum sich die ganze Welt zu mir drängt? Höre, ich verdanke dies den wachen Augen Gottes. Denn sie haben unter den Sündern der Welt niemanden gefunden, der geringer, begrenzter und fehlerhafter ist als ich! Darum hat der Höchste mich unansehnliches Geschöpf auserwählt, um in dieser Welt den Stolz des Adels, des Hochmuts, der Schönheit und der Gelehrsamkeit zu beschämen. Auf diese Weise soll deutlich werden, dass alle Kraft und jeder Wert aus Gott hervorgeht und nicht aus seinen Geschöpfen. Nicht uns sollen wir rühmen, sondern jeder rühme sich in Gott, dem die Fülle alles Guten zukommt.›» (Fioretti 10).

Klein, schwach und kränklich

Masseo hat sich kurz nach der Romreise  der  ersten  Gefährten zur jungen Bruderschaft gesellt. Er stammt aus einem Dorf bei Assisi und könnte auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Anders als Franziskus ist er gross gewachsen, von schöner Gestalt, charmant im Umgang, gefällig im Wort und entschlossen im Auftreten.

Der erste Biograf schildert uns Franziskus dagegen klein, schwach und kränklich, mit langen Fingern an kurzen Armen, mit dünnen Beinen und kleinen Füssen, abgemagert, mit länglichem Gesicht, rundem Kopf, krummer Nase und spitzen kleinen Ohren. Auch Thomas von Split, der als Student in Bologna eine Predigt des Franziskus auf dem Stadtplatz miterlebt, beschreibt den Kontrast zwischen der armselig-unattraktiven Gestalt des Heiligen und seiner kraftvoll-bewegenden Predigt, die zur Versöhnung verfeindeter Clans führt.

Die Frage, was den «fratello poverello» – den kleinen armen Bruder – so gross, erfolgreich und beliebt macht, stellt sich weit über seine Zeit hinaus: Sohn eines Kaufmanns und frühen Bankers, mit bescheidener Bildung, in jungen Jahren enterbt und ein Freund der Randständigen geworden, zwei Jahre lang ein Eremit, der Landkirchen aufbaut, dann vom Leben der Apostel fasziniert und ein Laienprediger, wie wir sie heute in Freikirchen kennen: ein Mann, der von der Ankunft erster Gefährten überrascht wird, dann auch Gefährtinnen bekommt und aus der Stadt vertrieben wird, um in kurzer Zeit als Wanderapostel ganz Mittelitalien zu faszinieren und auch den Papst zu beeindrucken.

Hochtalentierte Anhänger

Masseo stellt seine Frage in einem Orden, der bereits über 5000 Brüder zählt, unter ihnen eine wachsende Zahl von Gebildeten und Vornehmen, von hochtalentierten Denkern und erfolgreichen Predigern. Einige von ihnen werden vor Synoden sprechen, diplomatische Missionen auf der Weltbühne übernehmen, Könige und Päpste ihre Freunde nennen und Bücher schreiben, die bis heute gelesen werden.

Doch weder äussere Schönheit noch eine edle Herkunft, weder glänzende Intelligenz noch beste Ausbildung erklären die Faszination, die vom Gründer ausgeht. Eine Faszination, die den Poverello heute nicht nur zum Lieblings- heiligen des Christentums macht, sondern auch die Religionen der Welt nach Assisi bringt. Nicht in Jerusalem oder Rom, nicht in Mekka oder in New York haben die ersten grossen Friedensgebete der Weltreligionen stattgefunden, sondern im kleinen Assisi. «Warum? Warum? Warum?» Was macht das gewisse Etwas des Franziskus aus, das bis heute Menschen aller Kulturen und Religionen anzieht?

Gottes Wirken

Im zitierten Fioretto nennt Franziskus den tiefsten Grund: Es sind nicht sein Leben, Tun und Verdienst, sondern Gottes Wirken in ihm, an ihm und durch ihn. Viele prophetische Menschen in Israel, in der christlichen Geschichte und in anderen Religionen haben das in  ihrer  Existenz ähnlich erlebt: Mirjam und Jeremia, Charles de Foucauld und Mutter Theresa, Maulama Muhammad Rumi und Mahatma Gandhi haben alle «mit leeren Händen» Grosses gewirkt.

Weder Bildung noch sozialer Status, keine Laufbahnplanung und kein Topmanagement, weder materielle Ressourcen noch ein effizientes Beziehungsnetz, weder mediale Attraktivität noch kulturelle Leistungen können solche Karrieren erklären.

Das moderne Wort «Spirit» mag der Schlüssel zu ihrem Erfolg sein: Sie alle sind geistvolle Menschen, die andere berühren, bewegen und befreien – begeisternde Personen in einem tiefen und umfassenden Sinn – Menschen, in denen ein grösserer Geist wirkt, der ihre eigentliche Ausstrahlung begründet, ihre Sicht der Welt erleuchtet und ihr Tun inspiriert.

Suche nach Gott

Grosse Menschen fallen nicht vom Himmel, sondern gewinnen  ihr Profil auf Erden. Franziskus macht einen langen Weg, bis er zum liebenswürdigen Propheten wird. Seine überaus schlichte Biografie mag mit erklären, weshalb bis heute Tausende in  sein Heimatstädtchen strömen.

Der junge Kaufmann sagt im Rückblick, er habe sein halbes Leben ohne Gottesbeziehung gelebt. Geht es ihm da nicht wie vielen modernen Zeitgenossen? Die gut situierte Existenz eines erfolgreichen Bürgers kommt ohne Religion aus. Erst als ihn ein missglückter Kriegszug aus der Bahn wirft und eine Krankheit ihm den Boden unter den Füssen entzieht, macht er sich auf die Suche nach einem tieferen Sinn.

Er sucht «mehr als alles», wie Dorothee Sölle Gott genannt hat. Die Suche nach dem «Gott über allem», dem Höchsten und Licht- vollen, führt Franz unter die Kleinsten, die Randständigen und Aussätzigen. Bei ihnen findet er Licht in den Schatten seines Lebens. Kurz darauf offenbart sich ihm Gott selber als Randständiger: im «armen Christus» von San Damiano, auf einer vergessenen Ikone in einer zerfallenden Landkirche ausserhalb Assisis: Gott selber klein, unansehnlich, verachtet, mit leeren Händen am Kreuz, scheinbar gescheitert, machtlos, aus dem Weg geschafft. Und doch erweist die Liebe gerade so ihre Kraft, still und leise in den Zeichen unterwegs durch Galiläa, am Ostermorgen in Jerusalem und neu vor den Toren Assisis in der Landkirche San Damiano.

Wie Jesus

Franziskus wagt sich in die Fussspuren eines Gottes, der jeder menschlichen Karriereplanung und Erfolgsstrategie widerspricht: in einer Notunterkunft Betlehems geboren, als Kind einer Flüchtlingsfamilie in Ägypten, dann Zimmermann im 120-Seelen-Dorf Nazareth, nach dem Bruch mit Familie und Dorf Wanderprediger in Galiläa, ohne Fachausbildung von den Theologen und Priestern des Tempelstaates abgelehnt, von Scharen umschwärmt und wieder verlassen, schliesslich im Machtzentrum Jerusalem von den Mächtigen in einem unfairen Prozess verurteilt und wie ein Schwerverbrecher beseitigt, Tod am Kreuz, wo ihn selbst seine getreuesten Anhänger verlassen: die «Erfolgsgeschichte» des Gottessohnes auf Erden!

Doch der «Spirit», der Geist Gottes bestätigt dieses Leben, er- weckt es neu und lässt seine Liebe weltweit ausstrahlen: sein  Ja zu dieser Welt, Wachheit für jeden Menschen und eine Geschwisterlichkeit ohne Grenzen, weder familiärer noch sozialer, nationaler und religiöser Art.

Bruder aller Menschen

Franziskus findet in den Spuren Jesu eine Tiefe und Weite, die ihn bis heute zum «Bruder aller Menschen» macht: im Glauben, dass Gott der Vater aller Geschöpfe ist und wir alle Töchter und Söhne der einen Erde sind, unterwegs in den Fussspuren Jesu, dessen Menschenliebe arm an Dingen Lebensfülle schenkt, und bewegt von einem «Spirit», der sich nur empfangen und entfalten, nicht aber einplanen und erwerben lässt: schwer fassbar und doch wirksam, das «gewisse Etwas» in einem inspirierten Leben.

Niklaus Kuster

 

Buchtipp

  • Martina Kreidler-Kos, Niklaus Kuster. Christus auf Augenhöhe. Das Kreuz von San Damiano, Kevelaer 2009.
  • Immer noch aktuell: Walter Ludin. Franziskus für Ungläubige. Wegwarte Verlag Bolligen 2005.