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Das Motto unseres Kalenders «Wo kämen wir hin …?» könnte abgewandelt werden in: «Wo wären wir hingekommen, wenn …?» Zum Beispiel, wenn Adolf Hitler als Kind gestorben wäre. Wäre der Nationalsozialismus ohne ihn als «Führer» so erfolgreich geworden? Ein Buch von Hans-Peter von Peschke befasst sich mit «Alternativer Geschichte».

Ein kurzes Filmchen auf der Internet-Plattform «YouTube»: Im österreichischen Dorf Braunau, in dem Adolf Hitler aufwuchs, rennt ein Knabe über die Strasse und wird von einem Auto überfahren. Die Mutter ruft verzweifelt: «Adolf! Adolf!»

Es gibt keine Varianten
Der Radiomitarbeiter Hans-Peter von Peschke kennt über 100 Bücher, die sich fragen, was geschehen wäre, wenn es keinen Hitler gegeben hätte; wenn er früher gestorben oder aber den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte. In seinem Buch «Was wäre wenn – Alternative Geschichte» (2014, Theiss-Verlag) nennt er zahlreiche Szenarien einer anders verlaufenden Weltgeschichte, auch, aber nicht nur im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.
Der Autor weiss, dass seine Fragestellung bei manchen Geschichtswissenschaftlern verpönt ist. Auch Nestor Werlen, Dozent für Kirchengeschichte am Theologiestudium der Kapuziner in Solothurn (später auch Redaktionsmitglied des Franziskuskalenders), hat immer betont, Geschichte kenne keine Varianten. Sie verlief so, wie sie verlief. Es sei müssig, darüber zu spekulieren, wie die Welt aussehen würde, wenn sie anders verlaufen wäre.
Peschke erzählt, wie er am Anfang seines Geschichtsstudiums das kleine Taschenbuch «Was ist Geschichte?» (E. H. Carr) lesen musste. Darin wurde im eingebläut: «Geschichte ist nun einmal ein Bericht über das, was Menschen getan haben, aber nicht, was sie zu tun versäumt haben.»
Trotzdem meint der Autor, es sei sinnvoll sich Fragen zu stellen wie: Spielte bei einer Schlacht der Zufall eine Rolle? Hätte ein Herrscher überhaupt die Möglichkeit gehabt, anders zu handeln, als er tatsächlich gehandelt hat? Was wären in solchen Fällen die Folgen gewesen?

Siegreiche Deutsche
Nehmen wir als Beispiel den Ersten Weltkrieg. Es ist denkbar, dass weder England noch die USA eingegriffen und gegen Deutschland gekämpft hätten. Dann hätten wahrscheinlich die Deutschen gesiegt – mit riesengrossen Konsequenzen. Hans-Peter von Peschke zitiert dazu den 1964 in England geborenen Historiker Niall Ferguson:
«Nach einem deutschen Sieg hätte Adolf Hitler sein Leben wohl als mittelmässiger Postkartenmaler oder bescheidener alter Soldat in einem von Deutschland beherrschten Mitteleuropa beendet, über das es in seinen Augen wenig Grund zu Beschwerden gegeben hätte. Lenin hätte sein Wirken in Zürich fortsetzen und ewig darauf warten können, dass der Kapitalismus zusammenbräche – und wäre enttäuscht geblieben.»
Es kam anders. Deutschland wurde besiegt und gedemütigt. Hitler versprach, die erlittene Schande wiedergutzumachen und dem deutschen Volk zukommende Grösse und Würde zurückzugeben. Und hatte damit Erfolg, bald auch militärisch, indem er 1936 das bislang «entmilitarisierte» Rheinland besetzte und dort die völlige deutsche Souveränität errichtete. Was, wenn er dort eine Niederlage erlitten hätte?

Hitler musste zurücktreten
Hans-Peter von Peschke lässt in diesem Fall in seinen Phantasien «den ob seiner Jovialität populären Hermann Göring» an Hitlers Stelle Kanzler werden, unterstützt von Teilen der Nazipartei, denen Hitlers riskantes Spiel mit dem Feuer zu gefährlich erschien. Aus dem «Grössten Führer aller Zeiten/GröFaZ» wurde ein «EmFü», ein «emeritierter Führer», der in seinem Berchtesgadener Berghof den zweiten Teil von «Mein Kampf» verfasste …
Und hier noch eine fast Wirklichkeit gewordene Variante der Geschichte Hitlers, sein Tod auf dem Schlachtfeld. Im erwähnten Berghof zeigte der Reichskanzler 1938 dem damaligen britischen Premier Neville Chamberlain ein Gemälde, das einen englischen Soldaten auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs zeigt: «Dieser Mann hätte mich fast erschossen.» Tatsächlich ist es gut bezeugt, dass dieser Soldat namens Henry Tandey vor dem verwundeten Hitler gestanden hatte. Nach den schweren deutschen Bombardierungen der Stadt Coventry erzählte er:
«Ich konnte damals keinen Verletzten erschiessen. Wenn ich damals doch nur gewusst hätte, was aus ihm werden würde. Wenn ich jetzt all die toten Frauen und Kinder hier in Coventry sehe, wünschte ich mir, dass ich ihn nicht verschont hätte.»

Unaufhaltsam
Eine besondere Spielart der fiktiven Geschichtsschreibung ist der Einsatz von «Zeitmaschinen», die bestimmte Ereignisse ungeschehen machen; zum Beispiel das Attentat von Sarajewo, das zum Auslöser des Ersten Weltkrieges wurde.
Wissenschaftler kamen jedoch zur Erkenntnis, dass der Krieg auch ohne dieses Ereignis stattgefunden hätte. Sie stellten ernüchtert fest, es gäbe «einen Automatismus, mit dem von einem bestimmten Zeitpunkt an die militärische Planung politisches Eingreifen unmöglich macht, weil die Generalstäbe das Gesetz des Handelns an sich reissen».

Walter Ludin