courtesy
Besuchen Sie unseren Shop. Sie finden ein vielfältiges Kartensortiment und gesegenete Kerzen. Vielen Dank für Ihre Bestellung.

«Das ist es, was ich will»

Die Szene ist ebenso dramatisch wie berühmt: Franz von Assisi steht in einem bischöflichen Prozess nackt vor seinem Vater und verzichtet auf seinen ganzen Besitz. Unser Titelbild illustriert diese Szene. Und unser Mitarbeiter Niklaus Kuster erklärt ihre Hintergründe. Eben noch Luxuskaufmann und Festkönig in der Kleinstadt Assisi, verlässt Franziskus, der Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns, seine reiche Zunft als Bettler. Er lebt von diesem Frühling 1206 an vor den Stadttoren mit Randständigen – und mit dem armen Christus von San Damiano. Nicht in der Stadt, sondern vor ihren Mauern hat Franziskus den Gottessohn entdeckt. Nicht im entstehenden Prachtdom von Assisi, sondern in einer zerfallenden Landkapelle erlebt er Christi Gegenwart. Nicht in Klöstern und unter Klerikern singt er Gott Lieder, sondern mit den Ausgegrenzten am Rand der Gesellschaft. Leere Hände zeichnen sie aus: den Gottessohn am Kreuz, die Ausgegrenzten und den enterben Kaufmann. Nur leere Hände sind frei für Neues, für neue Beziehungen und eine Lebensfülle, die das Evangelium verheisst. Tatsächlich wird Franziskus zwei Jahre später nach einer bewegten Zeit des äusseren und inneren Loslassens ein Leben entdecken, von dem er voller Freude ausruft: «Das ist es, was ich will! Das habe ich gesucht! Das möchte ich von Herzen tun!»

Ehrgeizige Träume

Rollen wir die Geschichte etwas zurück, um zu verstehen, was Franziskus aufgibt und was er gewinnt! Auf der Sonnenseite Assisis aufgewachsen, geniesst er zunächst sein Leben im Zentrum der aufblühenden Stadt und einer der führenden Familien. Geschäftlich erfolgreich reitet der Textilkaufmann mit Modestoffen auf die Märkte, leistet sich ausgefallene Kleider und wird Anführer der Jugend.
Doch dann legen sich unerwartet Schatten auf sein Leben. Von ehrgeizigen Träumen getrieben, stürzt sich der Zwanzigjährige in den Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia. Die Schlacht am Tiber wird zum Debakel. Franziskus überlebt das Gemetzel und wandert in die Kerker der Rivalenstadt. Zusammengepfercht in Verliesen werden die Söhne der Feinde über Monate schikaniert und terrorisiert – bis Assisi nach einem Jahr einen demütigenden Friedensvertrag unterzeichnet. Gefährtenberichte erinnern sich, dass die Kriegsgefangenen an die Grenzen ihrer Kräfte kamen, verzweifelten oder erkrankten.

Schwer krank

Auch Franziskus kehrt mit erschütterter Gesundheit in seine Stadt zurück, wird hier schwer krank und erholt sich erst nach weiteren Monaten. Auf einen Stock gestützt tastet er sich zwei Jahre nach seinem hoffnungsvollen Aufbruch wieder ins Licht von Assisis Piazza. Wie er sein Kaufmannsleben wieder aufnimmt, bemerkt er mitten im sonnigen Alltag ein innerliches Dunkel, das sich nicht abschütteln lässt. Die bunte Welt von Stadt, Märkten und Festen hat ihre Farben verloren. Die innere Unruhe treibt Franziskus auf die Suche nach dem Sinn des Lebens – und nach einem Licht, das stärker ist als alle Finsternis. In dieser Krisenzeit werden drei Grundhaltungen wegweisend:
loslassen
zulassen
sich einlassen

Schon als Jugendlicher lässt Franziskus zu: familiäre Zukunftsplanung, Bildung und kühne Karriereträume. Er lässt sich ein: auf Lebensfreude, Feste, das Kaufmannsleben und städtische Zunftpolitik.

Und er lässt los: die alte Sozialordnung, die 1197 mit dem Sturm auf die Burg und 1198 mit der Errichtung der demokratischen Commune einem revolutionären Aufbruch weicht. Franziskus lässt auch seine Eltern los, wie er sich 1202 auf den Weg in den Krieg macht. Der junge Kaufmann stolpert da über seinen Ehrgeiz und stürzt in eine Lebenskrise.
Erneut lässt er zu: Erschütterungen durch Krieg, Kerker und Krankheit – und existenzielle Fragen, die seine Lebensinhalte danach verblassen lassen. Er lässt sich ein auf eine existenzielle Sinnsuche und zunehmende Zerrissenheit. Er lässt los: alte Träume, bürgerliche Werte, die Zukunftspläne der Eltern und seiner Zunft.
Franziskus sucht und findet in den Jahren nach dem Krieg schrittweise (1202–1206): Auch jetzt lässt er zu: Ängste, Fragen, Zweifel und Sehnsucht nach Licht. Er lässt sich ein: auf die Stille, die er draussen in Wäldern und Höhlen sucht, und auf Erfahrungen mit einem fern-nahen Gott, der ihn im Schweigen berührt.
Er lässt los: das Lebenszentrum Assisi, das nicht mehr die Mitte seiner Welt bleibt. Franziskus sucht und findet auch sozial: in Begegnungen mit Arbeitern, Bettlerinnen und Menschen, die draussen vor der Stadt am Rand leben. Er lässt zu: den Drang hinab in die Schattenwelt Assisis, Ängste vor den Aussätzigen und Sehnsucht nach Licht. Er lässt sich ein: auf Menschen in schmutzigen Gassen, auf Arme und Randständige, und auf neue Erfahrungen von Licht und Glück. Und er lässt los: Karriereaussichten in Assisi, alte Freunde und erfolgreiche Rollen im Welttheater seiner Stadt.

Wenn das Herz erwacht

Franziskus selber erinnert an eine Schlüsselerfahrung dieser Krisenjahre, die seinem dramatischen Bruch mit dem Vater vorausgeht. Wenige Wochen vor dem Prozess mit dem Vater begegnet er bei einem Ritt durch Assisis Ebene einem Aussätzigen. Der schmale Weg lässt ein Ausweichen nicht zu. Die späteren Gefährten berichten:
«Während er sonst vor Aussätzigen grossen Abscheu hatte, überwand er sich, stieg vom Pferd, reichte dem Aussätzigen ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Dieser dankte ihm mit dem Friedenskuss … Wenige Tage später nahm er eine grosse Summe Geldes und begab sich zum Leprosenhospital. Dort schenkte er jedem Kranken eine Gabe und küsste allen die Hand. Als er wegging, war ihm der bittere Anblick Aussätziger in innerste Freude verwandelt … Gott fügte es, dass er ein Freund der Aussätzigen wurde, so sehr, dass er später unter ihnen lebte» (Gefährten).
Franziskus deutet seine ersten menschlich nahen Begegnungen mit Aussätzigen als die entscheidende Wende in seiner Sinnsuche. «Der Höchste selbst» sei es gewesen, der ihm diese Erfahrungen ganz unten ermöglicht hat:
«Ich lebte zwanzig Jahre lang, als ob es Christus nicht gäbe. Damals schien es mir widerlich und bitter, Aussätzige zu sehen. Doch Gott selber hat mich zu ihnen geführt, und in der Begegnung mit ihnen ist meine Liebe erwacht. Da verwandelte sich in tiefstes Glück (Süssigkeit) für Leib und Seele, was mir bisher bitter erschien. Kurze Zeit nur, und ich verliess die bürgerliche Welt» (Testament).
Das Erwachen einer Liebe, die auf jeden Menschen zugeht, wird für Franziskus so kostbar und beglückend, dass er in der Folge aus der Welt seiner Zunft und seines Handelshauses aussteigt: Begegnung ist mehr als Geschäft, Beziehung erfüllender als Besitz, im Teilen mit den Kleinsten wird die Hand Gottes spürbar.

Gott auf Augenhöhe

Wenige Wochen nach der ersten Umarmung eines Aussätzigen sucht Franziskus eine nahe Landkirche auf. San Damiano liegt unterhalb Assisis und unweit des Leprosenhospitals. In seiner dunklen Armseligkeit erinnert das Kirchlein an eine Höhle. Franziskus ruft den Weltenherrscher an, den die Romanik lichtvoll über allem verehrt. Er allein kann «die Finsternis im Herzen erleuchten und einen Glauben schenken, der weiterführt, eine Hoffnung, die durch alles trägt, und eine Liebe, die niemanden ausschliesst».
Da geschieht ein zweiter Durchbruch. Die menschlichen Begegnungen haben den jungen Mann auf eine tief mystische Erfahrung vorbereitet. Als Franziskus im Halbdunkel betet, fällt sein Blick auf ein Ikonen-Kreuz. Es zeigt Christus ungewohnt: nicht auf einem Goldthron, sondern nackt am Kreuz, erscheint der Höchste schlicht und verachtet in menschlicher Armut. Nicht der Himmelskönig, sondern der Menschgewordene, nicht der Erhabene, sondern der Solidarische erwartet ihn. Nicht der Herr der Herren, sondern der Freund der Kleinen und Verstossenen berührt ihn da liebevoll, so wie der Aussätzige ihn kurz zuvor umarmt hatte. Mystische Erfahrung auf Augenhöhe – durch menschliche Begegnungen erschlossen.

Nackt und schutzlos

Giotto deutet das Ereignis in seinem weltberühmten Freskenzyklus mit eindrücklicher Symbolik: Franziskus kniet im zerfallenden Landkirchlein und blickt ergriffen zu Christus, der sich ihm am Kreuz auf Augenhöhe zeigt. Während der Kaufmann gut betucht eingetreten ist, zeigt der Erlöser sich nackt. Während Franziskus von starken Mauern und einem sicheren Dach geschützt wird, hängt sein Herr schutzlos im Regen.
Nun kann es kein Zurück mehr geben: keine Rückkehr in eine Familie, die über mehrere Häuser im Stadtzentrum verfügt, die ihren Reichtum in französischen Stoffen zur Schau trägt und Gewinne auf Kosten ihrer Arbeiter anhäuft. Der Hoffnungsträger der Familie hat eine andere Spur gefunden: einen Herrn, dessen Haus ausserhalb der Stadt zerfällt und der ihn da erwartet hat, wo die Opfer des städtischen Wohlstands ausgeschlossen um ihre nackte Existenz kämpfen.
Der Standortwechsel, den der reiche junge Mann nun vornimmt, lässt sich nur mit Liebe erklären – mit einer neu geweckten Liebe zu Menschen und zum Menschensohn am Rand dieser Stadt.

Ein neuer Vater

Nach seiner Erfahrung in San Damiano «nahm Franziskus voller Freude kostbares Tuch und ritt in die Stadt Foligno. Dort verkaufte er das Pferd und alles, was er bei sich hatte, und kehrte zur Kirche San Damiano zurück.»
Im Spoletotal erwachen die ersten Zeichen des Frühlings 1206, als der Kaufmann die17km Rückweg unter die Füsse nimmt. Für damalige Verhältnisse hat er ein Vermögen ausgegeben. Das Geld soll für den Wiederaufbau des Kirchleins verwendet werden. Der Vater reagiert heftig. Längst hat das seltsame Verhalten seines Sohnes ihn verärgert. Nun eskaliert der Konflikt. Pietro rückt mit Freunden gegen San Damianoaus. Franziskus weicht «dem väterlichen Zorn aus und hält sich einen Monat lang in einer nahen Höhle verborgen».
Franziskus braucht Zeit. Nur zu gut weiss er, wie hartnäckig der Vater seine Ziele verfolgt. In seinem Schlupfwinkel bestätigt sich der Entschluss, die bürgerliche «Welt zu verlassen». Das Tafelkreuz von San Damiano hält Franziskus Jesu Umgang mit menschlichem Wüten vor Augen: nackt und gewaltlos, voller Liebe und mit einem guten Vater über sich. Auf diesen Vater setzt auch Franziskus sein ganzes Vertrauen.

Öffentliche Gerichtssitzung

Nach 50 Tagen verklagt Pietro di Bernardone seinen Sohn vor den Konsuln der Stadt. Franziskus folgt der Vorladung nicht. Die Stadtbehörde verweist den zornigen Kaufmann an den Bischof. Guido I. lässt Franziskus durch einen Boten von San Damiano herrufen. Es kommt zu einer öffentlichen Gerichtssitzung vor dem Bischofspalais. Vor der ganzen Versammlung gibt der Bischof Franziskus folgenden Rat:
«Dein Vater ist gegen dich sehr verärgert. Wenn du also Gott dienen willst, so gib ihm das Geld zurück, das du hast und das vielleicht auf unrechte Weise erworben ist. Seine Wut wird sich legen, sobald er es zurück erhält. Gott selbst wird dir das Nötige verschaffen.»
Daraufhin inszeniert Franziskus ein radikales Zeichen. Er verschwindet kurz im Palais, tritt dann nackt vor Bischof, Versammlung und Vater, gibt ihm all seine Habe zurück und spricht die folgenreichen Worte: «Hört alle und versteht! Bis jetzt habe ich Petrus Bernardonis meinen Vater genannt. Von nun an werde ich sagen: ‹Vater unser im Himmel!› »

Lebensfülle und Geschwister

«Hört alle und versteht! … Unser Vater ist im Himmel!». Das Vaterunser wird dem enterbten, bettelarmen Büsser vor der Stadt dann zum Stundengebet werden und wirkt revolutionär. Franziskus entzaubert die Ständeordnung seiner Zeit. Wenn Gott der Vater aller ist, kann es keine väterliche Autoritäten unter den Menschen mehr geben, keine Unter- und Überordnung, keine Hirten und Herren mehr, weder Lehrer noch Schüler, sondern nur radikale Geschwisterlichkeit. Franziskus lebt zunächst allein und dann mit Gefährten eine liberté, égalité und fraternité, hinter der die Französische Revolution geistig zurückbleiben wird.
Er findet sein Leben im Frühling 1208 in den «Fussspuren Jesu». Wie die Apostel, die mit ihrem Rabbi durch Galiläa zogen, hat er für Christus alles verlassen. Und wie ihnen erfüllt der Meister die Zusage: «Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.» (Markus-Evangelium 10,29–30)

Bruder aller

Franziskus erlebt seine Lebensfülle als Bruder: ein Bruder den Ärmsten vor der Stadt und den Reichsten, die seine Armut herausfordert, ein Bruder mit Gefährten und mit Schwestern, die zu seiner Bewegung stossen, brüderlich freimütig vor Kardinälen und Grafen, und geschwisterlich vertrauensvoll im Lager des islamischen Sultans und Feldherren al-Kâmil.
Selbst die Tiere zeigen sich ihm als Geschwister. Der gemeinsame Lebensraum der Geschöpfe öffnet sich zum Himmel, der die Erde liebt. Der himmlische Schatz im irdischen Acker heisst für Franziskus Freundschaft: Gottes Freundschaft, für die er alles hingibt, und der Reichtum neuer Beziehungen, deren geschwisterliche Freiheit auf jeden Menschen zugeht.

Niklaus Kuster