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Viele lehnen Karl May als Trivialautor ab. Sie übersehen, dass in seinen Werken Visionen eines toleranten, verantwortungsvollen Zusammenlebens zu finden sind.

Als ich zehn oder elf war, habe ich Winnetou 3 gelesen. Die Küche war damals der einzige Ort, der geheizt wurde. Also sass die ganze Familie am Abend um den Tisch herum. Als ich las, wie Winnetou starb, hat es mich zu Tränen gerührt. Ich schämte mich, dies offen zu zeigen. Also verbarg ich mein Gesicht hinter den Händen. Die Tränen tropften das ganze Buch nass.

Was ist geblieben?

Ich habe als junger Mensch gern und viel Karl May gelesen. Doch irgendwann war meine Karl-May-Lesezeit vorbei. Vor ein paar Jahren aber fand ich in der Brockenstube eine alte Karl-May-Ausgabe. Es war: «Allah il Allah». Ich fing darin zu lesen an. Es faszinierte mich wieder, wie in meiner Kindheit. Seitdem habe ich mir etliche Karl-May- Bücher gekauft, ausgeliehen oder sie wurden mir von Freunden geschenkt. Manche Bücher las ich mit Begeisterung, manche fand ich weniger spannend.

Ich bin heute kritischer als damals. So unbefangen wie als Kind kann ich die Bücher natürlich nicht mehr lesen. Manches stört mich auch regelrecht. Kritische Stimmen über das Werk Karl Mays gab es ja schon immer. Doch was ist geblieben, das mich so anspricht?

Toleranz

Das ist zum einen die tolerante Haltung des Autors gegenüber anderen Kulturen. Er macht diese und ihre Eigenheiten nie lächerlich oder wertet sie ab. Es ist eine allgemeine Wertschätzung gegenüber dem Menschen gleich welcher Art; auch gegenüber jenem, der gefehlt hat.

Karl Mays Helden sind ehrenhaft, mutig; sie streben nicht nach Ansehen oder Gewinn. Sie haben Geduld und gehen unbeirrt ihren Weg. Sie beschützen die Schwachen und bekämpfen das Böse. Und selbst der «Bösewicht» bekommt immer noch eine Chance, sich zu ändern.

Karl May hat in seinen Büchern eine besondere Art, mit Problemen umzugehen. Er versucht, sie mit Fantasie zu lösen. Und er löst sie immer so, dass möglichst wenig Schaden angerichtet wird. Er manipuliert andere Menschen nicht, damit sie zur Einsicht gelangen. Er überzeugt durch sein Vorbild, was sich auf die Dauer als lebenswerter herausstellt.

Schutzengel

Eine ganz besondere Geschichte, die in mehreren von Karl Mays Büchern erscheint, hat mich fasziniert. Es ist die Geschichte von den «Engeln» (hier die Version aus «Winnetous Erben»):

Vor sehr langer Zeit war Amerika noch mit Asien verbunden. Es gab im hohen Norden eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten. Zu dieser Zeit kamen Menschen über die Brücke zu den Ureinwohnern von Amerika. Sie brachten Grüsse von ihrer Herrscherin. Die Boten hatten köstliche Geschenke mitgebracht. Es war ihnen jedoch verboten, Gegengeschenke anzunehmen. Denn eine Gabe, die erwidert werden muss, ist kein Geschenk. Die Gesandten erzählten, dass dort, wo sie herkämen, nur ein einziges Gesetz gelte, das Gesetz der «Schutzengel». Dort hätte jeder Mensch im Stillen der Schutzengel eines anderen Menschen zu sein. Wer sich entschliesse, der Schutzengel seines eigenen Feindes zu sein, der gelte als Held. Denn er hätte sich selbst überwunden. Dies geschehe aber heimlich, keiner wisse vom anderen, wer wessen Schutzengel sei. Erst wenn ein Schutzengel gestorben sei, würde dies bekannt.

Das gefiel den Menschen, und sie baten die Besucher ihnen bei der Einführung dieses Gesetzes behilflich zu sein. Sie taten, um was man sie bat und zogen dann wieder heim.

Nach jedem Menschenalter kam eine Gesandtschaft, um Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob das Gesetz auf dieser Seite der Erde noch gelte. So vergingen mehrere Jahrtausende. Es war so, als wohne der Himmel auf Erden und das Paradies stünde weit geöffnet. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Engel und Mensch, weil jeder Mensch ein Engel war, nämlich der Schutzengel eines anderen.

Doch plötzlich blieb die Gesandtschaft aus, die nächste und die übernächste auch. Die Brücke zwischen den Kontinenten war verschwunden. Und die Menschen vergassen, dass sie einmal Schutzengel füreinander gewesen waren. Das Paradies verschwand auf Erden. Ein jeder kümmerte sich nur noch um sein eigenes Glück und Wohlergehen und fühlte sich nicht mehr verantwortlich für seinen Mitmenschen.

Lebensvision

Soweit die Geschichte. Sie hat mich veranlasst zu überlegen, wie es denn wäre, der Schutzengel eines anderen Menschen zu sein, ohne dass dieser davon wüsste. Und wenn dieser sogar mein Feind wäre? (Es würde ja reichen, dass ich ihn nicht leiden könnte.)
Es ist ein christliches Bild, eine Lebensvision, wie ich sie oft gefunden habe, wenn ich Karl May las. Bei aller angebrachten Kritik – ja, ich lasse mich von der Vision anstecken!

Anke Maggauer-Kirsche
 

Indianische Weisheiten

Es gibt mehr als eine Strasse,
die zum Leben nach dem Leben führt,
es gibt mehr als eine Art zu lieben,
es gibt mehr als einen Weg,
die andere Hälfte seines Selbst in einem anderen Menschen zu finden,
es gibt mehr als eine Art, den Feind zu bekämpfen.

Wer sein Selbst nicht lieben kann, kann niemanden lieben.
Wer sich seines Körpers schämt, schämt sich alles Lebendigen.
Wer seinen Körper schmutzig findet, ist verloren.
Wer die schon vor der Geburt erhaltenen Gaben nicht respektieren kann,
kann nie etwas richtig respektieren.