courtesy

«Fahrend in einem bequemen Wagen / auf einer regnerischen Landstrasse / sahen wir einen zerlumpten Mann bei Nachteinbruch / der uns winkte / ihn mitzunehmen / sich tief verbeugend / Wir hatten ein Dach und wir hatten Platz und wir fuhren vorüber / Und wir hörten mich sagen, mit einer grämlichen Stimme: Nein / wir können niemand mitnehmen. / Wir waren schon weit voraus, einen Tagesmarsch vielleicht / als ich plötzlich erschrak über diese meine Stimme / dies mein Verhalten und diese / ganze Welt»
(Bertolt Brecht)

Ein Fremder, der hereingeholt werden möchte. Er verneigt sich tief, weil er um seine Abhängigkeit weiss. Er friert in den nassen Kleidern. Es ist bald Nacht. Viele Autos werden nicht mehr vorbeikommen. Aber da naht eines, das noch Platz hätte – vorbei.

Wir können niemand mitnehmen. Wir hatten Platz. Dennoch: Wir können niemand mitnehmen. Die verdreckten Polster. Die nassen Teppiche. Der Gestank. Und wer weiss, wen wir uns aufladen. Am Schluss kriegen wir ihn nicht mehr weg.

Die ganze Situation – ein einziges grosses Nein. Und dann der Wechsel von diesem anonymen Wir, das verhindert, dass jemand verantwortlich gemacht werden kann, zu diesem Ich, das über die eigene Stimme erschrickt.

Der Feind

«Wenn ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken » (Leviticus 19,33).

Es war offenbar noch nie einfach, fremd zu sein – auch vor Jahrtausenden nicht. Und die Angst vor dem Fremden ist uralt. Die Angst, dass er uns etwas wegnimmt, uns etwas antut. Der Fremde – der Feind, die Gefahr. Und setzt sich im vollen Bus neben mich der Mann aus Ruanda, wandert meine Hand zum Reissverschluss der Manteltasche und zieht ihn unmerklich ganz hoch.

Das Eigene ist das Gute. Das Fremde ist das Böse. Wir fürchten uns vor dem Fremden und vergessen, dass wir es sind, die in diesem bequemen Wagen sitzen, in der ungleich stärkeren Position. Wir fühlen uns vom Fremden bedroht und spüren nicht, wie bedrohlich wir auf ihn wirken. Wir ärgern uns, dass die Fremden laut und latschig sind, und verschwenden keinen Gedanken an die eigene Härte. Wir beargwöhnen die fremde Kultur und idealisieren die eigene, verurteilen etwa die Unterdrückung der Frau durch andere Gesellschaften und verdrängen, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass wir den eigenen Frauen überhaupt ein Stimmrecht eingeräumt haben.

Ich glaube, es atmet viel Unsicherheit hinter der Fremdenangst. Die einfache Erklärung, dass die Fremden schuld sind, an so vielem schuld sind, hat etwas Beruhigendes, weil das Verunsichernde so festgemacht und beseitigt werden kann. Sind die Fremden dann erst einmal alle weg, verschwinden die Probleme von alleine.

Nicht einfach

Ich schreibe das alles mitnichten von hoher Warte herab oder so, als ob ich selber nicht auch in diesem bequemen Wagen fahren, vorbeifahren würde. Und ich will nicht so tun, als ob Zusammenleben einfach wäre – es ist es nicht. Und das exotische Hirsegericht zu den mitreissenden Samba-Rhythmen am Flüchtlingstag auf dem sonnenbeschienenen Platz der Altstadt ist nicht Alltag.

Alltag ist, wenn die Tamilin für drei auswärtige Familien mitwäscht und die ganzen Kleider und Tücher drei Tage lang in der kleinen Waschküche hängen lässt. Wenn der frühmorgendliche Fischgeruch das betagte Ehepaar nach 40 Jahren aus der Mietwohnung hinaustreibt. Wenn die jungen Kosovo-Albaner stundenlang vor dem Einkaufszentrum herumhängen und Frauen anmachen. Wenn das bosnische Ehepaar arg selbstbewusst auftritt.

Und Alltag ist, wenn Asylsuchende von Nothilfe leben müssen, die diesen Namen nicht verdient. Wenn Kinder teilweise jahrelang in fensterlosen Zivilschutzunterkünften ihre Hausaufgaben erledigen müssen. Wenn ihre Väter und Mütter nicht arbeiten dürfen, obwohl sie nichts lieber täten, und wenn die beiden letzten Buchstaben eines Familiennamens darüber entscheiden, ob jemand eine Bewerbung um eine Wohnung oder Anstellung überhaupt eines Blickes würdigt. Es verbindet uns viel als Menschen und es trennt uns viel als Menschen. Und es ist sehr anspruchsvoll, sich aufeinander hin zu öffnen und voreinander nicht zu schützen.

Was ist fremd?

Aber, Moment mal: Was ist das überhaupt, fremd? Meint ausländisch tatsächlich fremd? Und warum ist mir dann Frau Schwarzentruber von nebenan viel fremder als Kirubananthini aus Sri Lanka? Und ist schweizerisch das Gegenteil von fremd? Nein. Das Gegenteil von fremd ist vertraut. Und es ist nie die Farbe einer Haut oder der Klang einer Sprache, die aus Menschen Fremden macht. Ich bin es, die aus Menschen Fremde macht. Es ist immer das Eigene, dass das Fremde definiert.

Und die Unterschiede innerhalb unserer eigenen schweizerischen Kultur sind mindestens ebenso gross wie die zwischen den Kulturen der verschiedenen Länder. Meine Kultur zumindest ist nicht die der geschorenen Schweizerköpfe und gereckten Schweizerarme auf der Rütliwiese. Auch nicht die Kultur derer, die ihre Köpfe noch am 1. Mai in schwarze Skimützen stecken und mit Pflastersteinen auf Rednerinnen und Schaufenster losgehen. Und sie ist auch nicht die Kultur jener, die ihre Köpfe nur den angesagtesten Haarkünstlern anvertrauen und in ebensolchen Bars Wochenende für Wochenende ein kleines Vermögen liegen lassen.

Oder anders gesagt: Ohne einen einzigen Senegalesen und eine einzige Serbin haben wir längst unter uns, was wir nicht wollen. Und wir könnten weder unsere Kranken pflegen noch unseren Müll entsorgen, hätten wir jene nicht, die wir nicht wollen.

Bala und Sükran

Wenn ich keiner und keinem von ihnen je begegne, auch wenn sie vielleicht jeden Tag meine Wege kreuzen, dann sind Fremde nicht viel mehr als Klischees und Gegenstände politischer Diskussionen. Keine Augen, kein Gesicht, nur Zahlen. Vor 25 Jahren noch waren Flüchtlinge für mich auch einfach Flüchtlinge.

Aber dann habe ich Bala – genauerhin Balachandran Pasupathy aus Chavakachcheri – kennengelernt und nach ihm noch viele andere Asylsuchende. Und ganz vieles hat sich verändert. Denn erst wenn ich weiss, wie sie heissen und welche Namen ihre Kinder tragen und welche Blumen bei ihnen zuhause wachsen, kann ich in ihnen die Menschen, kann ich in ihnen vielleicht gar meine Schwestern und meine Brüder, zumindest aber die Frau aus Eritrea mit ihren Träumen und ihrer Trauer sehen.

Sükran aus Kurdistan hat ihre Tochter übrigens Mizgin – «Überraschung » – genannt, weil sie sich die ganze Schwangerschaft über völlig sicher war, dass sie einen Jungen zur Welt bringen würde.

Gott, der Fremde

«Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt nach mir gesehen. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht» (Matthäus-Evangelium 25).

Die Fremden, die Flüchtlinge, die Asylsuchenden: die Repräsentantinnen und Repräsentanten Gottes. Wer an ihnen vorübergeht, geht an Gott vorüber. «Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort». Gott, der Obdachlose, der vor Nachtkälte zitternd an der Strasse im Regen steht und darauf wartet, von mir hereingeholt zu werden.

Wenn ich die Distanz zwischen den vielfältig Armen und mir aufgebe, dann beginne ich mit der Zeit zu spüren, dass ich selber gar nicht so anders, dass ich im Grunde überhaupt nicht anders bin. Und dass die Gleichheit mit dem anderen Menschen nicht weniger ist als ein Riesengeschenk. Ein Riesengeschenk!

Die Fürsorge, dieses «Für», das uns im Letzten auf Distanz hält, haben wir gut gelernt. Dieses «Mit» aber, das uns dieser Bruder aus Galiläa vorgelebt hat – es würde diesen neuen Himmel und diese neue Erde schaffen.

Jacqueline Keune