Zum Hauptinhalt springen

Franziskanische Vielfalt: Kapuziner-Reform

Im Jahr 2028 feiern die Kapuziner die sogenannte „Kapuzinerreform“. Was es mit dieser auf sich hat und warum die Konflikte nicht im Fokus stehen sollten, sagt Br. Theo Jansen aus dem Kapuzinerkloster Velp.

Wie entstand die Kapuzinerreform im Jahr 1528, deren Jubiläum für die Kapuziner im Jahr 2028 ansteht?
Br. Theo Jansen: Das Erste, was man sagen muss: Der Impuls zur Erneuerung ist bereits in Franziskus angelegt. Am Ende seines Lebens sagte er: „Brüder, lasst uns neu anfangen.“ Dieser Gedanke hat die franziskanische Geschichte bis heute begleitet. Die Menschen betonen dabei unterschiedliche Aspekte seines Lebens: den Franziskus der Anfänge, der Mitte seines Lebens oder seiner letzten Jahre. Es gab es immer verschiedene Deutungen seines Charismas. Diese Vielfalt gehört zum Reichtum des franziskanischen Erbes. Das Charisma des Franziskus ist so reich, dass es auf unterschiedliche Weise gelebt und verwirklicht werden kann.

Warum entwickeltet sich Anfang des 16. Jahrhunderts eine Reformbewegung, aus der die Kapuziner entstanden?
Die Kapuziner sind Teil einer allgemeinen und auch gesellschaftlichen Reformbewegung des 15. und 16. Jahrhunderts. Es war die Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit, die Zeit der Renaissance. Der einzelne Mensch rückte stärker in den Mittelpunkt. Das sieht man in der Kunst, in der Gesellschaft und ebenso in der Kirche. Schon lange vor Luther und Calvin gab es Reformbestrebungen innerhalb der Kirche. Konzilien beschäftigten sich mit Erneuerungen. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts entstanden neue Ordensgemeinschaften, etwa die Theatiner oder die Jesuiten. Die Kapuziner sind deshalb nicht isoliert zu betrachten. Sie gehören zu einer breiten Bewegung der Reform in Gesellschaft, Kirche und Orden.

Die Kapuziner waren auch nicht die erste franziskanische Reformbewegung.
So ist es. Bereits zu Lebzeiten des Franziskus gab es unterschiedliche Strömungen. Vereinfacht gesagt lassen sich drei Haltungen erkennen: Die einen wollten möglichst eng an den ursprünglichen Lebensstil des Franziskus anknüpfen. Andere orientierten sich stärker an der anerkannten Ordensregel und den kirchlichen Strukturen. Wieder andere suchten nach neuen Formen, um das franziskanische Ideal in veränderten Zeiten zu leben. Dreihundert Jahre lang versuchte man, alle Franziskaner unter einer Form zusammenzuhalten. Das gelang nie vollständig. Immer dann, wenn verschiedene Weisen franziskanischen Lebens anerkannt wurden, entstand mehr Ruhe. Neben dem Jahr 1528 ist das Jahr 1517 das wichtigste Datum. Zu diesem Zeitpunkt wurden zwei große Gruppen offiziell anerkannt: die Franziskaner-Observanten, die heutigen Franziskaner, und die Franziskaner-Minoriten. Elf Jahre später, 1528, wurden die Kapuziner anerkannt.

Was unterschied die Kapuziner von den anderen Zweigen?
Die Kapuziner verstanden sich als Gemeinschaft, die sich nicht nur an der Regel des Franziskus orientierten, sondern auch sein Testament in den Blick nahmen. Das Testament war für sie die erste Auslegung der Regel. Das ist auf jeden Fall typisch bei uns Kapuzinern.

Was genau suchten die ersten Kapuziner?
Diese franziskanischen Brüder wollten wieder stärker die Einfachheit und Armut der Anfänge leben. Viele fanden, dass große Konvente, umfangreiche Strukturen und die starke Einbindung in kirchliche Aufgaben den ursprünglichen Geist verdunkelt hatten. Besonders wichtig war ihnen das kontemplative Leben. Die Kapuziner betonten, dass jedes Apostolat aus dem Gebet hervorgehen müsse. Alles, was sie tun, soll aus der Gottesbeziehung heraus entstehen. Wenn ein Prediger merkt, dass er nicht mehr aus dieser inneren Quelle spricht, soll er zunächst zum Gebet zurückkehren.

War das bis dahin nicht so?
Ich würde das so nicht sagen. Es ist vielmehr so: Das Evangelium ist nie endgültig verwirklicht. Deshalb braucht es immer wieder neue Anfänge. Das gilt für jeden Orden und für die Kirche insgesamt. Erneuerung entsteht nicht nur aus Missständen. Sie entsteht vor allem aus dem Wunsch, das Evangelium intensiver zu leben.

Welche Rolle spielte Matteo da Bascio?
Matteo da Bascio war ein Franziskaner, der 1525 den Wunsch hatte, wieder als Wanderprediger zu leben. Er suchte eine ursprünglichere Form franziskanischen Lebens. Neben ihm waren insbesondere Ludwig und Raphael von Fossombrone wichtig. Sie erhielten 1528 die päpstliche Genehmigung für eine neue franziskanische Reformgemeinschaft. Das ist der eigentliche Beginn der Kapuziner. Anders als oft berichtet, war Matteo da Bascio keine klassische Gründerfigur. Er kehrte später sogar wieder zu den Franziskanern zurück. Die Kapuziner entstanden eher aus einer Bewegung heraus als durch das Wirken einer einzelnen Persönlichkeit, so würde ich es formulieren.

Dabei kam es auch zu Konflikten, die ersten Kapuzinerbrüder wurden verfolgt.
Jede Gruppe war überzeugt, den richtigen Weg zu vertreten. Das führte zwangsläufig zu Spannungen. Es gab Widerstand, Versuche, Mitglieder zurückzuholen, und teilweise auch politische Einflussnahmen. Dennoch, und das ist mir wichtig, würde ich die Konflikte nicht überbetonen. Entscheidend ist für mich, dass sich trotz aller menschlichen Schwächen etwas durchgesetzt hat, das über Einzelinteressen hinausgeht. Für mich ist das ein Zeichen der Führung Gottes.

Was genau feiert der Kapuziner-Orden im Jahr 1528?
Lange Zeit galt 1525, der Aufbruch Matteo da Bascios, als Beginn der Kapuziner. Die historische Forschung hat später gezeigt, dass die päpstliche Bulle von 1528 der eigentliche entscheidende Schritt war. Erst dadurch entstand eine eigenständige Gemeinschaft mit kirchlicher Anerkennung.

Gibt es heute noch Unterschiede zwischen Franziskanern, Minoriten und Kapuzinern?
Ja, das würde ich schon sagen. Auf dem Papier stimmen wir in vielen Punkten überein. In der Praxis haben sich über 500 Jahre verschiedene Traditionen entwickelt. Ich vergleiche das gerne mit Geschwistern: Sie wachsen in derselben Familie auf und entwickeln sich dennoch unterschiedlich. So ist es auch bei den drei franziskanischen Zweigen des ersten Ordens.

Was macht das kapuzinische Charisma aus Ihrer Sicht aus?
Für mich liegt die besondere Identität der Kapuziner weiterhin in der Orientierung an Regel und Testament sowie in der Verbindung von Brüderlichkeit, Einfachheit und geistlicher Tiefe.

Braucht es heute wieder eine Reform?
Eine schwierige Frage. Ich würde sagen: In der Theorie nein, in der Praxis schon. Es geht heute nicht mehr darum, neue Strukturen zu schaffen. Worum es aber schon geht: Wir müssen unser Profil schärfen. Die entscheidende Frage ist: Steht das brüderliche Leben für uns wirklich im Fokus? Für mich gehört das ins Zentrum. Und dann sollten wir stärker sichtbar machen, dass wir uns vom Heiligen Geist führen lassen wollen.

Warum braucht es die Kapuziner im 21. Jahrhundert noch?
Unser kleiner Beitrag ist wichtig. Wir können zeigen, dass man als Brüder das Evangelium leben kann, auch in dieser säkularisierten Welt. Vielleicht sind wir heute eher eine Kerze und kein großes Feuer. Vielleicht sehen nur wenige Menschen, was wir tun. Aber auch ein kleines Licht hat seine Bedeutung. Ich sehe es so, dass wir als Orden flexibel und veränderungsbereit sein müssen. Hören wir auf den heiligen Geist! Die Kapuziner haben keine festgelegte Aufgabe wie andere Orden, unsere Aufgabe ist es, auf das zu hören, was der Geist Gottes heute von uns verlangt.

Warum sind Sie gerne Kapuziner?
Das ist meine Berufung. Wenn ich auf mein Leben schaue, sehe ich viele kleine Ereignisse, die mich hierher geführt haben. Für mich ist das kein Zufall. Ich habe erlebt, dass Gott einen Weg mit mir gegangen ist. Deshalb bin ich bis heute gerne Kapuziner.

Das Interview führte Tobias Rauser

Franziskanische Vielfalt: Kapuziner-Reform