"pace e bene" und Franziskus
Unterschiedliche Grussformen werden Franz von Assisi nachgesagt. In Poggio Bustone ist dies beispielsweise "Buongiorno buona gente". So läuft am 4. Oktober ein Herold mit einem Tamburin durch das Dorf und grüsst in Erinnerung an Franziskus mit dem "Guten Tag gute Leute". Was ist von solchen Grüssen zu halten? Der Franziskusforscher und Kapuziner Niklaus Kuster hat sich für kapuziner.org mit dem bekannteren "pace e bene" auseinandergesetzt:
„Pax et bonum“ steht auf der Grünfläche vor Assisis Franziskusbasilika. Der Gruß wird weltweit in allen Sprachen verwendet (etwa „Pace e bene“ auf italienisch) und gilt als der markanteste aller franziskanischen Wünsche. Umso mehr erstaunt der Gang durch die Franziskus-Quellen: Keine der 1800 Seiten Zeugnisse schreibt den Wunsch Franziskus zu.
Der Gruß wird vielmehr von einem „Vorläufer“ verwendet: einem Mann, der in der Bürgerkriegszeit ab 1198 durch das zerrissene Assisi ging und sowohl die Adeligen der Oberstadt wie die Bürgerschicht der Unterstadt „Friede und alles Gute“ wünschte. Franz kämpfte im Bürgerkrieg mit, zog dann in eine Schlacht gegen Perugia, Zufluchtsort vieler Adelsclans von Assisi, geriet in Kriegsgefangenschaft und erlebte danach die Konflikte mit, die sein Städtchen bis zur politischen Neuordnung von 1210 strapazierten. Er muss den Gruß des Mahners gekannt haben, von dem die Dreigefährten berichten.
Warum nahm er den Wunsch nicht auf, als er im Frühjahr 1208 seine eigene Berufung in der Friedenssendung der Jünger Jesu erkannte? „Tragt Frieden in die Dörfer und Städte“, und tut es mit leeren Händen und schutzlos! Richtet Menschen auf, bringt Ausgeschlossene in die Gesellschaft zurück, heilt Kranke, befreit innerlich und äußerlich Gefangene! Diese biblische Sendung Jesu an seinen Kreis aktualisierte Franziskus in der eigenen Zeit. Er vermittelte Frieden und tat Menschen aller sozialer Schichten Gutes, doch fasste er dies nie in den Wunsch „pax et bonum“.
In seinem brüderlichen Leben als neuer Jünger Jesu richtete sich Franziskus beherzt nach dem Evangelium aus. Dieses nennt er „Leben und Regel der Brüder“. Getreulich der Aussendung der 72 Jünger schreibt er in die Regel der Brüder, ihr Gruß soll nach Lk 10,5 schlicht „Friede diesem Haus“ (Pax huic domui) sein (Regel von 1221, Kapitel 14).
Genau so wird der Poverello von den Mönchen im Sacro Speco von Subiaco, der Wiege der Benediktiner, im ältesten Fresko dargestellt: in schlichter Kutte, barfuß, mit der Kapuze der Wanderbrüder über dem Kopf durch ihre Pforte tretend, einer offenen Hand und einem Pergamentstück in der anderen Hand, auf dem „PAX HVIC DOMVI, LC X V“ steht. Das Lukasevangelium wird als Quelle und Richtschnur des neuen Jüngers Jesu ausdrücklich vermerkt. Im parallelen Fresko des Mönchsvaters präsentiert Benedikt Abtstabbund sein eigenes Regelbuch mit dem Eingangsvers „Höre, o Sohn, auf die Vorschriften des Meisters“ (des Abtes): Welch bemerkenswerter Kontrast!
In seinen Briefen verwendet Franziskus dann sehr wohl erweiterte Versionen des Friedenswunsches. Insgesamt 13-mal spricht er in den eigenen Schriften von Frieden, und 51-mal vom Guten (bonum), allerdings nie kombiniert. Im Brief an Bruder Leo wünscht er dem liebsten Gefährten: „Lebensfülle und Frieden“ (salus et pax), ebenso den verantwortlichen Brüdern im Brief an die Kustoden. Im Rundbrief an die „Lenker der Völker“ fügt er ein „für alle Menschen“ (omnibus) hinzu, was an die Weihnachtsbotschaft der Engel erinnert. Der zweite Brief an die Gläubigen wünscht allen „Friede und Liebe“ (pax et caritas). Bruder Antonius wünscht Franziskus schlicht „Friede“ (pax) und seiner Freundin Jacopa de Settesoli „Lebensfülle und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“.
Warum Franziskus, offen für Erweiterungen des Friedenswunsches, nie „bonum“ hinzufügt, erklärt sich mit einer anderen Evangelienstelle: Nach Mk 10 und Mt 19 ist „Gott allein gut“, und der Mensch soll das Gute nicht aneignen, sondern Gott zuschrieben und ihm „zurückerstatten“. Den Frieden dagegen soll er von Gott empfangen, im Herzen tragen und auch in Stress und Streit nie verlieren. So macht es die Erzählung „Von der wahren Freude“ deutlich.
Die beiden unterschiedlichen Zielrichtungen – den Frieden empfangen, bewahren und verbreiten, das Gute Gott zueignen – erklären, warum Franziskus „pax et bonum“ nie ein einem Atemzug nennt und wünscht. Dennoch dürfen wir den Gruß als biblischen Wunsch verwenden, etwa im Sinn des Psalmverses „Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15).
Text: Br. Niklaus Kuster, Kapuziner in Rapperswil