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Monate auf dem Jakobsweg

Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela erlebt heute eine Renaissance. Welche Erfahrungen macht man, wenn man mehrere Monate darauf unterwegs ist?

Der Gedanke hatte mich schon lange fasziniert: den Rucksack zu packen und dann drauflos zu marschieren, ohne zu wissen, wo man am Abend ankommt und wohin man am Morgen weitergeht – ein Aufbrechen ins Unbekannte, das irgendwann einmal zu einem Ziel führen würde.

2000 Kilometer von hier

Aus der Idee wurde ein Entschluss, und so stand ich eines Morgens im Juni tatsächlich vor der Haustür und nahm Abschied. Es war ein eigenartiges Gefühl, den Schlüssel nochmals im Schloss herumzudrehen und ihn dann den Freunden zu übergeben, die zahlreich erschienen waren, um mir bei den ersten Schritten auf meinem neuen Weg nachzuwinken.

Vorerst war es allerdings der alte Weg, den ich schon so oft für Spaziergänge gewählt hatte: Zwischen den Häuserzeilen des Zürcher Stadtrandquartiers hindurch, den dahinter liegenden Hügel empor, und dann bis zur nahe gelegenen Stadtgrenze. Dort stehe ich nun und sehe das Vertraute mit neuen Augen. Mein Blick gleitet über die Häuser und Hügel Richtung Nordwesten bis hin zum Horizont, dorthin, wo ich mein Ziel nur mal gerade vermuten kann – 2000 Kilometer von hier; unvorstellbar, dort eines Tages anzukommen.

Ein Pilgerweg beginnt vor der eigenen Tür, hatte ich mir von Anfang an gesagt. Denn schliesslich hatte ich den Weg nach Santiago de Compostela nicht deshalb gewählt, weil es heute schon geradezu Mode ist, auch einmal dort gewesen zu sein. Auch gehöre ich nicht zu den speziell Wanderbegeisterten. Ebenso wenig konnte mich die Idee des Sündenerlasses, der die traditionell Gläubigen am Ziel erwartet, überzeugen.

Die Faszination lag für mich vielmehr in diesem uralten Symbol des Weges: Der Weg, auf den man aufbricht und an dessen Ende man ankommt, der mit Irrwegen, Umwegen, Überraschungen und Enttäuschungen verbunden ist, der einen formt und wandelt – wahrhaftig ein Abbild des Lebens und des Glaubens!

Tägliche Schwierigkeiten

Ich hatte es mir allerdings einfacher vorgestellt. Mein erstes Wegstück führt mich durch die Kantone Aargau, Luzern und Bern. Anders als heute ist die Strecke (zum Zeitpunkt meines Pilgerweges) noch nicht beschildert. Erst im Kanton Fribourg werde ich dem ersten der braunen Schilder mit Jakobsmuschel begegnen und es geradezu erleichtert begrüssen.

Schon bald wird mir klar, was Unterwegssein bedeutet: Immer weitergehen, auch bei Regen und Hitze, durchhalten, auch bei Müdigkeit und mit schmerzenden Füssen; und dies nicht nur ein paar Tage, sondern Woche für Woche. Wie ich nach Lausanne und Genf schliesslich das einsame Gebiet der französischen Voralpen erreiche, ist meine romantische Idee des spielerischen Weiterwanderns längst einer grossen Anspannung gewichen: Gibt es in den abgelegenen Dörfern Lebensmittel zu kaufen? Wie lange reicht mein Wasservorrat bei der sommerlichen Hitze?

Manchmal denke ich an jene Freundinnen und Freunde, die mich vor der Abreise mit tiefsinnigen Gedanken über das Pilgern versorgt hatten. «Beim Pilgern findet man sich selber», so eine der verheissungsvollen Aussichten. Doch vorläufig beschäftigt mich viel mehr die Frage, wie ich am Abend noch rechtzeitig eine Unterkunft finde.

«Pilgern ist der Weg ins eigene Innere», hatte man mir ebenfalls versprochen. Doch die äussere Welt nimmt mich mehr denn je in Anspruch – wenn der Rucksack drückt, ein Gewitter droht, der Weg im Gestrüpp entschwindet oder sich mir beim nächsten Bauernhof schon wieder ein gefährlich knurrender Hund in den Weg stellt.

«Hast du nicht gemerkt», wird mich Schwester Marie-Dominique später in einer der klösterlichen Herbergen fragen, «dass deine Erfahrungen genau dem entsprechen, was Pilgern eben wirklich ist? Pilgern ist die Erfahrung von Fremdsein, von Ausgesetztsein; nicht von ungefähr leitet sich das Wort vom lateinischen ‹peregrinus› (deutsch: der Fremde) ab.»

Sehnsucht ohne Namen

Ich empfinde es als ersten Meilenstein auf meinem Weg, wie ich im August in Le Puy am Fuss des französischen Zentralmassivs ankomme. Das schwierigste Stück des Weges – 500 Kilometer – liegt hinter mir. Nun ist es vorbei mit dem mühsamen Suchen nach gangbaren Wegen und Unterkünften. Denn hier beginnt die berühmte «Via Podiensis», eine der vier grossen Pilgerstrassen, auf denen zu mittelalterlichen Zeiten die Pilger und Pilgerinnen durch Frankreich zogen. Heute ist der Weg sorgfältig ausgeschildert und gut instand gehalten. Denn die Wanderung über das eindrückliche Hochplateau zieht Einzelne wie Gruppen in Massen an.

Von einem Tag auf den anderen ändert sich mein Umfeld völlig. Statt wie bisher in völliger Einsamkeit bewege ich mich nun in einer bunten Karawane von Pilgergruppen aus allen Nationen und Kontinenten. Es gibt nichts, was es nicht gibt, stelle ich fest. Von jenen gut organisierten Gruppen, die sich von Gepäck- und Küchenwagen samt Tiefkühler begleiten lassen, bis zu jenen, die den halben Hausrat, inklusive Föhn und Reise-Bügeleisen, auf dem Rücken mittragen.

Es gibt jene, die beim Wandern fast ununterbrochen am Natel hängen, und jene, die ihren Laptop in den Rucksack gepackt haben, um dann allerdings abends entnervt von Herberge zu Herberge zu rennen, weil der Internetanschluss nicht funktionieren will. Meine Erkenntnis, dass Pilgern mit Fremdsein und Reduktion auf die elementaren Lebensbedürfnisse zu tun hat, muss ich bald wieder revidieren.

Was bewegt die Menschen

Doch was bewegt so viele Menschen, sich trotz des schweren Verzichts auf das Gewohnte auf den Weg zu machen? Diese Frage, die mich während der ganzen Reise beschäftigt, führt am Abend in den Herbergen oft zu intensiven Gesprächen. Für die einen – meist sind es Männer – liegt ein sportlicher Reiz darin, mittels der pro Tag zurückgelegten Kilometer Rekorde aufzustellen. Andere haben einen esoterischen Zugang zum Weg gefunden, der mit seiner uralten, auch schon vorchristlich dokumentierten Geschichte genügend Stoff dazu liefert. Es gibt, wenn auch selten, die gut katholischen Pilgerinnen und Pilger, die als Dank für ein erhörtes Gebet oder als Bittgang das Grab des Apostels Jakobus in Santiago aufsuchen wollen.

Die meisten aber können ihrer Sehnsucht keinen Namen geben. Ein Umbruch im Leben, die Suche nach neuer Ausrichtung, zum Beispiel nach der Pensionierung oder einem Schicksalsschlag, die Hoffnung auf wichtige Einsichten hat sie getrieben – Pilgerweg als Abbild des Lebenswegs.

Der Weg ist das Ziel

Inzwischen ist es Oktober geworden und ich habe Spanien erreicht. Mein Ziel rückt näher, der Weg wird leichter. Hat mich deshalb eine so eigenartige Gelassenheit ergriffen? Oder liegt es an der kastilischen Hochebene, jener sich über rund 200 Kilometer hinziehenden, baumlosen Landschaft, die einem den Eindruck vermittelt, geradezu in die Unendlichkeit hinauszulaufen? Die mich immer wieder packenden Zweifel, ob ich überhaupt je ankommen werde, sind jedenfalls gewichen.

Es kommt nicht auf das Ziel an, wird mir immer deutlicher bewusst. Die Hauptsache ist, unterwegs zu sein, zu gehen und zu schauen, auf die Erde und in den Himmel, die hier manchmal geradezu zu verschmelzen scheinen. Ich laufe weiter, Tag für Tag, Kilometer um Kilometer – nein, nicht mehr ich laufe, es läuft mit mir.

Viele Vorstellungen über das Pilgern habe ich inzwischen in meinen Gedanken bewegt. Wer auf dem Jakobsweg wandert, kommt nicht daran vorbei, sich mit der Pilgertradition zu befassen, die vor allem im Mittelalter ihre Blütezeit hatte. Es gilt, sich mit beeindruckenden, befremdenden und manchmal auch erschreckenden Zeugnissen über die Jakobus-Verehrung auseinander zu setzen: mit liebevoll gemalten Wundererzählungen bis hin zu Darstellungen eines Kämpfer-Apostels, der hoch zu Ross das Schwert schwingend seine Feinde gnadenlos niedermetzelt. Wo können wir heutigen Pilgerinnen und Pilger uns wieder finden?

Die entscheidende Antwort kam mir nicht im mittelalterlichen Pilgerverständnis, sondern in der noch älteren Pilgertradition des Mönchtums entgegen. Im Gegensatz zur Tendenz der Veräusserlichung, welche das Pilgerwesen immer wieder zu banalisieren drohte, stand im Zentrum des monastischen Pilgerns der Gedanke der konsequenten Nachfolge. Der Bibelvers «Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege» (Lukas 9, 58), galt dabei als Leitsatz. Wie Jesus als Fremder, ohne feste Bleibe und ohne Besitz in dieser Welt zu leben: darum ging es den wandernden Mönchen. Unterwegssein als Ausdruck der Hingabe an Gott – diese Pilgerschaft dauert ein Leben lang.

Am «Ende der Welt»

Im November bin ich in Santiago de Compostela angekommen. Sprachlos stand ich in dem pompösen, mich mit seinen Goldstuckaturen fast erdrückenden Jakobsheiligtum. Dass gerade renoviert wurde und die Kirche unter Hammerschlägen und Pressluftbohrer-Getöse erzitterte, mag auch seinen Teil zum negativen Erleben beigetragen haben. Doch auch die Touristengruppen, deren Führer sich selbst während der Messe einen Konkurrenzkampf in Lautstärke lieferten, liessen jegliche spirituelle Dimension verschwinden.

«Warum bist du so enttäuscht», fragte ich eine Mitpilgerin, die ähnlich wie ich reagierte. «Hast du mir unterwegs nicht mehrmals gesagt, dass dir das Religiöse nichts bedeute?» Nachdenklich kam die Antwort: «Ja, aber wenn man aufgebrochen ist, dann muss man doch auch irgendwo ankommen – und ist hier das, was wir uns unter Ankunft vorgestellt haben?»

Und so bin ich nochmals aufgebrochen: nach Finisterre, dem Küstenzipfel, der rund 100 Kilometer hinter Santiago liegt und im Mittelalter als das «Ende der Welt» galt. Auch damals waren die Pilger oft bis Finisterre weitergegangen und hatten am dortigen Strand – so jedenfalls eine unter anderen Deutungen – die berühmte Jakobsmuschel gesucht, die sie dann als Zeichen für das Angekommensein nach Hause mitbrachten.

So laufe auch ich jetzt nochmals weiter, auf einem immer schmaler werdenden Landstreifen Richtung Westen, der langsam untergehenden Sonne entgegen. Bis der Weg endgültig zu Ende ist und nichts anderes mehr vor meinen Füssen liegt als das Meer in seiner grandiosen Unendlichkeit. Und ich weiss, dass ich jetzt endgültig angekommen bin.

Christine Voss, Redaktorin, Reformierter Kirchenbote für den Kanton Zürich