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Das traditionelle Ziel der Mission war die Bekehrung möglichst vieler „Heiden“, um sie vor dem „ewigen Feuer“ zu bewahren. Heute steht der Aufbau des Reiches Gottes im Vordergrund.

 Mission als Bekehrung?

Bekehrung und Taufe als Ziele von misso ad gentes (Sendung zu den „Heiden“) sind ausschliesslich auf die Anhänger nichtchristlicher Religionen und Atheisten ausgerichtet. Muss die auf diese gentes abzielende Mission jedoch ihre Bekehrung und Taufe zum Ziel haben, wie Johannes Paul II dies forderte? Falls ja, stehen wir vor einer bitteren Wahl: Entweder erklären wir bei unserer auf die gentes ausgerichteten Mission vorbehaltlos, in aller Ehrlichkeit und von Beginn an, dass es unsere eigentliche Absicht ist, sie zum christlichen Glauben zu bekehren, sie zu taufen und damit zu Mitgliedern der Kirche zu machen.

Können wir dann aber allen Ernstes erwarten, dass die Anhänger anderer Religionen und die Atheisten uns wohlwollend Gehör schenken? Oder wir verbergen unsere Absicht trickreich unter dem Deckmantel des «Dialogs» oder der sozialen Wohlfahrt, um uns das Wohlwollen zu erschleichen. Wie wir es auch drehen: Das Dogma, die Ziele von missio ad gentes bestünden in der Bekehrung und Taufe, endet in einer theologischen Zwickmühle.

Die Hoffnung auf einen Ausweg aus dieser Zwickmühle und eine Neufassung der Ziele von missio ad gentes in ihrer traditionellen Auslegung beruht auf jüngsten theologischen Entwicklungen: Erstens eine tiefere Wertschätzung des wirksamen Willens Gottes, alle Menschen zu erlösen, was der rettenden Gnade Gottes unbegrenzte Horizonte öffnet.

Zweitens ein geschärftes Bewusstsein für die Gegenwart und das Wirken des Heiligen Geistes und der göttlichen Gnade ausserhalb der sichtbaren und institutionellen Grenzen der Kirche – und damit die Bejahung der Möglichkeit der Erlösung der Menschen ausserhalb der Kirche.

Drittens ein klareres Verständnis der fortdauernden Gültigkeit von Gottes Bund mit Israel und der Verbindung zwischen Judentum und Christentum, was die christliche Mission in Richtung der Juden theologische in Frage stellt.

Viertens ein geschärftes Bewusstsein für den jüdischen Hintergrund Jesu, was einerseits Christentum und Judentum enger miteinander verknüpft und andererseits die historischen, kulturellen und religiösen Grenzen Jesu als All-Erlöser und seiner Lehrer offenbart.

Fünftens ein grösseres Wissen – akademisches und Erfahrungswissen – über nichtchristliche Religionen, was den spirituellen Reichtum ihrer Lehren und Praktiken offenbart, aus denen Christen lernen können und sollen, bessere Christen zu sein.

Und sechstens ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass keine Religion – christlich oder anderweitig – beanspruchen darf, das Göttliche lückenlos und perfekt zu verstehen, und keine religiöse Organisation, auch wenn sie vorgibt, sich im Besitz der endgültigen Offenbarung Gottes zu befinden, beanspruchen darf, die bekannten Wahrheiten perfekt zu praktizieren – was jeden Überlegenheitsanspruch einer Religion ausschliesst und die Religionen anhält, voneinander zu lernen und einander zu korrigieren.

Diese theologischen Grundsätze nehmen der Notwendigkeit und Dringlichkeit der missio ad gentes mit ihrer Ausrichtung auf Bekehrung und Taufe die Schärfe. Missio ad gentes erfolgt nicht mehr aus der Sorge heraus, dass die gentes (Heiden) ohne Bekehrung und Taufe zur ewigen Hölle verdammt sind und dass nichtchristliche Religionen und ihre Anhänger ohne die christliche Offenbarung in Unwissen, Aberglaube und Sittenlosigkeit verharren. Die Geschichte hat gezeigt, dass Christentum und Christen keineswegs stärker gegen diese Fehler und Sünden gefeit sind als nichtchristliche Religionen und ihre Anhänger und – wichtiger noch – dass sich Nichtchristen nicht weniger als Christen durch Heiligkeit auszeichnen.

Diese Missiologie schafft missio ad gentes keineswegs ab, sondern besagt vielmehr, dass missio ad gentes unbeschadet ihrer Notwendigkeit nicht auf Bekehrung und Taufe als Ziel ausgerichtet sein darf. Ganz im Gegenteil: Die Ziele dieser Mission müssen der grundlegenden Realität untergeordnet werden, die der eigentliche Zweck des Wirkens Jesu ist, nämlich das Königreich beziehungsweise die Herrschaft Gottes.

Fraglos gibt es eine immanente Einheit zwischen der Herrschaft Gottes und der Kirche, aber die eine darf nicht mit der anderen gleichgesetzt werden. Vielmehr ist die Herrschaft Gottes viel breiter gefasst als die Kirche und findet sich auch dort, wo es die Kirche nicht gibt, mitunter sogar trotz der Kirche, vor allem dann, wenn die Kirche ihren Idealen nicht gerecht wird. Die Kirche ist nicht mehr als das (mehr oder weniger glaubwürdige) Symbol und Instrument («Sakrament») der Herrschaft Gottes, der sie sich als ihrem telos unterordnen muss.

Peter C. Phan, Professor in Washington, in Forum Weltkirche 6.15