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Der Versuch, die Mode über einen längeren Zeitraum zu deuten, bringt ein überraschendes Ergebnis: Heute kann man mit der Mode keine Weltanschauung mehr ausdrücken. Höchstens noch Persönlichkeit.

Seit sich die Höhlenmenschen und später die Pfahlbauer in die Felle erbeuteter Tiere hüllten, spielen die Kleider im Leben der Menschen eine zentrale Rolle. Gottfried Kellers Novelle, 1874 geschrieben, kann in ihrer Doppelsinnigkeit bis heute bestehen: «Kleider machen Leute.» Ohne Kleider gäbe es keine Mode. Ein nackter Leib verfängt nicht. Schon die griechischen Statuen waren mit Marmor bedeckt und selbst am FKK-Strand ist eine Frau erst eine Schönheit, wenn sie braune Haut «angezogen» hat.

Das Grundmuster ist alt

Die Kulturhistorikerin Anne Hollander hat sich ausführlich mit der menschlichen Verkleidungskunst befasst. Interessant ist ihre Behauptung, Mode habe sich seit dem späten Mittelalter nicht gewandelt. Das Grundmuster der neueren europäischen Kleidung, das, was man heute als Herrenanzug kenne, sei im 13. Jahrhundert geschaffen worden. Das antike Gewand bestand aus Tüchern, die den ganzen Körper umflossen.

Der zweigeteilte, nachantike Anzug ist um den Körper herum geschneidert worden, er besass nun Röhren für Arme und Beine. Dazu Anne Hollanders These: «Dies ist eine Verpackung in Ober- und Unterkleid nach dem Vorbild der Krieger.» Als Erinnerung an die Antike blieb, bis ins 20. Jahrhundert, bei den Frauen der Rock.

Winken mit dem Handy

Lange haben Männer den Frauen eingeredet, Mode sei nichts als eine unnötige Maskerade. Gleichwohl haben sie ihnen immer neue fantastische Kostümvarianten vorgeschlagen. Feministinnen behaupten, Männer seien die Sündenböcke, sie steckten die Frauen in verführerische Gewänder, um sich selbst zu ergötzen. Wahrscheinlich stimmt es, dass wir Frauen erst durch diese Kritik an der Schönheitsindustrie auf die Manipulation des Marketings aufmerksam wurden.

Heutzutage müssen junge Mädchen das Erwachen der Liebe nicht mehr durch Bänder und Schleifen und schöne Kleider ankündigen. Sie brauchen auch nicht mehr (nur) mit Augen, Hüften und Stoffen zu winken. Selbstbewusst versenden sie per Handy Bildschriftzeichen. Machen die Funktionen des mobilen Telefons die Mode überflüssig?

Mode im Ohr

Theater, Tanzanlässe und Konzerte dienten früher dem Bürgertum, Mode vorzuführen. Nur wer Zugang zum Bild, der Bühne oder dem Buch hatte, konnte den Anforderungen der Mode genügen. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel war die Mode ein Repetitorium der Kunstgeschichte. Frauen trugen Kleider «à la grècque» oder «à l’orientale». Das Wissen über die Stile bezog man aus den historischen Gemälden.

Der Modeauftrieb der jungen Frauen findet heute in Diskotheken und bei Open-Air-Festivals statt. Einzig die Künstlerin, angestrahlt von Scheinwerfern, trägt die exzentrische Kreation eines Designers. Die Sängerin auf dem Podium bleibt im Alltag eine Erinnerung, die der Knopf im Ohr wieder auferstehen lässt: Mode tritt durchs Musikhören ins Bewusstsein.

Der Körper passend zur Mode

Im 20. Jahrhundert hat der Körper über das Kleid gesiegt.«Bodystyling ist wichtiger als Kleiderdesign», sagt die Literaturprofessorin Hannelore Schlaffer. Die Sportlichkeit und die Dynamik des Körpers darunter machen es möglich, darüber ein bequemes, unauffälliges Kleid zu tragen.

Ist der trainierte, weibliche Leib unterm Kleid etwa wichtiger als das Kleid selbst? «Ja», behauptet Schlaffer, «die Frauen unterwerfen sich dieser Körperkultur, einer domestizierten Form des männlichen Kampfgeistes.» Magerkeit und Muskelaufbau seien zwei schwer vereinbare Ziele, inkompatible Strategien wie Gefallsucht und Kampfgeist. Frauen, schon immer Künstlerinnen der Anpassung, hätten das Unmögliche möglich gemacht. Tatsächlich fordert jede Mode einen entsprechenden Körper.

Wenn Mädchen heute «Retro» tragen, «holen» sie die Kleider aus der Mottenkiste ihrer Grossmütter: zerschlissene Hosen, Pullover mit asymmetrischen Ärmeln, Röcke mit Zipfeln und Rissen. Mit «Retro» und «Bodystyling», so macht es den Anschein, käme die Mode aus der Mode.

Trendfarbe Schwarz

Draussen promenieren Menschen, gemütlich, gelangweilt, hastig oder in sich versunken. Der Fensterplatz im Berner Kaffeehaus ist wie geschaffen für unsere – zufälligen – Beobachtungen. In Sachen Mode können die befreundete Schneiderin und ich an diesem frostigkalten Novembertag unschwer zwei Mehrheiten ausmachen: Die vorherrschende Kleiderfarbe ist dunkel, meist schwarz und fast alle tragen Hosen, grösstenteils Jeans und Daunenjacken. «Ein Kleiderdiktat wie im früheren China», lacht Ines, die Schneiderin.

Woher kommt die alles dominierende Farbe Schwarz? Die Freundin zitiert die – kürzlich verstorbene – Zürcher Kostümdesignerin Christa de Carouge, die der Ansicht ist, Schwarz sei die Konzentration auf das Wesentliche. Die praktische Bekleidung ist das Markenzeichen der international renommierten Modeschöpferin,und ihre ausschliesslich schwarzen Kleidungsstücke werden in Schichten übereinander getragen. Da Carouge nur Materialien wie Seide, Woll- und Baumwollstoffe verwendet, können sich nur wenige ihre Kleider leisten. Man(n) und frau von der Strasse trägt warme, wetterfeste Hightechstoffe.

«Total egal» ist «in»

Unabhängig vom Geschlecht und Alter bevorzugen fast alle, die an uns vorbeiziehen, enge, schmalgeschnittene Jeans. Das betont männliche Beinkleid, das roh, strapazierfähig und ursprünglich für besonders harte Arbeit geeignet war, wird heute oft von den Jugendlichen über dem Knie absichtlich zerschlissen. Ich frage die mich begleitende Freundin, woher das Wort Jeans stamme: «Gènes ist eine Ableitung des französischen Namens für die Stadt Genua, wo der seit dem 16. Jahrhundert hergestellte robuste Baumwollstoff hergestellt wurde.» Erst in den 1950er-Jahren hat sich die Damenhose als Kleidungsstück bei uns durchgesetzt.

«Wenn es derzeit bei der Öffnung des Modemarktes überhaupt noch einen Kampf um die äussere Erscheinung gibt, so findet er wahrscheinlich zwischen Eltern und Kindern statt», sagt Hannelore Schlaffer. «Mit löchrigen, ausgewaschenen Jeans und ausgefransten Ärmeln finden Junge beiderlei Geschlechts ihre ‹Total-egal-Kleidung› sehr chic.»

Bequem ist lässig

Um der Kälte zu trotzen, so scheint uns, hätten viele der unter den Berner Lauben flanierenden Männer und Frauen ihre Steppdecke «Made in China» vom Bett genommen und diese zu Daunenjacken umschneidern lassen. Vorherrschend auch hier das Bedürfnis nach Lässigkeit und freier Bewegung.

Die meisten Mädchen tragen wanderschuhartige Stiefel mit dicken Sohlen. Oder sie stecken, wie die männlichen Jugendlichen, in Sneakers und kurzen Socken, welche die Knöchel kaum bedecken. Dass sie sich dabei nicht erkälten, bestätigt mir Ines, die Mutter von drei Teenagern.

Unsere Blicke bleiben haften an einer Dame, die zu Jeans Stöckelschuhe trägt, sich vorsichtig und sehr hüftbetont vorwärtsbewegt und sich laut Ines in jene schwankende Bewegung bringt, welche um männliche Hilfe fleht. Könnte es also wahr sein, dass Pumps mit hohen Absätzen ein unbequemes Überbleibsel der höfischen Tanzkultur sind?

Schwanger ist chic

Zwei hochschwangere Frauen mit wadenlangen Strickmänteln betreten das Café. Anders als Generationen von Müttern vor ihnen, wollen sie ihre Schwangerschaft weder tarnen noch verstecken. Unter dem offenen Mantel tragen sie kein weites Gewand, im Gegenteil, ihre Schwangerschaft wird modisch chic zur Schau gestellt: in hautengem Schlauchkleid bei der einen, in knappem T-Shirt und schmalen Jeans bei der andern. Ihren vorgetretenen Nabel und das Stadium ihres produktiven Zustandes wollen die stolzen, werdenden Mütter aller Welt zu erkennen geben. Sie scheinen sich nicht zu stören über das am Nachbartisch sitzende ältere Ehepaar, das sie kritisch beäugt. Die Dame in giftgrünem Kostüm und der Herr im Anzug lachen zwar: «Wir sind halt Grufties.» Ob die alten Herrschaften wohl wissen, dass auch Jugendliche in dunkler Kleidung und mit Hang zum Okkulten so genannt werden?

Dreitagebart ist modern

Ein schweizweit bekannter Fernsehmoderator schlendert mit einem jungen Mann am Café vorbei. Auffällig die äusseren Gemeinsamkeiten: Lederschuhe, gutsitzende Anzüge, weisse Hemden und – ihre gepflegten Dreitagebärte.

«Schnurrbärte, Bärte und Koteletten sind zwar traditionell Ausdruck männlicher Stärke und Virilität, doch auch sie unterliegen dem Zeitgeschmack», sagt Modekennerin Ines. Als am Ende des 18. Jahrhunderts das Tragen von Perücken aus der Mode kam, entdeckten die Männer den Bart als modische Ausdrucksform.

Während sich erfolgreiche Geschäftsleute am ehesten mit Kinnund Backenbärten schmückten, etablierte sich der Schnurrbart als Symbol für militärischen Schneid. Zwischen 1910 und 1960 geriet der Bart wieder völlig aus der Mode. Heute wird der gepflegte kurze Bart vor allem mit Künstlern oder Intellektuellen in Verbindung gebracht. «Na ja», seufzt Ines, «die Männermode war schon immer eher langweilig. Sie zeigt weder Haut noch erotische Zonen.

Lydia Guyer-Bucher

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