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Berührung ist der soziale Kitt zwischen zwei Menschen. Fällt die Berührung weg, wird es schwierig, weil das Anfassen durch nichts ersetzt werden kann. Oder doch?

 Ist es nicht schön, Menschen zu berühren? Und ebenso wichtig, von Menschen berührt zu werden? Wenn ich von einem Menschen (den ich mag) berührt werde, wird das im Zentralhirn gespeichert. Berühre ich mich selber, registriert mein Hirn dies bloss am Rande.

Was es mit dem Berühren auf sich hat, wird zu Zeiten des «Social Distancing» – wo Abstände staatlich vorgeschrieben und Begegnungen teils untersagt sind – zu einem ernsthaften Thema. Es wird mit unterschiedlichem Ergebnis diskutiert. Die einen Menschen fühlen sich eingeschränkt, die andern entdecken neue Freiheiten. Mich regt die Aussage von Martin Buber zum Nachdenken an: Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

 Abstand ist der neue Anstan
Wie aber sollen die Begegnungen stattfinden? Die Hand als Virenträgerin ist böse in Verruf gekommen. Die altbekannte, normierte Form der Begegnung, das gegenseitige Händeschütteln, fällt weg. Die Verunsicherung ist gross. Nun gilt die Devise: Abstand ist der neue Anstand.

Der bewusste Blick in die Augen ist eine besonders schöne Form der Begegnung. Einige begrüssen und verabschieden sich voneinander mit dem Faustgruss, auch Ghettofaust genannt. Alternativ wendet man mit «Namaste» eine ursprünglich indische Grussformel an, bei der die Hände vor der Brust geschlossen werden und eine Verneigung angedeutet wird. Diese Begrüssung mögen Kinder, weil sie etwas Theatralisches an sich hat. Sie wird auch von Männern und Frauen praktiziert, die früher Sanskrit und Yoga belächelten.

Berühren oder Schauen
Wir besuchen ein Kindermuseum. Dort sind Spielsachen in Vitrinen ausgestellt. Es ist eine Reise durch die letzten Jahrhunderte der Spielzeug- und Schulwelt. Für unsere Seniorinnengruppe ist es auch ein Ausflug in die eigene Vergangenheit. Während wir älteren Semester vor lauter Ah und Oh über die Puppenstuben, Schultaschen und altertümlich illustrierten Kinderbücher unsere Augen vor den Schaukästen fast plattdrücken, haben die Kinder im Primarschul- und Kindergartenalter Mühe, sich für die witzigen Puppen und Püppchen zu begeistern.

Kurz strecken sich die Buben und Mädchen im Raum mit den vielen Spiegeln die Zunge raus. Sie verbeugen sich und lachen über sich selber. Hier wie an allen Orten, wo man nichts anfassen darf, werden die kleinen Besucherinnen rasch ungeduldig. Dort hingegen, wo es erlaubt ist, etwas in die Hand zu nehmen, sind die Kleinen fast nicht mehr wegzubringen. So blühen die Kinder richtiggehend auf, als sie alte Kindertrachten befühlen und diese dann anziehen dürfen. Ist Berühren schöner als Anschauen?

Der früh entwickelte Sinn
Der Berührungsreiz ist der am frühesten entwickelte Sinn. Untersuchungen haben gezeigt, dass Embryos bereits ab der siebten Schwangerschaftswoche auf Berührungen reagieren. Wenn ihre Lippen berührt werden, weicht der Kopf zurück.

Kleine Kinderhände werden beim Besuch eines Grossverteilers, eines Shoppingcenters oder eines Museums mit einer Trinkflasche und einer Süssigkeit davon abgehalten, etwas zu berühren. Nichts berühren! Nur mit den Augen schauen! So mahnen die Eltern ihre Sprösslinge, wenn diese die Berge von Süssigkeiten, die Flaschen und Dekorgegenstände, die Skulpturen und Bilder anfassen wollen.

Zu Coronazeiten sind die Richtlinien für kleine Kinder noch einschränkender: Bitte die Nachbarin nicht berühren! Dem Onkel die Hand nicht geben, sich dem Grosspapa nicht auf den Schoss setzen und schon gar nicht die Grossmama knuddeln.

Helen Keller, die 1968 verstorbene taubblinde amerikanische Schriftstellerin hat in ihrem Buch: «Meine Welt» bemerkenswerte Aussagen zum Thema Berühren gemacht: «Die Welt, die ich mit meinen Fingern sehe, ist lebendig und farbenfroh. Warum nur stecken nichtblinde Menschen so oft ihre Hände in die Taschen? Ist das der Grund, warum ihr Wissen manchmal unbestimmt und ungenau ist? Wenn ich meine Hand an jemandes Kehle und Wange halte, erkenne ich, ob die Stimme tief oder hoch, traurig oder lustig ist. Eine dünne Stimme eines alten Menschen fühlt sich anders an als eine junge Stimme.»

Die intelligente Hand
Es wird behauptet, der Mensch sei das klügste aller Wesen, weil er Hände habe. Kein noch so ausgeklügelter Roboter könne die Intelligenz einer Hand errechnen. Trotzdem hat die Hand ihren guten Ruf eingebüsst. Und das nicht erst durch die jetzige Pandemie.

Es scheint, dass wir in einem Zeitalter der Handvergessenheit leben würden. Oder wie soll man die Tatsachen deuten, dass heute Akademiker höher eingeschätzt werden als Handwerker; dass eine Hebamme eine akademische Ausbildung haben sollte oder dass Fussballer zehnmal mehr verdienen als Handballer?

Wenn in früheren Jahrhunderten zwei Menschen zusammenkamen und sich die Hand schüttelten, war das der Beweis dafür, dass man in guter Absicht kam und keine Waffe mit sich trug. Ein Handschlag galt schon unseren Vorfahren als juristisch verbindlich. Und zwei verstrittene Parteien versöhnten sich per Handschlag.

Heutzutage wird viel von der öffentlichen und der privaten Hand gesprochen. Man kennt die Hand als Gebärdensprache für Hörbehinderte und Gehörlose. Mit Handzeichen kann man zeigen, dass man einer Gruppe angehört. Und bekanntlich hat die deutsche Sprache viele handfeste Redewendungen: Man lebt von der Hand in den Mund. Und wer sich stark fühlt, sagt, er mache das mit Links.

Pflanzen berühren
Dass neben Menschen auch Tiere Berührungen nicht kalt lassen, ist geläufig. Vergessen geht hingegen oft, dass selbst Pflanzen auf Berührungen ansprechen. So wurde bereits im 18. Jahrhundert in den USA die Entdeckung gemacht, dass es eine «wundersame» Pflanze gäbe, die auf Berührung reagiere. Die Blattinnenfläche der kleinen Pflanze sei mit winzigen Drüsen bedeckt, die einen süssen Saft absondere, von dem «arme» Tiere zu kosten versuchten. Sobald die Beine des Insekts die «sensiblen» Teile der Pflanze berühren, würden die Blatthälften blitzschnell zuklappen und jeder Fluchtversuch würde unweigerlich scheitern.

Die Geschichte der Venusfliegenfalle, wie die Pflanze heisst, ist auch deshalb interessant, weil die damaligen Wissenschafter der Meinung waren, alle Lebewesen stünden in einer Rangordnung und es sei deshalb unvorstellbar, bei einer «niedrigen» Pflanze von Berührung zu reden, schon gar nicht, dass eine Pflanze ein Tier töten könne.

Mittlerweile wissen die Biologen von über sechshundert Pflanzenarten, die auf Berührung antworten. So ist in den hiesigen botanischen Gärten öfters die Pflanze Rühr-mich-nicht-an anzutreffen. Berührt man mit den Fingern ihre Blätter, rollen sich diese zum «Schlafen» zusammen. Warum diese Schattenpflanze auch Altweiberzorn genannt wird, weiss ich nicht. Hingegen weiss ich mit Bestimmtheit, dass sich mein (menschlicher) Altweiberzorn vergrössert, wenn wir nicht alle achtsam bleiben, denn sonst verlernen wir langsam das Berühren von Menschen und Tieren, Pflanzen und Dingen.

Lydia Guyer-Bucher