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Josef Amstutz, der damalige Generalobere der Immenseer Missionare, hat bereits 1966 in der Zeitschrift Civitas sehr zutreffend „Mission im Zeitlalter der Kolonien“ skizziert. Hier einige Ausschnitte:

Die theologischen Journalisten haben, um die Bedeutung des Konzils prägnant zu formulieren, unter anderem auch festgestellt, mit dem Konzil gehe «die koloniale Missionierung» zu Ende. Bei aller Fragwürdigkeit solcher Sentenzen trifft diese Sentenz doch eine mit Händen zu greifende Wirklichkeit.

Neuzeitliche Kolonisatoren und missionarische Pioniere hatten und haben manches gemeinsam. Das lässt sich konkretisieren anhand von zwei simplen Überlegungen. Einmal stammen sie beide aus demselben Mutterland, dem Europa des neunzehnten Jahrhunderts. Mag nun der Horizont des Missionars von jenem des Kolonisators toto coelo verschieden sein, für beide ist es das Europa der Neuzeit, das mit dialektischer Notwendigkeit auch die Kirche dieser Epoche geprägt hat. Von ihr wiederum ist unmittelbar der Missionar geprägt. Aus ihr hat er gelebt, gedacht und gehandelt. (…)

Die kirchliche Verwirklichung im Heidenland ist, trotz immer neuen und redlichen Ansätzen zu Akkommodation, dünner, brüchiger als in der großen Kirche des Abendlandes. Die Lehre des neuscholastisch gebildeten Missionars geht schwer ein. Die theologischen Begriffe, geprägt in jahrhundertelanger Denkarbeit, sind unübersetzbar. Das Recht, wiederum mit einer langen abendländischen Geschichte, setzt völlig anderes Brauchtum und Denken voraus; es ist oftmals unanwendbar. Die liturgischen Riten, verstümmelt wie sie sind, sind vielfach unverständlich. Die Volksfrömmigkeit vom Schwarzwald oder aus der Bretagne kommt nicht zum Leben in diesem Volke… Status missionis, kirchlich ärmer, zurückgebliebenes Christentum, kirchliche Kolonie.

Pioniere und Kolonisatoren

Der neuzeitliche Missionar hat ein zweites mit dem Kolonisten gemeinsam. Wie sie beide geprägt sind vom Europa (kirchlicher oder nationalstaatlicher Art) des neunzehnten Jahrhunderts, so sind beide auch von ihrer Arbeit in überseeischen Ländern markiert. Die missionarische Lebensweise ist bloß eine Abart der kolonialen. Der Missionar ist Pionier wie der Kolonisator. Wie hätte der Missionar mit denen sich nicht solidarisch wissen sollen, die gleich ihm die bittere Erfahrung eines von der europäischen Existenz so verschiedenen Lebens und Wirkens machten? Alle diese Männer (ob Kaufmann, Soldat, Administrator oder Missionar), die Europa verlassen hatten, um in der zivilisatorischen Einöde Afrikas oder Asiens «neue Welt zu entdecken» und in ihre eigene, alterfahrene und bedeutsamere «Welt Europas heimzuholen», waren von besonderer Prägung: Pioniere.

Der Missionar aber hatte eine ungleich intimere Beziehung zum «Eingeborenen». Er nahm ihn ganz anders ernst. Er wollte seine Seele retten und musste sein Gehör und seine Willigkeit gewinnen. Aber seine Arbeit stieß auf unvorhergesehene, nur ihm vorbehaltene Schwierigkeiten. Es ist demnach auch von daher nur begreiflich, dass er seine Heimatkirche idealisierte. Wichtiger aber ist, dass unter seinen Händen ein Werk entsteht, die Kapelle oder Kirche, die Schule, die Gärten, kurz: die Missionsstation. Und sie ist bevölkert, bevölkert sich jeden Sonntag, von seinen Christen. Wie der Kolonisator hat er ein Werk, eine Leistung, eine Schöpfung aus seinem Wagemut und seinem Einsatz entstanden, vorzuweisen. Sie hat ihren Grund und Bestand nicht in seinen Christen, sondern in ihm. Er ist auch der Vater seiner Christen. Versagt er, seine Intelligenz oder seine Kraft, versagen die Christen, zerfällt sein Werk. Daher die Gefahr für den Missionar, die Gefahr jedes erfolgreichen Pioniers, sein Werk in Besitz zu nehmen, es gütig und väterlich zu betreuen – und darüber zu verfügen, Paternalismus – kirchliche Kolonie.

Vielleicht ist das skizzierte Bild überblendet. Es ging um Grundtendenzen. Die sehr gewichtigen Gegeninstanzen müssten gewiss auch zur Sprache kommen – würden aber wohl kaum das Gesamtbild wesentlich modifizieren. Es geht bei alledem nicht darum, die große und providentielle (sic!) Pionier-Leistung der neuzeitlichen Missionierung polemisch zu disqualifizieren; sondern es geht darum, sie zu verstehen, um den Weg in die neue Epoche zu finden.

Quelle: Josef Amstutz. Weitersagen, wo es Brot gibt. Mission im Dialog Band 3. Herausgegeben von Ernstpeter Heiniger. Rex-Verlag 2015.