80 Jahre UNO
Der Kapuziner Adrian Holderegger ist seit 2012 «Ambassador for Peace» der Vereinten Nationen (UNO). Der emeritierte Ethikprofessor der Universität Fribourg hat in dieser Funktion an internationalen Missionen, Konferenzen und Meetings teilgenommen und seine Kompetenz als Theologe und Friedensethiker eingebracht. Zum 80-jährigen Bestehen der UNO schaut er zurück und in die Zukunft. Der Artikel erschien in der Zeitschrift Sonntag Nr. 49/2025. Das PDF kann nebenan heruntergeladen werden.
Die UNO wurde in San Francisco
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg,
am 24. Oktober 1945, gegründet
mit dem Ziel, Krieg, Massenvernichtung
und Leid, wie sie die beiden
Weltkriege gebracht haben, zu verhindern.
Im 1. Artikel der Charta ist verankert,
den Weltfrieden und die internationale
Sicherheit zu wahren und zu
diesem Zweck wirksame Kollektivmassahmen
zu treffen. Die Charta wurde
von 51 Mitgliedstaaten unterzeichnet –
heute sind es 193. Es war das erklärte Ziel,
einen Mechanismus zu schaffen, der internationale
Konflikte friedlich beilegt
und gemeinsame Lösungen für globale
Probleme ermöglicht. Die UNO als Institution
durchläuft zurzeit eine erhebliche
Krise, da insbesondere Grossmächte
nicht nur die finanzielle Unterstützung
verweigern, sondern durch eigene nationale
Interessen Lösungen zum Wohl
des globalen Friedens, der politischen
Stabilität und der nationenübergreifenden
Gerechtigkeit verhindern. Auch die
UNO steht an einer Zeitenwende.
Trotz aller Kritik darf nicht übersehen
werden, dass die UNO in acht Jahrzehnten
vieles erreicht hat. Die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte ist bis
heute eines der wichtigsten Dokumente
der modernen Zivilisation. Nicht zu vergessen
sind die Millenniumsziele wie
auch die verabschiedeten Nachhaltigkeitsziele
(SDGs), die kaum bestrittenen
globalen Massstäbe für Entwicklungszusammenarbeit,
für Bildungsstrategien,
soziale und politische Gerechtigkeit und
Umweltschutz. Die UNO hat unzählige
Friedensmissionen initiiert, zum Schutz
der Zivilbevölkerung, zur Ermöglichung
von Friedensverhandlungen und zur
Durchsetzung der Menschenrechte. Sie
hat Millionen Flüchtlinge versorgt,
Hungersnöte gelindert und beseitigt.
Und dennoch ist nicht zu übersehen,
dass die UNO immer wieder an ihre
Grenzen stösst, insbesondere dann,
wenn sich mächtige Staaten gegenseitig
blockieren und nationale Interessen
über das globale Gemeinwohl stellen.
Denn der UNO selbst stehen keine
Durchsetzungs- und Sanktionsinstrumente
zur Verfügung. Damit verschiebt
sich die ursprüngliche Idee einer Politik
der Kooperation, des Ausgleichs und des
Konsenses hin zu einer Machtpolitik,
welche nicht bloss die Glaubwürdigkeit
dieser Institution untergräbt, sondern
auch eine konfrontative, auf sich selbst
bezogene und autoritäre Politik der Nationalstaaten
fördert. Nicht zu Unrecht
wird die westliche Vorherrschaft, die
sich deutlich in den Strukturen der UNO
spiegelt, kritisiert und eine Reorganisation
eingefordert. Sie soll der multipolaren
Welt stärker gerecht werden, die im
Interesse aller und nicht bloss im Interesse
einiger Grossmächte «ihren» Frieden
und Sicherheit fördert.
Klare Bruchlinie
Die gegenwärtige Bruchlinie verläuft
nicht von West nach Ost, sondern vielmehr
von Norden nach Süden. Die wohlhabenden
Nationen des Nordens, die
jahrzehntelang die «Gestalter» der Weltordnung
waren, geraten zusehends in
die Kritik von weniger fortgeschrittenen
Ländern des Südens. Sie fordern ein multilaterales
System, das ihre Stimme und
ihre Position stärkt und den Zugang zu
den mächtigen, globalen Institutionen
ermöglicht (Weltbank, WTO, WHO,
UNESCO etc.).
Eine weitere Bruchlinie zieht sich durch
die Nationalstaaten selbst, die insbesondere
– aber nicht ausschliesslich – in
westlichen, wohlhabenden Staaten sichtbar
wird. Stark nationalistisch eingefärbte,
fast schon archaische Selbsterhaltungsreflexe
mobilisieren antidemokratische,
autoritäre Strömungen, wie wir
sie in den letzten 80 Jahren in diesem
Ausmass noch nicht erlebt haben. Das
Anwachsen der Komplexität des Alltags,
der Berg an Unsicherheiten und Ungewissheiten
in Wirtschaft und Gesellschaft,
die zunehmende Bedrohung des
globalen Friedens führen zu einer Beschwörung
der Vergangenheit, in der alles
einfacher und besser schien. Dies ist
aber eine grosse Illusion. Doch gerade
diese ruft nach starken Führungspersönlichkeiten,
die mit einfachen Lösungen
demokratische Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit,
Gewaltentrennung, Gewährung
der Grundrechte auszuhebeln
versuchen.
Weiter geht es auf dem PDF nebenan.