Magnifica humanitas: ein grossartiges Schreiben über das Menschsein
Bruder Stefan Walser: Mit Spannung wurde die erste Enzyklika – das erste große Schreiben – von Papst Leo XIV. erwartet. Es sollte um ethische Fragen rund um Künstliche Intelligenz gehen, soviel war schon im Vorfeld durchgesickert. Der Text selbst aber war bis Pfingstmontagmittag unter Verschluss. Auch bei mir stieg die Neugier und so hab ich vorab einen Chatbot gefragt, was die Grundthese der noch unbekannten Enzyklika sein wird. Die Antwort der KI: „KI kann menschliche Fähigkeiten unterstützen, darf aber niemals den Menschen auf Daten, Effizienz oder Berechenbarkeit reduzieren.“
Gar nicht so schlecht. Wie immer ist die KI-Antwort tendenziell richtig, aber zu allgemein und unkonkret. Immerhin deutet die künstlich-intelligente Antwort schon die päpstliche Antwort an: KI ist weder einfach schlecht, noch generell gut. Die Enzyklika Magnifica humanitas – übersetzt: „die großartige Menschheit“ – aber ist ungleich differenzierter.
In den ersten beiden Kapitel bietet Leo XIV. eine umfassende Einführung in die Geschichte der katholischen Sozial-Enzykliken, die mit seinem Namensvorgänger Leo XIII. 1891 begonnen hat, und legt nochmal die Prinzipien der katholischen Soziallehre dar: Menschenwürde und Menschenrechte, Orientierung am Gemeinwohl, soziale Gerechtigkeit, Solidarität. Doch diese Kapitel sind kein langwieriger Rückblick. Der Papst sagt damit vielmehr: Lass uns mal mit der „Neuheit“ von KI auch nicht übertreiben. Der Glaube stand zu jeder Zeit vor neuen sozialen Herausforderungen, etwa der Industrialisierung, der Weltkriege, der globalen Armut, der ökologischen Krise und vielem mehr. Und immer fanden sich in der ehrlichen Rückbesinnung auf die Werte des Evangeliums, Impulse, um mit Neuerungen kreativ, verantwortlich und hoffnungsvoll umzugehen.
Deswegen beschreibt Papst Leo auch keine technischen Details von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz und erklärt nicht, wie ein Algorithmus funktioniert. Das ist klug, denn dies hätte im Vergleich zu der Botschaft, die er beisteuern kann, eine nur kurze Halbwertszeit. Die wirkliche Stärke der Enzyklika ist dagegen der enorm breite Horizont und die päpstlich-intelligente Vernetzung des Phänomens künstlicher Intelligenz. KI ist eben nicht nur hilfreich oder gefährlich. KI hat mit sozialen Ungerechtigkeiten zu tun, hat positive oder negativen Einfluss auf Gesundheit, auf Arbeitsplätze, auf Erziehung und Bildung, auf Journalismus und Demokratie, auf Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Ausbeutung, auf Ökologie, auf Spiritualität, auf Menschenrechte, auf moderne Sklaverei, auf Kriegsführung und auf globalen Frieden. Diese Vernetzungen und Dynamiken aufzuzeigen und immer wieder auf kritische Punkte hinzuweisen – etwa mehrfach auf die übersteigerte Macht weniger Tech-Unternehmer –, macht diese Enzyklika so grundlegend und ergiebig.
So ist die KI-Enzyklika in Wirklichkeit eine Friedens-Enzyklika, eine Solidaritäts-Enzyklika, vor allem aber eine Menschheits-Enzyklika: Magnifica humanitatis. Gerade vor dem Hintergrund der Technisierung scheint die Einzigartigkeit des Menschseins auf: „Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein. Die Zukunft eines Menschen ist nicht berechenbar. Sie ist seiner Freiheit anvertraut, die durch die unerschöpfliche Gnade Gottes erhoben wird, sowie den Beziehungen, die er pflegt.“ (Nr. 128).
Die Enzyklika ist mit ihren 245 nummerierten Abschnitten und den vielen Aspekten relativ lang und füllt in Buchform vermutlich gut 100 Seiten. Bis ich den Text mühsam selbst gelesen habe, wusste die KI längts über alle Inhalte, Einschätzungen und Kritikpunkte des Papstes Bescheid. So habe ich dann nach meiner analogen Lektüre die KI gefragt, wie „zufrieden“ sie nun mit dem sei, was der Papst da über sie schreibt. KI-Antwort: „Ich habe keine persönlichen Überzeugungen oder Gefühle und kann daher nicht zufrieden oder unzufrieden sein.“ Genau das ist der Punkt – und das beschreibt Leo XVI treffender als es ein Chatbot je könnte: „Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet […]. Sie erfassen nicht den tieferen Sinn von Situationen, sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie […] bewegen sich nicht in jenem affektiven, relationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt.“ (Nr. 99)
Die erste Enzyklika von Papst Leo ist bei allen sozialen Problemen der Gegenwart vor allem eines: ein Hoch auf das Menschsein.
Der Kapuziner und Theologe Stefan Walser ist Juniorprofessor für Fundamentaltheologie und christliche Identitäten an der Uni in Bonn. Er lebt im Kapuzinerkonvent in Frankfurt am Main. Vgl.