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Narzissmus überwinden

Ein Standpunkt von Br. Harald Weber, Novizenmeister: Jeder möchte sich gerne in gutem Licht sehen. Den Einen gelingt das zweifel‑, manchmal auch skrupellos, Andere hingegen ringen ein Leben lang mit Selbstzweifeln und nehmen an sich fast ausschließlich das Negative wahr. Dass wir anerkannt sein, etwas gelten, gut dastehen wollen, ist ja ganz normal, menschlich. Und doch irritiert mich, was mir in Reportagen, Talkshows oder Nachrichtensendungen immer häufiger begegnet: übergroße Egos, die keinen Raum mehr lassen für andere, sofern diese sich nicht unterordnen oder applaudieren. Vielleicht ist das mein mangelndes Selbstbewusstsein, vielleicht auch Betriebsblindheit und ich übersehe selber, wo ich in meinen Projekten, Überzeugungen und in meinem Streben nach Anerkennung die berechtigten Bedürfnisse anderer aus dem Blick verliere.

Mein Werkzeug zur Selbstjustierung ist das Gebot der Nächstenliebe: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Hier ist auch schon die Abhängigkeit voneinander mitformuliert: Wer sich selbst nicht wahrnehmen, annehmen und in seiner Wahrheit achten kann, wird auch dem Mitmenschen schwer gerecht. Lieben bedeutet nicht, Schwächen zu übersehen, sondern sie auszuhalten, ohne sich selbst oder den anderen dafür abzulehnen.

Die Fähigkeit zur Selbstliebe wurzelt in der Erfahrung, von Gott vorbehaltlos geliebt zu sein. Und zwar von Anfang an, mit allen Stärken und Schwächen. Je mehr ich mich dieser Liebe öffne, desto weniger muss ich mich beweisen. Dann darf ich einfach sein.

Aus dieser Haltung kann Dankbarkeit, Gottesliebe und schließlich eine Liebe zum anderen erwachsen, die nicht vergleicht, die nicht neidet und die keine Konkurrenz kennt. Sollte es mir gelingen, soweit zu kommen, dann habe ich meine Geltungssucht überwunden. Und muss vielleicht auch nicht mehr an der Selbstdarstellung anderer leiden.

Vgl. www.kapuziner.org

Narzissmus überwinden