Soziale Gerechtigkeit sowie respektvoller Umgang miteinander
Artikel von Br. Adrian Hoderegger im Sonntag, 17/2026: Immer noch ein moderner Zeitgenosse
Das Jubiläum 2026 für Franz von Assisi ist nicht nur ein Gedenkjahr, sondern soll die Botschaft von ihm neu ins Heute bringen – besonders Themen wie Frieden, Umwelt, Einfachheit und Menschlichkeit.
Franz von Assisi, dessen 800. Todestag wir dieses Jahr am 3. Oktober feiern, gehört zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des christlichen Abendlandes. Seine Bedeutung reicht weit über die eines Heiligen der katholischen Kirche hinaus. Sein Lebensdeal und sein Lebenszeugnis inspirieren bis heute Menschen über alle religiösen und weltanschaulichen Grenzen hinweg, sei es in der Gottes- oder Naturmystik, sei es im Engagement für den Frieden oder sei es in der Suche nach einem authentischen geschwisterlichen Zusammenleben. Wie kaum eine andere Figur der Kirchengeschichte hat er über seine Bewegung gleichermassen Frauen wie Männer erfasst und blieb über die Jahrhunderte prägend für das Christentum. Doch was macht Franz von Assisi so besonders?
Zeitumstände
Die Zeit, in die Franziskus hineingeboren wurde, war von grossen Umbrüchen in Kirche und Gesellschaft geprägt. Historisch gesehen stellte diese Zeit des Hochmittelalters wohl einen der bewegtesten, fruchtbarsten und interessanten Abschnitte der europäischen Kirchengeschichte dar – vergleichbar mit den Anfängen des Christentums: Die zunehmende Urbanisierung brachte neue soziale Schichten hervor, insbesondere das wohlhabende Bürgertum; als Kehrseite dazu verarmte die ländliche Bevölkerung zusehends. Gleichzeitig entfaltete sich eine Kritik an der mächtigen, feudalistischen Kirche, deren Macht und Reichtum provozierten; aber auch die soziale Ungleichheit wurde mehr und mehr als Widerspruch zu den Ansprüchen des Evangeliums empfunden.
In diesem Spannungsfeld entstanden verschiedene religiöse, oft von Laien getragene Bewegungen, die eine Rückkehr zum ursprünglichen «apostolischen Leben» einforderten. Dazu gehörte die Armutsbewegung der Waldenser und der Katharer, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit ihren teils sektenhaften Ideen in der Kirche nicht zu integrieren vermochten. Anders Franz von Assisi: Ähnlichen Idealen verpflichtet, gelang es ihm, sich mit der radikalen Alternative seiner Armutsbewegung in einem – allerdings schmerzhaften – Prozess und mit manchen Kompromissen in der Kirche Anerkennung zu verschaffen.
Biografischer Bruch
Franziskus wurde als Sohn einer wohlhabenden Tuchhändler-Familie 1181 oder 1182 in Assisi in Mittelitalien geboren, wuchs in einer Welt des Wohlstands, gar des Reichtums und der Lebensfreude, gesellschaftlicher Anerkennung und weltlichen Rums auf. Zeitgenossen berichteten, Franziskus habe Feste geliebt, ein verschwenderisches Leben geführt und von einer Karriere als erfolgreicher Ritter geträumt – so wie viele junge Männer seiner Zeit. In gewisser Weise verkörperte er genau die Ideale des aufstrebenden Bürgertums jener Zeit mit all ihren Widersprüchen. Zum Sinneswandel, ja zu einer inneren Krise kam es, als er durch einen Konflikt mit der Nachbarstadt Perugia in eine mehrmonatige Gefangenschaft geriet, gefolgt von einer schweren Erkrankung. Bei ihm wuchsen die Zweifel an seinem von Geld, Ehre und Karriere geprägten Lebensstil. Der Rückzug in die Stille, an Orte der Einsamkeit und des Gebets, verschaffte ihm nach und nach mehr Klarheit, was seine Berufung sein würde.
Die wunderbare Episode im kleinen Kirchlein San Damiano, wo er vom Kreuz die Worte hörte: «Franziskus, geh und baue meine Kirche wieder auf» (1 Cel 10), was er zunächst in einem wörtlichen Sinne verstand, spiegelt nur den inneren, von Zweifeln und Infragestellungen geprägten Wandlungsprozess. Äusserlich vollzog Franziskus den Bruch in aller Öffentlichkeit – symbolischer hätte dies nicht sein können –, indem er, gerade mündig geworden, im Schutz des Bischofs von Assisi vor seinem Vater auf sein gesamtes Erbe und auf seinen sozialen Status verzichtete und ihm sogar seine Kleider zurückgab. Fortan lebte Franziskus in radikaler Armut, ohne jeglichen Besitz und ohne feste Behausung – oder anders formuliert: er lebte in radikaler Nachfolge des Armen von Nazareth.
Erste Gefährten
Was vielen Zeitgenossen unverständlich und im wörtlichen Sinne «ver-rückt» erschien, wurde für andere zu einer faszinierenden Alternative zu einer Gesellschaft, die sich inmitten der aufkommenden Geldwirtschaft dem Gewinnstreben, dem Wettbewerb sowie dem Bemühen um Anerkennung und Ehre verschrieb. Menschen, die von seiner Lebensweise beeindruckt waren, schlossen sich ihm an. Wir kennen ihre Namen: Bernhard von Quintavalle – ein reicher Bürger Assisis; Pietro Catai – ein Rechtsgelehrter; Aegidius – ein Tagelöhner mit tiefer Spiritualität.
Am 17. April 1208 zogen sie in die kleine Kirche San Nicolò, unmittelbar beim Dorfplatz, schlugen die Bibel auf, um den Willen Gottes zu erfragen. Es heisst, dass sie auf drei Stellen stiessen: «Willst du vollkommen sein, so geh und erkauf alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben» (Mt 19,21). Ferner: «Nimm nichts mit auf den Weg» (Lk 9,3). Und: «Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst» (Lk 9,23). Franziskus sah darin eine Bestätigung seiner Vorstellung der Lebensweise, wie sie ihm seit Längerem vorgeschwebt hatte. In diesen wenigen Sätzen erkannte er auch die Richtschnur für die Gemeinschaft mit seinen Gefährten. Das ist gleichsam die Urform der franziskanischen Bewegung mit den drei wesentlichen Elementen: radikale Armut und Besitzlosigkeit in der Nachfolge des Wanderpredigers Jesu; Demut in der Nachfolge des leidenden und gekreuzigten Jesus; Unmittelbarkeit des Verständnisses der biblischen Lebensregeln und der Aufforderungen zur evangelischen Nachfolge.
Kirchliche Anerkennung
Gemeinsam lebten sie nun als wandernde Bussprediger, ernährten sich von ihrer Hände Arbeit und nahmen sich der Armen und Kranken an. Schon ein Jahr später reiste Franziskus nach Rom, um seine aus Schriftzitaten bestehende Lebensregel von Papst Innozenz III. bestätigen zu lassen. Dieser erkannte wohl die Bedeutung des Potenzials dieser Bewegung und erteilte mündlich die Approbation. Damit gelang es ihm, die durchaus amts- und machtkritische Armutsbewegung an die Kirche zu binden. Die provisorische päpstliche Anerkennung verlieh der jungen charismatischen Bewegung nicht bloss eine gewisse Stabilität, sondern verhinderte auch eine Marginalisierung oder gar die Verfolgung als häretische Gruppierung.
Diese kirchliche «Integration» war ein schmerzhafter Prozess für beide Seiten, der erst mit der Anerkennung der «regula bullata» von 1223 zum vorläufigen Abschluss kommen sollte. Denn Franziskus weigerte sich standhaft, eine der üblichen Ordensregeln, etwa diejenige des heiligen Benedikt von Nursia († 547) oder die des heiligen Augustinus von Hippo († 430) zu übernehmen. Sein Ordenskonzept unterschied sich von diesen nicht allein durch das Armutskonzept, 2026sondern auch durch die «Entgrenzung» der Klostermauern: Die Welt als Ganzes, inmitten der Leute, wird zum Kloster. Dies erlaubte der Brüdergemeinschaft eine besondere Nähe zu marginalisierten Gruppen innerhalb der Gesellschaft – ein zentrales Anliegen von Franziskus. Auf jeden Fall verbreitete sich ab der ersten, mündlichen Anerkennung durch den Papst der «neue Orden» erstaunlich schnell über ganz Europa. Sein Ordenskonzept bzw. die Ordensregel, die im Übrigen demokratisch entwickelt und immer wieder überarbeitet wurde, ist eine bleibende, kritische Anfrage und Herausforderung an traditionelle, nur auf sich bezogene Formen der Ordensgemeinschaften – wie auch der Kirche.
Eine geschwisterliche Gemeinschaft
Franziskus hatte in jungen Jahren in seiner Stadt die revolutionären Umwälzungen miterlebt, als die üblichen, verfestigten feudal-hierarchischen Strukturen mit kommunal-partizipativen Ideen infrage gestellt wurden. Das mag ihn beeindruckt haben, so sehr, dass er aus tiefer Glaubenserfahrung heraus erkannt hat, dass es in einer evangelisch inspirierten Gemeinschaft weder Unter- noch Überordnung geben dürfe. Der Begriff «Fraternitas» war für ihn zentral, das heisst: das Ideal der konsequenten Geschwisterlichkeit. Schon in der ersten Regel hielt er fest, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft «Brüder» sein sollten und niemand Macht über den anderen ausüben dürfe (regula non bullata, Kapitel 5). Und in der endgültigen Regel heisst es: «Die Minister sollen Diener ihrer Brüder sein.» Der theologische Gedanke, dass Gott in der Menschwerdung die soziale Stufenleiter umkehre und sich zuallererst mit dem Geringsten identifiziere, wurde von Franziskus auch in seiner Gemeinschaft umgesetzt.
Sein Einsatz nach aussen – und das war eine unmittelbare Konsequenz – galt in erster Linie den Armen, Kranken und sozial Zukurzgekommenen, doch diese theologische Umkehrung sollte auch für die Gemeinschaft nach innen gelten – in der Realisierung einer radikalen Geschwisterlichkeit, in der sich Führungsverantwortung versteht als Dienst am Ganzen der Gemeinschaft. Franziskus hat die hierarchisch verfasste Gesellschaft und Kirche nicht direkt und offen kritisiert. Doch durch seine Lebensweise und seine Vision von der «Fraternitas» schuf er eine Alternative zu aristokratischen und vertikalen Machtstrukturen. Seine Betonung der Gleichheit aller, des Amtes als Dienst und der grundlegenden Haltung der Bescheidenheit (Demut) relativiert traditionelle Autoritäts- und Machstrukturen. Dies ist eine auch heute noch gültige Anfrage an konkrete politische und kirchliche Verhältnisse.
Was bleibt
Acht Jahrhunderte später hat Franz von Assisi nichts von seiner Faszination eingebüsst. Seine Kernbotschaft berührt Themen, die für die heutigen Gesellschaften nach wie vor von zentraler Bedeutung sind: soziale Gerechtigkeit, respektvoller Umgang miteinander, die Achtung der gleichen Würde aller, Frieden zwischen den Religionen, achtsamer Umgang mit der belebten und unbelebten Natur, Suche nach einem einfachen und authentischen Lebensstil – und schliesslich für die religiös «Musikalischen»: die Realisierung einer Spiritualität, die sich am Wesentlichen ausrichtet und dies in Taten der Nächstenliebe auch bezeugt.
Gewiss hat Franziskus diese Vision in der äussersten, kompromisslosesten Form menschlicher Existenz (Entsagung, Verleugnung, Ekstase) gelebt, die nur schwer zu imitieren ist. Sie ist aber ein Ideal, das dem Faktischen einen zeitlosen Spiegel vorhält und welches de facto immer noch zum Besseren anzustiften vermag. Darin liegt die Faszination.